Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 030. Kapitel: Problematik des Wissens um die Zukunft.

   01] Sagte nun Lazarus: »Herr und Meister! Diese Deine nunmalige Erklärung übertrifft alles, was wir bis jetzt von Dir gehört und gesehen haben, und es wird mir erst jetzt vollends klar, warum Du Selbst zu uns Menschen als Selbst Mensch gekommen bist, um uns zu belehren über Gott und über uns selbst: weil wir von Dir aus bestimmt sind, ewig fortzuleben in der höchstmöglichen Selbständigkeit, was wir aber erst durch unsere Selbsttätigkeit nach Deiner Lehre uns frei erringen müssen, wollen und mit Deiner Hilfe auch werden.
   02] Jetzt erst haben wir einen vollständig richtigen Begriff über Dich und auch über uns selbst und wissen auch, warum dies und jenes zu tun notwendig ist; denn ohnedem wäre es wohl keinem Menschen möglich, das wahre, ewige Leben zu erringen. Nun kennen wir das Wesen Gottes wahrhaft und kennen aber auch uns selbst. Nun ist es also denn auch ein leichtes, auf dem wohl erleuchteten Wege zum Leben fortzuwandeln. Aber wie viele tausendmal Tausende von Menschen haben keine Ahnung von allem dem und sind genötigt, den Weg des Verderbens fortzuwandeln! Wann sie möglich daraus, so wie wir nun, werden erlöst werden können, das weißt Du allein; uns aber bleibt nur der Wunsch übrig, daß die Menschenseelen sobald als möglich aus der zu großen Drangsal möchten befreit werden. Denn je heller und freier wir nun durch Deine Gnade werden, desto mehr und tiefer fühlen wir auch das Unglück aller derer, denen diese Gnade nicht zuteil wird.
   03] Aber was läßt sich da machen? Wenn Du Selbst das also zuläßt aus Dir bekannten, sicher höchst weisen Gründen, so muß das denn auch uns also recht sein. Aber wie lange wird das noch dauern, bis alle Menschen auf der ganzen Erde eines Glaubens, eines Lichtes und eines wahren Brudersinnes werden?«
   04] Sagte darauf auch Agrikola: »Ja, das ist auch fortwährend mein Kummer! Auch mich fängt mein stets helleres Licht im Herzen darum ganz ordentlich zu beengen an, weil ich dabei den Abstand der andern, beinahe gesamten Menschheit nur zu klar erschaue. Herr und Meister, Dir ist die Zukunft so bekannt, wie Dir sicher alle unsere Gedanken und Wünsche bekannt sind, und so könntest Du uns schon auch eine ganz bestimmte Zeit angeben, in der doch sicher der größte Teil der Menschen sich eines höheren und wahren Lebenslichtes wird zu erfreuen haben!«
   05] Sagte Ich: »Es ist dem Menschen, solange er auf dieser Erde als im Geiste noch nicht völlig wiedergeboren wandelt, eben nicht gar besonders zum Guten dienlich, wenn er um gar zu vieles weiß, und die ihm zu klar enthüllte Zukunft würde sein noch zu wenig starkes Gemüt erdrücken und leicht zur Verzweiflung bringen.
   06] Bedenke du nur den einzigen Umstand, wie es den Menschen zumute wäre, so sie ganz bestimmt wüßten, in welcher Zeit und Stunde sie dem Leibe nach sterben werden! Es ist ihnen schon unangenehm zu wissen, daß sie sicher sterben müssen; wie noch unangenehmer wäre es ihnen, auch das Jahr, den Tag und die Stunde zu wissen, wann der Leibestod über sie kommen werde!
   07] Ah, etwas ganz anderes ist es mit dem hier schon völlig im Geiste alles Lebens wiedergeborenen Menschen, der sein künftiges Leben schon in aller Klarheit in sich hat und allerwahrst und lebendigst fühlt! Der kann seines Leibes Ziel und Ende schon ganz genau zum voraus wissen; denn die Zeit der Abnahme der schweren Bürde wird ihn nicht mit Trauer, sondern nur mit einer höchsten Freude erfüllen. Aber bei einem gewöhnlichen Menschen würde solch eine bestimmte Voraussicht sicher von einer höchst traurigen Wirkung sein.
   08] Darum forschet auch ihr nicht zu emsig nach der Gestaltung der Zukunft, sondern begnüget euch mit dem, was ihr als zum Heile eurer Seele Nötiges wisset, und dann auch mit dem, daß Ich in Meiner Liebe und Weisheit darum weiß und sicher alles so werde kommen lassen, wie es zu jeder Zeit für die gute oder auch entartete Menschheit sicher noch immer am besten sein wird, und ihr werdet dann auch jede böse und gute Zukunft erträglich finden!
   09] Wenn ihr aber selbst im Geiste des Lebens werdet wiedergeboren sein, so werdet ihr auch in die Zukunft zu schauen imstande sein und werdet darob nicht betrübt und schwach werden.
   10] Wie es sich aber in der ferneren Zukunft gestalten wird, habe Ich erstens durch die Nachterscheinung schon ziemlich klar gezeigt und noch klarer in der Erklärung der zwei Kapitel des Propheten Jesajas, und Ich werde euch schon noch ein Weiteres von dem Ende der eigentlichen argen Menschenwelt zeigen, womit ihr zwar auch nicht besonders zufrieden sein werdet. Aber in dieser nunmaligen Mitternachtsstunde lassen wir die Sache noch auf sich beruhen; denn wir haben noch um vieles notwendigere Dinge miteinander zu besprechen und zu verhandeln. Wer von euch denn noch etwas hat, der frage, und Ich werde ihn erleuchten.«


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