Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 214. Kapitel: Die Willensfreiheit des Menschen.

   01] (Der Herr:) »Als alle diese Worte aus Meinem Munde vernommen hatten, da staunten sie über Meine Weisheit, und Cyrenius selbst sagte: "Ja, ja, das sind nicht Worte, wie sie die Menschen von sich geben, sondern das sind wahrhaft Gottes Worte; denn da leuchtet aus jedem, gleich der Sonne, die strahlendste Wahrheit, gegen die auch der schärfste Menschenverstand nichts einzuwenden vermag.
   02] Sehen wir unsere Götter und ihre Priester an! Welch ein Unsinn, und welch eine böse Torheit! Und da strahlet die Wahrheit wie eine Sonne! Daher sage ich nun nichts als: Herr, hilf uns bald aus unserer großen Not!
   03] Es gibt unter uns gar viele physisch arme Menschen, denen wir Reichen und irdisch Mächtigen wohl allzeit helfen können, wenn wir das nur wollen; aber wir alle sind geistig arm, und diese Armut ist um gar vieles ärger als die physische, weil da von uns keiner dem andern helfen kann. Denn was man selbst nicht hat, das kann man auch keinem andern geben. Du aber bist im Geiste überreich und kannst uns von Deinem endlos großen Überflusse ja schon so viel zukommen lassen, als nötig ist zu unserer Hilfe.
   04] Vor allem laß die volle Wahrheit in die Herzen der Menschen dringen und zeige uns an, wie wir von der ärgsten Plage für unsere Seelen auf dieser Erde los werden können!
   05] Diese ärgste Plage aber ist unser Götzen- und Priestertum. Diese tausendmal tausend privilegierten Betrüger der Menschen verstehen sich auf die Magie und Zauberei, oder - besser gesagt - sie treiben allerlei Trugkünste, blenden dadurch die von ihnen mit aller Blindheit geschlagene Volksmenge und sind eben dadurch, weil sie stets zunächst mit dem Volke verkehren, im vollen Besitze der Volksmacht, was uns die Aufhellung des Volkes unendlich erschwert; denn wollte am Ende selbst der Kaiser fürs Volk bessere Schulen errichten, so würden die argen Priester nur zu bald alles Volk gegen den Kaiser hetzen und er wäre samt seinem Kriegsheere verloren.
   06] Daher leiden wir helleren und besseren Römer und Griechen eine große Not, von der wir uns mit allen Schätzen der Welt nicht losmachen können. Gib Du uns da ein Mittel dagegen an, - und es wird dann auch bei uns helle werden, - und es wird dadurch uns und vielen tausendmal tausend Menschen geholfen sein!"
   07] Sagte Ich: "Du hast einen gar guten Sinn, und was du wünschest, das wird auch geschehen. Doch so plötzlich, wie Ich den Meeressturm bändigte, geht es mit der geistigen Hilfe nicht; denn da hatte Ich nur mit jenen Geistern und Kräften zu tun, die noch lange keinen eigenen freien Willen haben und Mir sonach auch unbedingt gehorchen müssen.
   08] Ein jeder Mensch aber hat den vollkommen freien Willen, demnach er frei tun kann, was er will, und sein Gehorchen ist darum notwendigerweise ein bedingtes. Gott Selbst kann und darf ihn mittels Seiner Allmacht nie und niemals zwingen, sondern den Menschen nur in solche Lagen führen, durch die er zu einer reineren Erkenntnis wie aus sich selbst, auf dem Wege der Erfahrung geschöpft, gelangen und so auch dann seinen Willen durch seinen eigenen Verstand leiten kann.
   09] Würde Gott aber mit Seiner Allmacht aus Seiner Weisheit heraus den Willen des Menschen leiten, so wäre der Mensch um nichts besser denn ein Tier; ja, er stünde sogar noch unter demselben, weil sogar dem Tiere schon eine kleine Willensfreiheit insoweit verliehen ist, als es, wie euch die Erfahrung lehrt, auch ein Verständnis und ein Gedächtnis hat, den Hunger, Durst und Schmerz fühlt und darum auch, wenn auch noch so stumpf, etwas denken, urteilen kann und durch seine Stimme, Miene und Gebärden auch das kundgeben kann, was es für sein Bedürfnis will.
   10] Ein Mensch aber, der in seinem Wollen pur von der Allmacht Gottes abhinge, wäre beinahe so wie ein Baum, der also wachsen und bestehen muß, wie ihn der Wille Gottes gestellt hat.
   11] Aus dem aber kannst du schon entnehmen, daß es mit der rechten Bildung eines Menschen etwas ganz anderes ist als mit der plötzlichen Stillung eines Meeressturmes. Wären die Menschen auch also zu behandeln, wahrlich, da wäre es nun eine rechte Torheit von Mir, mit euch weise und wahrheitsvoll belehrend zu reden, sondern Ich könnte ja gleich die lichtvollsten Gedanken in eure Seele legen und dann euren Willen mit Meiner Macht zwingen, nicht anders zu wollen und zu handeln als nur so, wie Ich Selbst es will. Wäre aber jemandem dadurch etwas geholfen, so Ich ihn zu einer puren Maschine Meines allmächtigen Willens machte?
   12] Eure noch so argen und selbstsüchtigen Priester aber sind auch ganz Menschen voll freien Willens und können darum tun, was sie wollen, und das um so mehr, weil eure weltlichen Gesetze ihnen keinen Hemmschuh anlegen und ihr sie anderseits eben also, wie sie sind, fürs Volk gut gebrauchen könnet.
   13] Wer aber von ihrem Joche frei werden will, der suche die Wahrheit und halte sich an sie; denn jeder Mensch kann nur durch die in sich gefundene Wahrheit völlig frei werden von dem Joche der Finsternis, die eine Geburt des tausendköpfigen Aber- oder Wahnglaubens ist.
   14] Wenn ihr das verstanden habt, so tuet auch danach, und eure Priester werden euch erstens keinen Schaden zufügen können und sich fürs zweite selbst aufheben, so sie auf eurem Felde der lichtvollen Wahrheit mit ihren Narrenpossen keinen Anklang mehr finden werden."«


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