Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 050. Kapitel: Die Dankbarkeit der Römer gegen Maria von Magdalon. (Maria Magdalena)

   01] Als wir uns aber da auf dieser Höhe noch eine Zeitlang vergnügten, da ersahen wir alle die gewisse Maria von Magdalon zur Herberge des Lazarus kommen, und sie fing auch sogleich bei dessen Dienern sich nach Mir zu erkundigen an. Diese aber hießen sie warten, bis Ich zurückkehren werde; aber sie ließ sich nicht zurückhalten, als sie uns bald und leicht auf der Anhöhe gewahrte, und zog eilenden Schrittes zu uns herauf.
   02] Als sie sich unserem Standorte nahte, da ging ihr Agrikola entgegen, grüßte sie freundlich und führte sie dann vollends zu uns, wo sie auch von den andern Römern auf das freundlichste begrüßt wurde.
   03] Sie aber sagte: »Ich weiß es wahrhaftig nicht, aus welchem Grunde mir hier eine solche Ehre zuteil wird! Ich bin nur eine Sünderin und verdiene, von allen Menschen tief verachtet zu werden; aber daß ich auch einer Ehre würdig wäre, besonders von solchen hohen Herren, wie ihr es seid, das fasset mein Verstand nicht. Dazu bin ich nun nur hergekommen, um allein dem Herrn meines Lebens zu danken, da Er mich von den argen Geistern des Fleisches erlöst hat; aber um mich ehren zu lassen, bin ich nicht hierher gekommen!«
   04] Sagte Agrikola: »Höre, du holde Maria von Magdalon! Wir alle, die wir aus Rom hierher gekommen sind, haben dir gar vieles zu verdanken; denn hättest du uns an jenem Abende vor ungefähr acht Tagen nicht hierherauf den Weg gezeigt und uns auch geführt, so hätten wir vielleicht gar nicht das ewig unschätzbare Glück gehabt, den Herrn alles Lebens und alles Seins persönlich kennen, Ihn als den allein wahren Gott erkennen und über alles lieben zu lernen. Siehe, darin liegt denn auch einzig und allein der Grund, dessentwegen wir dir so dankbar sind und auch fortan bleiben werden; und so wundere dich nun darob nicht also sehr, wenn wir dir so freundlich entgegenkommen! Denn wir erachten das als unsere Pflicht, weil du uns zu einem so unschätzbarsten Glück verholfen hast.
   05] Denn wir haben ein gutes Staatsgesetz, laut dem derjenige, der durch einen andern Menschen zu einem großen und wahren Glück gelangt ist, eben diesem Menschen zeitlebens im hohen Grade dankbar zu verbleiben hat durch Gebärden, Worte und Taten, auch dann, wenn der Mensch, durch den ein anderer zum großen Glücke kam, nicht darum wußte, daß er seinem Nebenmenschen zu einem Glücke verhelfen werde. Die Dankbarkeit hat sich auch auf des Glück verursachenden Menschen Nachkommen zu erstrecken.
   06] Was sind aber alle materiellen Glücksgüter, zu denen ein Mensch durch einen andern gelangen kann, gegen diese rein geistigen, die wir hier geerntet haben? Durch diese haben wir den allein wahren Gott und durch Ihn uns selbst, die wir verloren waren, und das wahre ewige Leben unserer Seelen gefunden, und das ist endlos mehr, als so du uns zu allen Schätzen der Erde verholfen hättest. Und darum sind wir dir, da du die erste Veranlasserin dazu warst, auch allen Dank für alle Zeiten schuldig.
   07] Wärest du eine Arme an irdischer Habe, so würden wir dich auch königlich belohnen; da du aber ohnehin mit den Gütern dieser Erde reichlichst versehen bist, so können wir dir wohl unsere Dankbarkeit mit nichts anderem als mit unseren wahren und ungeheuchelten Worten, wie sie in unserem Herzen gewachsen sind, allerfreundlichst ausdrücken, und du wirst solche unsere dir pflichtschuldigste Dankbarkeit nicht von dir weisen?«
   08] Sagte nun ebenfalls in einem sehr freundlichen Ton die Maria von Magdalon: »Es ist das wohl gar sehr schön und artig von euch edlen Römern, daß ihr mir darum dankbar sein und bleiben wollet, weil ich euch zufällig - wahrlich ohne mein Wissen und Willen - zu einem, wie sich's leicht begreifen läßt, so endlos großen Glück verholfen habe, aber es gebührt mir darum dennoch kein Dank und keine Ehre; denn das war alles also des Herrn Wille, und ich selbst war nur Sein stummes und blindes Werkzeug. Und so seid ihr dem Herrn allein auch nur allen Dank und alle Ehre schuldig!«
   09] Sagte abermals Agrikola: »O du liebe und holdeste Maria von Magdalon! Das wissen wir auch, daß wir alle nur Ihm allein alles zu verdanken haben; aber wir denken da nun also: Wollen wir dem Herrn unsere wahrste und vollste Dankbarkeit für die endlos große Gnade erweisen, die Er uns nun in einem so nie erhört überschwenglichsten Maße erwiesen hat, so dürfen wir das Werkzeug, dessen Er Sich zu unserer Heiligung bedient hat, doch nicht verächtlich über die Achseln anblicken, sondern es auch ehren des Herrn wegen. Und nur in dieser Hinsicht ehren wir nun dich denn auch, abgesehen davon, ob du zu unserem größten Lebensglücke ein sehendes oder nur blindes Werkzeug in der allmächtigen Hand des Herrn warst, und ich bin der Meinung, daß das auch in der Folge beachtet werden wird. Denn wenn man das Werkzeug des Herrn nicht mit dankbarem Herzen begrüßen möchte, wie stünde es dann mit der wahren Nächstenliebe, die wir doch nach der Lehre des Herrn sogar unseren Feinden schuldig sind und sicher um so mehr denen, durch die uns der Herr so große Gnaden zukommen ließ?
