Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 7. Kapitel: Lazarus tadelt die Lauheit der Pharisäer.

   01] Sagte der zweite, gute Redner: »Ja, Freund Lazarus, da kann ich dir durchaus nicht unrecht geben; denn wäre ich an deiner Stelle, so würde ich auch das tun, was du tust! Aber so kann ich das, wie jede andere bessere Überzeugung, nur geheim bei mir behalten, weil ich in meiner Stellung nicht offen gegen den argen Weltstrom schwimmen kann. Du aber bist ein überreicher und nun durch dein römisches Bürgerrecht ein ganz freier Mann und kannst des Guten so viel tun, als du nur immer willst. Niemand kann dir in die Quere treten! Wie wir Templer aber nun stehen, das weißt du ohnehin! Darum können wir nur im stillen der Wahrheit zugetan sein; offen aber sind wir genötigt, der Lüge das Wort zu reden. Daß es sich aber mit uns, die wir noch den älteren und besseren Tagen angehören und die Wahrheit für uns wohl begreifen, leider nun in dieser neueren Lügenzeit also verhält, weißt du so gut wie wir.
   02] Ich glaube nun das, was du glaubst, und es ist also und wird nie anders werden, da zu große und unleugbarste Beweise aller Art und Gattung nur zu sehr dafür sprechen und zeugen; aber wir können offen dennoch nichts dafür tun, außer daß wir uns im Rate jeder Stimmung weder dafür noch dawider ganz kategorisch enthalten und bei guter Gelegenheit dartun, daß bei dieser Gelegenheit ein jeder Verfolgungsversuch ein rein vergeblicher ist. Und ich meine, daß wir dadurch der guten Sache, wennschon nicht gerade förderlich, so aber doch nicht als hinderlich erscheinen, und das kann denn am Ende doch auch nicht als etwas völlig Schlechtes angesehen werden! - Was ist da deine Meinung, Freund Lazarus?«
   03] Sagte Lazarus: »Freund, offen gesagt: Wenn man von einer so großen und alles Sonnenlicht übertreffenden Wahrheit in sich völlig überzeugt ist, sich aber offen vor der Welt dennoch nicht getraut, sich zu ihren Gunsten auszusprechen - abgesehen von jeder wie immer gearteten Stellung in dieser Welt -, so ist man da immer mit einem Menschen zu vergleichen, der da nicht kalt und auch nicht warm ist. Wenn ich mir nun denken und laut der größten und unwiderlegbarsten Beweise gläubigst sagen muß: "Das ist der Herr Selbst, durch dessen Liebe, Gnade und Willen ich lebe!" - wie das auch alle Propheten von Ihm vorausgesagt haben -, so ist Er allein mir alles und alle Welt und der ganze Tempel nichts mehr! Er hat nun erfüllt, was Er verheißen hat; Er, der auf Sinai dem Moses und unseren Vätern die Gebote gegeben hat, ist nun leibhaftig unter uns und zeigt uns durch Worte und Taten, daß Er es ist, der ewig getreue, wahrhaftige Jehova. Wie ist es da einem wahren Menschen noch möglich, sich bei einer so endlos hochwichtigsten Lebenssache lau zu verhalten?!
   04] Ich an eurer Stelle, indem ihr es ohnehin einsehet, daß es mit dem Tempel, wie er nun bestellt ist, keinen langen Halt mehr haben wird, würde mein Vermögen nehmen und sehen, ein wahrer Lebensjünger des Herrn zu werden. Ihr könnt von nun an im Tempel nicht für euer irdisches Leben viel mehr irgend gewinnen, weil die Opferungen von Jahr zu Jahr aus sehr begreiflichen und euch wohlbekannten Gründen um ein sehr bedeutendes magerer werden. Dazu seid ihr aber auch schon so ziemlich an der Neige eurer irdischen Lebensjahre und müsset euch selbst sagen: Mit uns wird es auf dieser Welt wahrscheinlich nicht gar zu lange mehr dauern! Was dann?
   05] Über das Jenseits habt ihr meines guten Wissens wohl Vermutungen, aber durchaus noch lange keine Gewißheit. Der Herr, der nun wunderbarstermaßen unter uns Menschen als Selbst Mensch wandelt, könnte euch das Jenseits zeigen und euch des künftigen Lebens versichern, und das wäre für euch doch sicher der größte Lebensgewinn! Was dünket euch?«
   06] Sagte der erste Redner: »Ja, ja, Freund, da hast du ganz wohl gesprochen, und es wird sich mit dem Galiläer die Sache auch also verhalten; aber man muß auch das bedenken, wie man sich auf eine gute Art vom Tempel bei machen kann, damit es den andern Amtsgenossen nicht auffalle. Wären wir nicht die Ältesten des Tempels, so könnten wir uns unter irgendeinem Vorwande aus dem Tempel entfernen, etwa als Judenapostel, um irgend Heiden zum Judentum zu bekehren; aber wir sind dazu schon zu alt und bekleiden die ersten Stellen im Tempel, und so ist das eine schwere Sache.
