Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 189. Kapitel: Ein Pharisäer enthüllt seine Weltanschauung.

   01] Sagte ein Pharisäer, der sich für einen Hochweisen dünkte: »Siehe, aus dieser deiner Rede habe ich nun erst so recht klar erkannt, daß du daherredest, als wärest du ein Wahnsinniger, der von dem wahren Wesen Gottes, von Seiner endlosen Weisheit, Macht und Größe und von Seiner Einrichtung der Verhältnisse dieser Welt und ihrer Geschöpfe gar keinen wahren Begriff hat und auch nicht haben kann. Denn siehe, so das ewige Leben einer Menschenseele nun bloß an den vollen Glauben an dich, an dein Wort und an deine Lehre gebunden ist und eine jede Seele, die entweder an dich nicht glaubt und sich nicht richtet nach deiner Lehre oder - was zum allermeisten der Fall ist - von dir ohne ihr Verschulden nichts weiß und wissen kann, den ewigen Tod zu gewärtigen hat, so bist du samt dem Gott, der dich in die Welt gesandt hat, das allerunweiseste und allerungerechteste Allmachtswesen, das sich ein hellerer Menschenverstand je denken kann!
   02] Was können denn die Menschen dafür, die vor Hunderten und Tausenden von Jahren vor uns gelebt haben und von deiner allein alle Seelen belebenden Lehre unmöglich je etwas haben vernehmen können? Diese Armen sind nach deinem Worte also alle samt und sämtlich im ewigen Tode!?
   03] Weiter, - was können denn die zahllosen Völkerschaften dafür, die auf der weiten Erde irgendwo leben und fortbestehen und von deiner Lehre vielleicht in tausend Jahren noch keine Silbe werden vernommen haben?! Diese Armen sind demnach auch als für ewig tot anzunehmen und anzusehen?!
   04] So hätte denn dein Gott mit aller seiner unergründlich tiefen Weisheit und Güte mit all dem von ihm Erschaffenen endlich dahin die größte Freude und darin sein größtes Wohlgefallen, daß er alle seine so höchst weise eingerichteten Geschöpfe nach einem kurzen Dasein wieder töte und gänzlich vernichte!
   05] Wozu kam dann ein Moses und alle die anderen Propheten? Wozu waren die stets schwer zu haltenden Gesetze Mosis gut, und wozu die oftmaligen und vielen Plagen, die Gott übet die Juden und anderen Völker verhängte, so sie nicht nach Seinem geoffenbarten Willen handelten und lebten?
   06] Ich meine: Zur Erreichung des ewigen Todes der Seele nach dem Abfalle des Leibes wäre schier ein jedes Hundeleben völlig gut genug gewesen. Wozu da Menschen erziehen und geistig ausbilden?! Für die Gewinnung des sicheren ewigen Todes der Seele eines Menschen nach dem Tode des Leibes benötigt der Mensch nichts Weiteres, als daß er gleich den Tieren nur seinen täglichen Fraß kennt; wozu ihn da denken lehren und urteilen und schließen? Das verbittert ja offenbar sein elendstes Dasein! Ja, alle nun leider geistig geweckten Menschen sollten alle Kinder gleich nach der Geburt erwürgen, auf daß diese als später erwachsene und denkend ihrer selbst bewußte Menschen weiter nicht mit allerlei geplagt würden und auch niemals in die Furcht kämen, das oft doch süß schmeckende Leben endlich für ewig verlieren zu müssen.
   07] Ich gestehe es hier offen, daß ich nach deiner Lehre dem von dir gepredigten Gott auch selbst von der weitesten Ferne her nicht den allergeringsten Dank schulde; denn er hat mich ja nicht zu irgendeinem Glücke von Bestand, sondern nur zum größten, die ganze Zeit meines Lebens bitterst gefühlten Unglück in diese Welt gesetzt. Je eher er mich wieder vernichtet, eine desto größere Wohltat erweist er mir!
   08] Und wahrlich gesagt: Ein ausnahmsweise ewiges Leben der Seele durch den nunmaligen Glauben an dich, an dein Wort und an deine Lehre möchte ich schon darum nicht, weil ich als eine ewig fortlebende Seele denken müßte, daß zahllose Menschenscharen ganz schuldlos für ewig von deinem Gott vernichtet worden sind! Da ist mir ein ewiges Nichtsein ja doch endlos lieber als irgendein leidiges ewiges Dasein!
   09] Aus diesen meinen Worten wirst du, wenn du nur eines gesunden Gedankens fähig bist, samt deinen blinden Jüngern einsehen, daß deine Lehre zur wahren Beglückung der Menschen noch um vieles untauglicher ist als die Lehre der Sadduzäer, die sie nach dem griechischen Weltweisen Diogenes umgestaltet haben, und die für alle Menschen weit tröstender ist als deine Lebenslehre, nach der man nur allein durch den Glauben an dich zum ewigen Leben der Seele gelangen kann. Wahrlich, für solche deine Lehre wird dir kein wahrer Menschenfreund je dankbar sein! Und nun soll alles Volk im Tempel und auch außerhalb des Tempels urteilen, ob ich da auch nur ein ungerechtes Wort dir gegenüber geredet habe! - Entgegne mir, wenn du das kannst!«


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