Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 210. Kapitel: Jesu Reise nach Tyrus.

   01] (Der Herr:) »Am Morgen gingen wir schon eine Stunde vor dem Aufgange der Sonne ins Freie, und zwar wieder auf die schon bekannte Anhöhe, von der aus wir die schöne Gegend im Morgenlicht recht wohl betrachten konnten. Namentlich konnte man im Morgenlicht die Meeresgegenden über Tyrus hin um vieles besser ausnehmen (wahrnehmen) als in der Abendbeleuchtung. Dazu kam noch die gewisserart neu belebte Natur sowohl der Pflanzen als auch um so mehr der Tierwelt; und wir vergnügten uns in der freien Natur über eine Stunde lang.
   02] Darauf fing Joseph an, mit dem Griechen über das nötige Baumaterial zu reden, und fragte ihn, ob er wohl Holz in rechter Menge und in gut getrocknetem Zustande besitze.
   03] Da sagte der Grieche: "Meister Joseph, etwas wird wohl schon dasein, ob es aber genügen wird, das muß deine Einsicht bestimmen! Sollte etwas abgehen, nun, so habe ich hier den schönen Zedernwald, der uns den Abgang schon ersetzen wird! Nach dem Morgenmahle kannst du ja mein zusammengebrachtes Baumaterial gefälligst in Augenschein nehmen. Ich meine nach meinem Verstande wohl, daß des Baumaterials in genügender Menge dasein dürfte."
   04] Sagte Joseph: "Ganz gut und wohl, das werden wir nach dem Morgenmahle sogleich vornehmen und darauf einen Bauplan machen!"
   05] Sagte Ich: "Diese Arbeit und Mühe können wir uns für heute ersparen; denn morgen werden wir weder ein Baumaterial und noch weniger irgendeinen Bauplan vonnöten haben. Meine Meinung aber wäre, daß wir heute nach Tyrus ziehen und uns dort ein wenig umsehen, ob es nicht jemanden gibt, der irgend unserer Hilfe benötigt."
   06] Auch damit war der Grieche einverstanden und sagte: "Da müssen wir aber schon trachten, daß wir uns mittels meiner Lasttiere bald auf den Weg machen; denn man hat von hier bis nach Tyrus gute sieben Stunden lang zu tun, bis man dahin kommt!"
   07] Uns war sein Antrag recht, und so begaben wir uns denn auch sogleich zum schon bereiteten Morgenmahle, und eine kleine Stunde darauf befanden wir uns schon ganz wohlgemut auf dem Wege nach Tyrus. Unser kleiner Zug aber ging ohne einen Aufenthalt fort, und so erreichten wir die Stadt schon nach fünf Stunden, was den Griechen sehr wundernahm. Und er gestand es offen, diesen Weg noch nie in so kurzer Zeit zurückgelegt zu haben; denn eine gewöhnliche Karawane hätte, um diese sehr gedehnte Strecke zu durchreisen, wohl einen vollen Tag vonnöten gehabt. Es war sonach diese Reise für unseren Griechen auch so ein kleines Wunder.
   08] Als wir in Tyrus ankamen, kehrten wir allda in einer guten Herberge ein, und der Grieche bestellte sogleich ein Mittagsmahl nach der Sitte der Juden, da man eine Menge guter Fische haben konnte, und an Wein - besonders aus Griechenland - hatte es hier auch keinen Mangel. Wir ruhten uns ein wenig aus, da uns die Reise etwas müde gemacht hatte. Währenddem ward unser Mittagsmahl denn auch fertig, das wir auch gleich zu uns nahmen. Der Grieche bezahlte sogleich alles und begab sich danach mit uns an eine Stelle, von der aus man das Meer und die vielen Schiffe ganz gut übersehen konnte.
   09] Als wir uns da schon eine Zeitlang am Meere, seinen Wogen und Schiffen aller Art und Gattung ordentlich satt geschaut hatten, da sagte Joseph: "Da wir nun das eigentlich Merkwürdigste dieser Stadt hier gesehen haben und der Weg dahin, von wo wir hergekommen sind, ein ebenso weiter ist, wie er hierher war, so wird es nun wohl schon an der Zeit sein, daß wir uns wieder auf den Heimweg machen."
   10] Sagte Ich: "O Joseph, dazu hat es heute noch Zeit; hier aber wird unsere Gegenwart gar bald notwendig werden. Sehet hinaus, wie dort in noch bedeutender Ferne ein großes Schiff seine große Not mit dem stets wachsenden Sturme hat! Das Schiff trägt unseren Cyrenius; den dürfen wir nicht zugrunde gehen lassen! Er war in Kleinasien und kommt nun wieder beim; der Sturm aber läßt ihn nun nicht ans Land kommen. Er hat uns dereinst wahrhaft große Freundschaften erwiesen, und an uns ist es nun auch, ihm zu helfen, und das ist der ganz eigentliche Grund, aus dem Ich heute hier in Tyrus sein wollte."
   11] Sagte Joseph: "Wie werden wir denn dort so weit über das tobende Meer kommen und wie dort dem Oberstatthalter helfen können?"
   12] Sagte Ich: "Habt ihr denn nicht gestern gesehen, wie Mein Wille auch bis zur Sonne hingereicht hat? Konnte Ich der Sonne gebieten, so werde Ich nun wohl auch dem Meere zu gebieten imstande sein! Ich hätte aber das wohl auch von der Ferne aus tun können; aber es ist hier dennoch besser, daß wir alle uns hier an Ort und Stelle befinden, - was ihr später schon ganz klar einsehen werdet. Aber jetzt heißt es vor allem helfen - und darauf dann erst reden!"
   13] Hierauf streckte Ich Meine Hände über das tobende Meer aus und sagte laut: "Lege dich zur Ruhe, du tobendes Ungetüm! Ich will es, und also sei es!"
   14] Als Ich solches ausgesprochen hatte da trat plötzlich eine vollkommene Ruhe auf dem Meere ein, und das Schiff des Cyrenius ward von einer unsichtbaren Macht schnell an das sichere Ufer gezogen und auf diese Weise vor dem sicheren Untergang mit allem und jedem gerettet.
   15] Es befanden sich aber noch mehrere Menschen allda zugegen, wo Ich das bewirkt hatte, und fingen sich hochverwundernd an zu fragen, was Ich denn etwa doch für ein Mensch sei, daß Mir die Elemente gehorchen. Einige meinten, daß Ich irgendein gar berühmter Magier sein müsse; die andern aber meinten, daß Ich ein frommer Mensch sein werde und darum in der Gnade der Götter stehe, die Mich erhörten, wenn Ich sie um etwas bäte. Noch andere wieder bemerkten und sagten. Ich sei ein Jude, die ihre oft gewaltigen Propheten haben, und Ich werde schier ein solcher Seher der Juden sein oder gar ein Essäer. Es entstand darum ein großes Gerede auf dem Platze; aber es getraute sich dennoch kein Mensch in Meine Nähe, daß er Mich fragte, wer Ich sei.
   16] Es kam aber nun auch das Schiff ans Ufer, und alles eilte hin, um den Oberstatthalter zu begrüßen. Wir aber blieben auf unserem Platze.«


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