Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 228. Kapitel: Im Wald des Nachbarn.

   01] Ich wollte nun mit der langen Erzählung enden; aber unser Agrikola bat Mich, daß Ich noch mehreres aus Meiner Jugendzeit kundgeben solle.
   02] Und Ich sagte: »So höret Mich denn noch eine kurze Zeit an!
   03] Die beiden Bürger sind sonach abgereist, und wir sagten zu unserem Nachbar: "Du bist nun völlig wieder in der alten Ordnung; aber das Wunder behalte bei dir so lange, bis eine Zeit kommen wird, in der du es mit Nutzen auch andern Menschen wirst mitteilen können!"
   04] Sagte der Nachbar: "Was werde ich aber meinen Leuten sagen, so sie abends nach Hause kommen und auch darob sicher voll Staunen werden, so sie das ganze Haus werden ganz hergestellt erschauen?"
   05] Sagte Ich: "Von Deinen Leuten, die ohnehin keine Glaubenshelden sind und an alles eher als an ein Wunder glauben, wirst du nicht viel gefragt werden, wie das Haus in solch kurzer Zeit wieder hergestellt worden ist; denn sie werden meinen, daß wir mit allem Fleiß und Eifer daran gearbeitet und es sonach auch leicht in einem Tage wieder hergestellt haben. Dein Weib hat sich ja selbst schon gar oft dahin geäußert, daß die Zimmerleute ein Haus ganz leicht in ein paar Tagen fertigbauen könnten, wenn sie fleißiger bei der Arbeit wären. Nun, wir waren aber diesmal sehr fleißig, und so soll dein Weib unterdessen einmal recht haben!"
   06] Mit diesem Rate war der Nachbar auch vollkommen zufrieden, und wir verließen ihn und gingen wieder nach Hause und ruhten allda bis gen Mittag. Wir nahmen da unser Mittagsmahl ein und berieten uns, was wir, da keine Arbeit vorlag, am Nachmittag machen sollten.
   07] Joses, der älteste Sohn Josephs, meinte, daß wir irgendwohin eine Arbeit suchen gehen könnten.
   08] Ich aber sagte: "Wir wollen aber, da es in dieser Umgegend noch andere Zimmerleute gibt, die auch arbeiten und leben wollen, ihnen nicht vorgreifen! Die Menschen kennen uns und unsere Arbeiten schon ohnehin und werden auch kommen, so sie unser benötigen werden; aber irgend aufdrängen werden wir uns ihnen nicht!
   09] Wenn wir doch schon etwas tun wollen, so begeben wir uns in den Wald unseres nächsten Nachbarn, der nur eine kleine halbe Stunde von hier entfernt ist, und wir werden dort schon eine Arbeit für heute nachmittag finden!"
   10] Hier meinte Joseph, daß das wohl sein könne, obschon er von seiten des Nachbarn noch keinen Auftrag dazu habe.
   11] Sagte ich: "Das überlasset nur ganz Mir! Der Auftrag liegt schon lange geheim in seinem Herzenswunsch, und wir werden ihn selbst im Walde finden, wo er mit sich Rat halten wird, wie er die zehn alten Zedern zum Bau einer neuen Scheune zurichten könnte. Er wollte in dieser Woche die Zedern durch seine drei Knechte fällen lassen und dich dann erst anreden, daß wir sie zum Bau herrichteten; aber da nun sein vermeintlich bester und erster Knecht sehr krank darniederliegt, so macht ihm das noch sehr viele Gedanken, wie, wann und durch wen er seine zehn Zedern wird zum Bau herrichten können.
   12] Er hat an Mich schon mehrere Male seitdem gedacht, als Ich die gewisse Eiche zugerichtet habe; aber er hat den Mut nicht, Mich oder dich darum anzureden. Wenn wir ihm aber heute in dieser Hinsicht aus unserem eigenen Antriebe zu Hilfe kommen werden, so wird ihm das sicher um so willkommener sein. Wir können uns deshalb sogleich auf den Weg machen!"
   13] Sagte Joseph: "Welche Werkzeuge nehmen wir denn mit uns?"
   14] Sagte Ich: "Wir benötigen nur einer Axt und einer Säge, und wir reichen damit vollkommen aus!"
   15] Nach dem nahmen wir die Axt und die große Säge und machten uns auf den Weg.
   16] Maria meinte freilich, wie es denn komme, daß wir so selten daheim bleiben könnten.
