Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 044. Kapitel: Jesus über die Naturgeister der Luft.

   01] Sagte Ich: »Du hast nun zwar recht wohl geredet, und es wird sich diese nun euch gegebene Lehre bis ans Ende der Zeiten rein bei den Reinen erhalten; aber wenn du meinst, daß es nun mit dem Judentum auch anders stünde, so Moses und die Propheten ebenso klar zu dem Volke geredet hätten, wie Ich nun zu euch geredet habe, da sage Ich dir, daß du darob in einer großen Irre bist. Denn hätten Moses und die Propheten in der Weise zum Volke gesprochen, wie Ich nun zu euch geredet habe, da hätte das Volk, das sich damals nur in der Bildersprache am leichtesten verständigen konnte, weder Moses noch die Propheten verstanden.
   02] Damals besaß selbst das ganz einfache und gemeine Volk die Wissenschaft der Entsprechungen, und seine Schrift waren Bilder, und seine Sprache richtete sich nach den dem Volke wohlbekannten Bildern. Als aber das Volk dann später irdisch wohlhabender und angesehener geworden war, da bekam es auch bald eine Menge irdischer Bedürfnisse, und um diese zu befriedigen, mußte es sich auch eine Menge natürlicher Mittel dazu verschaffen. Nun, die vielen Bedürfnisse und die vielen Mittel bekamen auch ihre ganz einfachen Wortnamen, hinter denen keine entsprechenden Bilder sich vorfanden. Diese erst später von den Menschen gebildeten einfachen Namen der vielen Bedürfnisse und der Mittel zu ihrer Herbeischaffung verdrängten dann nur zu bald die Bilderschrift und ihre innere Bedeutung, und so waren da weder Moses noch die Propheten schuld daran, daß sie von den gegenwärtigen Juden nicht mehr verstanden werden, sondern nur die Menschen selbst, die durch ihren selbstverschuldeten und immer wachsenden Weltsinn die Kunde der alten Schrift und Sprache, die immer Tiefgeistiges in sich barg, ganz verloren haben.
   03] Hättest du zu Mosis Zeiten also geredet, wie du nun redest, so hätte dich damals weder Moses noch einer der andern Propheten verstanden; da sich aber nun bei euch die alte Sprache aus den euch bekanntgegebenen Gründen in dieser Zeit so gänzlich verloren hat, so müßt ihr auch darin die Ursache suchen, wegen der ihr nun Moses und die Propheten nicht verstehen könnet.
   04] Aber nun fängt es im Aufgange zu grauen an, und unsere Templer im andern Saale fangen an, sich dahin zu rühren, um bald den Weg in ihre Wohnungen anzutreten und dort die sich fest vorgenommenen Anordnungen zu ihrer Abreise zu treffen. So sie bald von hier abgezogen sein werden, dann werden wir uns hinaus ins Freie begeben und daselbst unsere Betrachtungen machen.
   05] Du, Freund Lazarus, aber wirst wohl tun, wenn du einige deiner Knechte den Templern zum Geleit bis zum Gartentore mitgehen lässest; denn sie sehen in ihren Gedanken die drei Löwen unten am Wege lauern, was ihnen das Fortgehen ängstlich macht. Darum laß einige Knechte zu ihnen in ihr Gemach treten und ihnen sagen, daß von den Löwen keine Spur mehr vorhanden ist! Sollten sie aber noch bedenklich sein, da auch sollen ihnen die Knechte die Begleitung anbieten, die die Templer mit Freuden annehmen und darauf aber gleich abziehen werden, und wir können uns dann sogleich ins Freie hinausbegeben.«
   06] Lazarus tat das sogleich, und in wenigen Augenblicken waren die Knechte schon dienstfertig und in einer kleinen Viertelstunde geschah auch schon der Abzug der Templer.
   07] Darauf berief Ich Meinen Raphael und sagte der Anwesenden wegen laut zu ihm: »Du aber versorge nun unsere Jungen, und bringe sie vor uns nach Bethanien auf einem Wege, der kein allgemeiner ist! Dort erwartet uns; denn wir werden in drei Stunden nachkommen!«
   08] Da begab sich Raphael eiligst zu der Jugend und brachte auch alles schnell zurecht.
   09] Unterdessen war es heller geworden, und wir verließen die Herberge und begaben uns auf die Anhöhe, die schon beschrieben ist. Am Himmel schimmerten noch die größeren Sterne, der Mond in schon starker Sichelgestalt und der Planet, Venus genannt, was alles einen herrlichen Anblick gewährte.
   10] Es war aber der Morgen ziemlich kühl, und die Römer sagten: »Herrlich wäre dieser seltene Anblick wohl, wenn der Morgen nur nicht so empfindlich kühl wäre!«
   11] Sagte Ich: »Diese Kühle ist zwar für die Haut ein wenig unangenehm, aber dafür stärkend für Leib und Seele; denn nun ziehen die reineren Geister in der Luft an uns vorüber. Aber so es euch zu kühl ist, da will Ich schon machen, daß es euch von innen aus wärmer wird. Doch wir andern bleiben in dieser reinen Temperatur!«
   12] Da sagten die Römer: »Oh, da bleiben auch wir; denn eine größere Stärkung für Leib und Seele kann auch uns Römern nicht schädlich sein!«
   13] Und so blieb darauf alles heiter und zufrieden, und niemand achtete der Kühle mehr.
