Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 93. Kapitel: Die Lieblingsspeise Jesu.

   01] Und Lazarus besorgte gleich alles. Als wieder Brot und frischer Wein auf den Tisch gebracht wurde und wir uns ein wenig erlabten, da kam die Martha und fragte Mich, was Ich zum Abendmahle wohl am liebsten äße.
   02] Sagte Ich: »Siehe, du Meine liebe Martha! Die Menschen, die Mein Wort hören und nach demselben leben, sind Meine liebste Speise und auch Mein liebster Trank! - Hast du diese Worte nun wohl verstanden?«
   03] Sagte mit etwas ängstlich verblüffter Stimme die Martha: »Aber Herr und Meister! Du wirst doch nicht Menschenfleisch essen wollen?«
   04] Sagte Ich: »Du, Meine liebe Freundin, bist in den Dingen des Geistes noch nicht zu tief gedrungen! Meine Ich denn eine Speise für den Geist oder fürs Fleisch, so Ich sage, daß jene Menschen Meine Lieblingsspeise und Mein Lieblingstrank sind, die Mein Wort hören, es beherzigen und danach leben und handeln? Ich sage es dir und auch allen, die hier sind: Der Mensch lebt nicht allein vom Brote und Weine, sondern vielmehr von jeglichem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt, so er danach tut; und es ist sonach das Wort Gottes eine allervorzüglichste Nährspeise für den ganzen Menschen, während das Brot dieser Erde nur allein seinen sterblichen Leib ernährt und (nicht) zugleich seine Seele und seinen Geist.
   05] Wie aber Gott durch das Wort die Hauptspeise für den ganzen Menschen ist, so ist dann auch der Mensch, der Gott erkennt, Ihn über alles liebt und Seinen Willen erfüllt, ebenfalls eine gute und höchst erquickliche Speise für die ewige Liebe in Gott. Wenn du das nun verstanden hast, so magst du uns heute zum Abendmahle ein gutes Gericht von wohlzubereiteten Fischen auf den Tisch setzen!«
   06] Sagte die Martha: »O Herr und Meister, jetzt habe ich Dich schon verstanden. Daß Du zuvor nur eine geistige Speise- und einen geistigen Trank gemeint hast, und ich danke Dir inbrünstigst für Deine große Geduld mit mir; aber da Du nebstbei Deinen Wunsch für ein wohlzubereitetes Gericht von edlen Fischen ausgesprochen hast, so kann ich nun nicht umhin, Dir offen zu bekennen, daß uns der Fischvorrat gerade heute ganz ausgegangen ist. Beim Mittagsmahle ist der ganze Rest verzehrt worden, und ich bin nun mit Deinem Wunsche in eine große Verlegenheit versetzt. Was soll ich nun tun?«
   07] Sagte Ich mit freundlichster Miene: »Ja, Meine liebe Martha, das ist nun freilich eine etwas unangenehme Geschichte! Woher sollst du nun so viele edle Fische bekommen, die für uns alle genügen würden?«
   08] Sagte die Martha, noch verlegener denn zuvor: »O Herr und Meister, ich weiß es wahrlich nicht; aber Du könntest mir da wohl raten und helfen!«
   09] Sagte Ich: »Ja, das könnte Ich allerdings, wenn du dafür einen rechten und festen Glauben hättest!«
   10] Sagte Martha: »O Herr und Meister, ich glaube ja alles! Denn Du bist ja die ewige Liebe und Wahrheit selbst, und was Du sagst und willst, das geschieht auch allzeit sicher und gewissest!«
   11] Sagte Ich: »So gehe denn und sieh nach in dem Weiher, der sich, in einen großen Stein gehauen, in eurer großen Küche unter dem stets fließenden Brunnquell befindet, und du wirst darin Fische für heute und morgen in hinreichender Menge finden!«
   12] Auf diese Meine Worte eilte die Martha samt ihrer Schwester Maria in Begleitung der Maria von Magdalon hinaus in die große Küche, und sie fanden den Weiher voll mit den besten Fischen aus dem Flusse Jordan, und ihr Staunen darüber war groß. Sie kamen bald wieder und erzählten allen das Wunder, und ihr dankbares Erstaunen nahm nahe schon kein Ende.
   13] Ich aber sagte zur Martha: »Oh, erstaune darüber doch nicht gar so sehr, da Ich vor euren Augen ja doch schon so manches Zeichen gewirkt habe, sondern gehe nun und bereite uns ein gutes Abendmahl!«
   14] Auf diese Meine Worte eilte die Martha und auch die Maria hinaus in die Küche und setzten allda alles in Bewegung, damit das Abendmahl in einer Stunde Zeit bestens bereitet werden könnte. Es war aber ein sternenheller Abend, und im Westen waren noch die letzten Strahlen der untergegangenen Sonne ersichtlich, was wir durch die offenen Fenster wohl merken konnten, und es äußerten besonders die Römer den Wunsch, nun eine kurze Zeit im Freien an Meiner Seite den gestirnten Himmel und so manche abendliche Erscheinung zu besehen und zu beobachten.
   15] Und Ich sagte: »Gut, so gehen wir eine Stunde lang hinaus, und es wird sich so manches sehen, beobachten und erkennen lassen!«


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