   17] Ich aber sagte: "Weil wir daheim nichts zu tun haben! Wenn wir daheim etwas zu tun haben, dann bleiben wir auch daheim; du aber hast daheim stets recht viel zu tun, und es ist demnach denn auch gut, daß du mehr daheim bleibest denn wir!"
   18] Darauf sagte sie nichts mehr, und wir gingen und kamen auch bald an die Stelle, wo unser Nachbar ganz allein seine Zedern betrachtete und hin und her simulierte, wie er mit ihnen ehest fertig werden könnte.
   19] Auf einmal ersah er uns, ging allerfreundlichst auf uns zu, und sagte zu Joseph (der Nachbar:) "O Bruder, du kommst mir nun wie tausend Male gerufen! Du weißt, daß mir eine neue Scheune ebenso not tut, wie mir der neue Getreidekasten not getan hat. Da wäre das schönste Bauholz dazu, wie man weit und breit kein schöneres findet! Aber das Herrichten dieses Holzes ist eine Sache, die mir schon viel Kopfzerbrechen gemacht hat! Ich habe wohl schon dabei gar oft an dich gedacht; aber das Umfällen dieser kolossalen Bäume ist denn doch keine Arbeit für einen Baumeister und seine Meistersöhne. Darum getraute ich mich dir gegenüber auch bis jetzt noch nichts davon zu erwähnen, obschon wir schon einige Male bloß von der Notwendigkeit einer neuen Scheune miteinander gesprochen haben. Da ihr aber nun gerade dazugekommen seid - sicher darum diesen Weg nehmend, weil ihr etwa im Gebirge eine Arbeit habt, so will ich mich nun ganz kurz mit euch beraten, was da zu machen wäre."
   20] Sagte Joseph: "Du irrst dich, wenn du meinst, daß wir nun auf dem Wege zu einer Arbeit irgend im Gebirge sind! Wir sind gerade deinetwegen hierher gekommen, um dir das zu tun, wozu du mich anzureden dir nicht getrautest!"
   21] Als der Nachbar das vernahm, wurde er über die Maßen froh und fing sogleich wegen des Lohnes mit Joseph an zu reden.
   22] Joseph aber sagte: "Wenn die Scheune fertig sein wird, dann werden wir erst wegen des Lohnes reden! Nun aber laß uns nur gleich Hand ans Werk legen; denn der Tag wird noch einige Stunden währen, und wir können noch so manches richten!"
   23] Sagte der Nachbar: "Tut nach eurer Kunst und Wissenschaft; denn was ihr oft in kürzester Zeit vermöget, das ist mir nur zu bekannt, besonders dein jüngster Sohn! Aber davon rede ich nun nichts Weiteres!"
   24] Sagte Ich: "Glaubst du an Meine innere Kraft und Allgewalt?"
   25] Sagte der Nachbar: "Meister, wie sollte ich daran etwa nicht glauben, da ich doch schon so viele Beweise davon habe?!"
   26] Sagte Ich: "Nun gut denn also! Aber sehet alle zu, daß ihr Mich nicht ruchbar machet vor der rechten Zeit! Wann aber diese kommen wird, werdet ihr es von Mir schon erfahren. Nun aber gebet Mir die Axt, damit Ich sogleich diese zehn Bäume fälle!"
   27] Ich nahm nun die Axt und hieb mit jedem Schlag einen Baum um, mit dem andere Holzfäller mindestens einen vollen Tag zu tun gehabt hätten.
   28] Als die zehn Bäume nun dalagen, da ward allen ganz absonderlich: zumute, und Joseph sagte zu den andern Söhnen: "Ihr habt schon alle an ihm gezweifelt, obschon ich euch oft gesagt habe: ,Wen Gott einmal schon von der Wiege an erwählt hat, den verläßt Er nimmer!' Und nun habt ihr euch alle selbst überzeugt, wie ganz und gar vollkommen Gott noch mit ihm ist und wunderbar wirket! Darum aber sollet ihr in Zukunft auch keine Zweifel über ihn haben, aber ihn auch gegen niemanden verraten; denn er weiß es schon, warum er jetzt noch im Verborgenen bleiben will!"
   29] Alle gaben dem Joseph recht und gelobten auch auf das feierlichste, von dieser und auch von jeder anderen Wundertat zu schweigen, so lange, als Ich Selbst das wollen werde.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 7  |   Werke Lorbers