   14] Da aber sagte Agrikola zu Mir: »Herr und Meister, haben denn die nun an uns vorüberziehenden Geister auch irgendeine für sich abgegrenzte Gestalt, oder sind sie gestaltlos nur so ineinander verschwommen wie im Meere ein Tropfen Wasser in den andern?«
   15] Sagte Ich: »Mein Freund, da wird es ein wenig schwer werden, dir in dieser Hinsicht eine völlig verständige Antwort zu geben; aber wir wollen es auf eine andere Art versuchen! Ich werde euch Römern auf einige Augenblicke wieder die innere Sehe auftun, und ihr möget euch dann selbst eine rechte Antwort aus dem Geschauten verschaffen!«
   16] Das war den Römern recht, und Ich öffnete ihnen sogleich die innere Sehe, auch dem Agrippa und dem Laius, die uns aus Emmaus hierher gefolgt und noch bei uns waren.
   17] Nun ersahen diese eine zahllose Menge von allerlei Gestalten gedrängt aneinander an sich vorüberschweben, und Agrippa sagte: »Ah, das ist aber doch sonderbar! Welch eine Unzahl von nicht beschreibbaren Formen und Gestaltungen! Da sieht man allerlei Kräuter und Pflanzen, auch Sämereien dazwischen! Auf den Pflanzen ersieht man auch eine Menge von allerlei Insekteneierchen, deren Larven und auch schon ausgebildete Insekten. In ihnen, sowohl in den Pflanzen, deren Sämereien, wie auch in den Insekteneierchen, in deren Larven, wie auch in deren schon völlig ausgebildeten Insektenformen ersieht man wie helleuchtende Punkte und zwischen den besagten Formen ersieht man unermeßbar viele ganz kleine Lichtpünktlein mitschweben. Und es geht alles bunt und munter durcheinander, und keines vermengt sich mit dem andern. Also, das sind die reineren Naturgeister?«
   18] Hierauf machte Ich wieder der Römer innere Sehe zu, und sie sahen wieder nichts als nur die reine Luft.
   19] Da sagte Agrikola: »Herr und Meister, was haben denn diese Geister für eine besondere Bestimmung? Wird aus ihnen erst alles das in der materiellen Welt, wozu sie offenbar die Anlagen in ihren Formen in sich tragen, oder sind das gewisserart die Seelen verstorbener Pflanzen und Kräuter und Bäume und Insekten?«
   20] Sagte Ich: »Das zweite nicht, aber das erste wohl in der Weise, wie ihr sie nun mittels der inneren Sehe geschaut habt!
   21] Ihre Intelligenz, die sich auch durch die Form offenbarte, treibt sie an, sich mit all dem schon Bestehenden auf dieser Erde zu einen, was ihrer Form engst verwandt ist. In den Pflanzen werden sie hernach tätig, und von ihrer Vielheit und erhöhten Tätigkeit hängt dann auch der Reichtum einer oder der andern Ernte ab, sowie auch die Vielheit der verschiedenartigsten Kleintiere, die ihr Mücklein, Insekten und Würmchen nennet. Das sind aber auch stets die ersten Tiere einer werdenden Erde, deren Seeleneinigung dann erst die größeren Tiere einer Erde ins Dasein ruft.«
   22] Sagte Agrikola: »Herr und Meister, aber warum konnten wir denn nun keine Seelen von schon verstorbenen Menschen dieser Erde sehen?«
   23] Sagte Ich: »Aus zwei Ursachen. Fürs erste habe Ich eure innere Sehe nur so weit aufgetan, daß ihr die schon mehr in die Materie übergehenden Naturgeister habt erschauen können, was zum untersten Grade des inneren Schauens gehört, welches manche einfachen Menschen von Natur besitzen. Mit diesem Grade des inneren Schauens aber lassen sich die Seelen, besonders die schon vollendeteren, nicht erschauen, weil dieses Schauen noch mehr zum materiellen als zum reinen, geistigen Schauen gehört.
   24] Zum zweiten aber, was die unlauteren Seelen betrifft, die ihr mit diesem euch von Mir nun auf einige Augenblicke verliehenen inneren Schauen hättet sehen können, so befand sich deren keine an diesem Orte, und so habt ihr auch keine sehen und wahrnehmen können; denn derlei Seelen wittern die Örtlichkeit Meiner persönlichen und vollen Gegenwart und meiden dieselbe auf das allersorgfältigste. - Und da hast du nun die beiden Ursachen, warum ihr bei dieser Gelegenheit keine abgeschiedenen Seelen habt sehen und wahrnehmen können!«
   25] Mit dieser Erklärung waren alle Römer vollkommen zufrieden und fragten Mich um derlei weiter nicht mehr.


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