   07] Wir könnten uns wohl in den Ruhestand setzen lassen gegen Rücklassung des zehnten Teiles unseres Vermögens, aber wir würden dadurch der guten Sache des erhabenen Galiläers offenbar mehr schaden als nützen; denn so wir unsere Stellen im Tempel verlassen, so werden sie ehest von anderen besetzt, die ohnehin schon darauf lauern. Diese unsere Stellvertreter würden als gewisserart neue Kehrbesen der guten Sache des Galiläers sicher um noch gar viele Male wütender entgegentreten als wir, die wir nun durch dich wissen, was wir zum wenigsten für uns von ihm zu halten haben.
   08] Wir können nun im Hohen Rate beschwichtigend für den Galiläer wirken und ihm so manche Hindernisse bei seinem erhabenen Lehramte aus dem Wege räumen, weil wir als Älteste des Tempels denn doch auf den Hohepriester, der in seiner Sphäre ein wahrer Tyrann ist, einen bedeutenden Einfluß haben, und können ihm auch bei guter Gelegenheit so manches Außerordentliche mitteilen und ihm zeigen, wer der ihm so überaus verhaßte Galiläer ist, und daß es ein Wahnsinn ist, sich als ein schwacher Mensch einem Menschen entgegenzustellen, dessen Wille eine ganze Welt im Augenblick zu vernichten imstande ist.
   09] Wenn wir dem Hohenpriester das so recht kernfest darstellen, so wird er in seinem wilden Eifer sicher kühler werden und nicht oft Tag und Nacht Rat halten, wie der Galiläer mit seinem ganzen Anhange zu ergreifen und zu verderben wäre. Wir für uns aber werden dann geheim schon wohl eine Gelegenheit finden, als nunmehr wahre Freunde und Anhänger des Galiläers mit ihm irgend persönlich zusammenzukommen und uns von ihm belehren zu lassen. Ich meine, daß diese meine Ansicht sich auch hören läßt?«
   10] Sagte Lazarus: »Oh, allerdings; aber es sieht dabei für euch selbst der Wahrheit nach noch wenig Heil heraus! Was ihr von nun an zu Seines Amtes Gunsten im Tempel tun wollet, hat ein gutes, menschliches Ansehen; aber so ihr bedenket, daß Er, den ihr noch immer den berühmten Galiläer nennet, wahrhaft der Herr Selbst ist, dem alle Weisheit und Macht zu Gebote steht, so muß es euch dabei ja doch klar sein, wie albern und eitel der Gedanke ist und wie dumm des Menschen Einbildung, in seiner sterblichen Schwäche und Blindheit irgend durch einen Rat oder durch eine Tat Gott helfen zu wollen. Er bedarf unserer Hilfe ewig nicht, sondern wir nur der Seinigen!
   11] Wenn Er uns Menschen Gutes in Seinem Namen tun und wirken läßt, so geschieht das nur unseres eigenen Heiles wegen; denn dadurch üben wir uns in der wahren und lebendigen Liebe zu Gott und aus dieser zum Nächsten. Je mehr aber jemand in der Liebe zu Gott und zum Nächsten in seinem Herzen zugenommen hat, desto mehr Fähigkeiten wird er von Gott erhalten, Ihn und den Nächsten noch immer mehr und mehr lebendigst lieben zu können!
   12] Aber darum benötigt Gott unserer Tätigkeit nicht, wie etwa wir Menschen der Tätigkeit unserer Knechte und Mägde benötigen, sondern so wir nach Seinem Rate und nach Seiner Lehre tätig sind, so sind wir das nur zu unserem Heile, aber ewig nie etwa zum Heile des Herrn, der Selbst das ewige Heil aller Kreatur ist.
   13] Daß sich hier die Sache also und nicht anders verhält, werdet ihr nun wohl leicht selbst einsehen, das heißt, so ihr in eurem berühmten Galiläer das sehet und erkennet, was ich schon lange gesehen und erkannt habe, nämlich, daß Er der Herr Selbst ist.
   14] Haltet ihr Ihn aber noch immer für einen bloß außerordentlichen Menschen, der bei allen seinen wunderbaren Fähigkeiten denn zuweilen doch auch noch der Mithilfe der Menschen bedarf, dann ist das, was ihr für Ihn tun wollet, allerdings löblich; denn die Nächstenliebe gebietet uns das, daß wir Menschen uns gegenseitig mit Rat und Tat behilflich sein sollen.«


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