   10] Siehe, du unsere nun holdeste und unvergeßliche Freundin, da habe ich recht und lasse es mir von gar niemand bestreiten und nun schon am allerwenigsten von dir, die der Herr zu unserem Glücks- und Leitstern auserkoren hat, und wir dir darum Ehre und wahre Liebe schulden! Laß mich darum nur bei meinem guten Rechte!«
   11] Sagte die Maria von Magdalon: »Ja, ja, in dieser Hinsicht hast du, hoher Herr, schon ganz recht, aber ich selbst werde darum den Herrn, meine einzige Liebe, loben, rühmen und preisen immerdar, daß Er mich, eine große Sünderin, zu einem blinden und stummen Werkzeuge gemacht hat! Denn hätte ich gewußt, daß Er hier oben sei, so hätte ich euch nicht hierherauf geführt; denn ich hätte es als eine zu grobe Sünderin ja selbst nicht gewagt, mich dem Herrn zu nahen, da ich von der Wahrheit Seiner Lehre und Seines heiligsten göttlichen Wesens nur zu tief überzeugt bin und auch einsehe, daß eine Sünderin, wie ich eine war, nie wert sein und werden kann, sich Seiner heiligsten Person zu nahen.
   12] Ich aber wußte erstens nicht, daß sich der Herr hier aufhalte mit Seinen getreuen Jüngern; aber das wußte ich, daß diese Bergherberge eine der besten von ganz Jerusalem ist. Und weil diese Herberge gewöhnlich von den Fremden besucht wird, so habe ich, da ihr mich in einer Straße der Stadt aufhieltet und um eine gute Herberge befragtet, euch hierherauf geführt und habe daher von euch nur den Dank nach menschlicher Weise zu beanspruchen, der mir als einer Wegweiserin zu einer guten Herberge gebührt; aber dafür, daß ihr hier der höchsten Gnade des Herrn teilhaftig geworden seid, gebührt mir wahrlich kein noch so geringer Dank, da es unmöglich in meiner Absicht hat liegen können, euch solche hier zu verschaffen, indem ich selbst keine Ahnung haben konnte, daß ihr einer solchen hier würdet teilhaftig werden. Daher gebet darum nur allein dem Herrn allen Dank und alle Ehre, und gedenket deshalb meiner nicht, worum ich euch sogar inständigst bitte!«
   13] Hierauf sagte Ich: »Höre du, Meine Maria! Du hast nun ganz wohl und wahr gesprochen und hast völlig recht in deinem Teile; aber auch die Römer haben recht in dem ihrigen. Daß du Mir allein alle Ehre und allen Dank zuwendest, dadurch zeigst du, daß du vom wahren Geiste der Demut vollends erfüllt bist und dir darum auch alle deine Sünden vergeben sind; aber auch die Römer zeigen, daß sie vom rechten Geiste der Nächstenliebe durchdrungen sind, und begehen deshalb keine Sünde gegen Mich, so sie dich in ihrer dankbaren Erinnerung behalten, wenn du auch nur ein blindes Werkzeug Meiner Liebe und Meines Willens warst.
   14] Ich aber sage nun bei dieser Gelegenheit allen: Ihr sollet zwar nicht suchen Dank und Ehre bei den Menschen, denen ihr in Meinem Namen werdet Gutes getan haben, so wie auch Ich Selbst bei den Menschen desgleichen nicht suche, da Der, der in Mir wohnt, Meine allerhöchste Ehre ist; aber so euch die Menschen für die in Meinem Namen erwiesenen höchsten Lebenswohltaten verunehren und mit Undank begegnen werden, so werde Ich ihnen das ebenso anrechnen, als hätten sie Mir Selbst das angetan! Denn wer den rechten Jünger, den Ich erweckt habe, nicht ehrt und ihm in Meinem Namen nicht dankbar ist, der ehrt auch Mich, den Herrn und Meister, nicht und ist Mir für die ihm erwiesene Gnade auch nicht dankbar.
   15] Denn so Ich Jünger und Propheten erwecke, so geschieht das nicht der Jünger und Propheten allein wegen, sondern aller Menschen wegen; und darum sollen die Jünger und Propheten auch als das geachtet werden, als was sie von Mir berufen sind. Wer denn einen Jünger und einen Propheten in Meinem Namen mit Liebe und rechter dankbarer Achtung aufnehmen wird, dem werde Ich es auch also anrechnen, als hätte er Mich Selbst also aufgenommen, und er wird denn auch dereinst eines Jünger- und Prophetenlohnes teilhaftig werden. Und deren Lohn wird wahrlich kein geringer sein!
   16] Aber wehe auch jenen falschen Jüngern und Propheten, die sich gleich den Pharisäern und Hochpriestern von den Menschen werden ehren lassen und solches von den Menschen sogar gesetzlich verlangen werden! Wahrlich, die sollen als Diebe und Räuber angesehen werden und dereinst vor allen Engeln zu großen Schanden werden! Je mehr Ehre sie sich in dieser Welt für sich nehmen werden, desto mehr der ärgsten Schande werden sie dereinst zu gewärtigen haben.
   17] Dieses sollet ihr euch alle auch wohl merken und könnet das auch leicht; denn so ihr Mein Gebot der wahren und reinen Nächstenliebe recht in Betrachtung ziehet, so werdet ihr es gar leicht begreifen, daß jedem rechten und wahren Menschen der stinkende Hochmut seines Nebenmenschen am meisten weh tut!«


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