Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 183. Kapitel: Die Ursache von Nebensonnen.

   01] Hier kamen auch die andern Jünger nach, bis auf Judas Ischariot, und mit ihnen Lazarus, Nikodemus und der Wirt Jordan. Als diese Mich ersahen, da konnten sie nicht schnell genug fragen, was dies wäre, und was es zu bedeuten hätte.
   02] Und unser Lazarus machte hierzu noch die Bemerkung: »Herr, es ist doch wahrlich höchst merkwürdig! Es leuchten nun drei Sonnen ganz helle, und dennoch bemerke ich eine gewisse unheimliche Düsterheit sowohl in der Luft, wie noch mehr über dem Boden der Erde, und der hohen Berge Spitzen sehen ganz dunkel aus, und es ist danebst ganz fröstelnd kühl. Drei Sonnen sollten denn doch mehr Helle erzeugen und mehr Wärme hervorbringen als eine einzige! Wie kommt denn das?«
   03] Sagte hier der Oberägypter: »Freund Lazarus, deine Bemerkung aus der ganz natürlichen Wahrnehmung ist ganz richtig, und ich habe vor vierzig Jahren bei einer ähnlichen Erscheinung in Oberägypten die ganz gleiche Erfahrung gemacht, wovon ich dir den natürlichen Grund wohl angeben könnte, doch den tieferen, geistigen nicht, besonders bei zwei Nebensonnen schon gar nicht!«
   04] Sagte Lazarus: »So zeige mir wenigstens die natürliche Ursache!«
   05] Sagte der Oberägypter: »Sieh, Freund, in der höchsten Luftregion, die sich so im Durchschnitt wohl bei zehn Libanonshöhen über dem festen Boden der Erde erstreckt, sammelt sich zu gewissen Zeiten und in gewissen Jahren ein feiner Dunst! Durch seine gewisse größere Festigkeit kommt das große Luftmeer über der Erde zu einer völligen Ruhe - wenn freilich nur teilweise -, wie man das zu gewissen Zeiten auch auf dem großen Weltmeere wohl sehen und beobachten kann, wo auch ein gewisser Teil der Meeresfläche ganz in der vollsten Spiegelruhe steht, während es oft ringsherum wogt. Wenn eine solche teilweise Ruhe sich denn zuweilen auch auf der großen Luftmeeresoberfläche ereignet, so spiegelt sich auf derselben das Bild der Sonne ebenso rein ab wie auf einem ganz ruhigen Meeresspiegel, und wir bemerken dadurch aus ganz natürlichen Gründen eine Nebensonne. Und gibt es mehrere solcher beschriebenen Ruhestellen, so werden dann auch ebenso viele Nebensonnen zu sehen sein, als wie viele solcher Ruhestellen sich auf der Luftmeeresoberfläche gebildet haben, vorausgesetzt, daß ihre Neigungen sich in einer solchen Lage befinden, daß das von ihnen aufgenommene Bild in gerader Richtung nach einer mit eben solcher Ruhestelle korrespondierenden Gegend hinfallen muß. Wird die Lage der Ruhestelle eine andere, so hat für diese Gegend die Nebensonne entweder ganz aufgehört, oder es ist nur noch ein besonderer Schein zu sehen. Ist aber die Ruhestelle wogend geworden, dann ist es mit der Nebensonne auch ganz zu Ende.
   06] Nach solchen Erscheinungen aber, die infolge des vorerwähnten feinen Dunstes in der höchsten Erdluftregion zustande kommen und dem auch die Schuld an der Minderung des Lichtes und der Wärme zuzuschreiben ist, kommen dann bald dichtere Wölkchen, bald darauf schwerere und bald darauf auch der Regen zum Vorschein.
   07] Und damit hast du in aller Kürze den natürlichen Grund dieser Erscheinung dargestellt; den eigentlichen, rein geistigen aber kennt freilich nur allein der Herr, und hernach auch der, dem Er es offenbaren will. Ich habe davon wohl auch Ahnungen, aber darum noch lange keine Klarheit - besonders in dem, was die Zukunft dicht verschlossen hält. Hast du das wohl verstanden?«
   08] Sagte Lazarus: »Ja, du mir sehr schätzenswerter Freund, das habe ich nun wahrlich recht gut und klar verstanden und kann nicht umhin, hier die eben nicht bedeutungslose Bemerkung zu machen, daß bei uns Juden in Beziehung auf eine reine Beurteilung der Erscheinungen in der großen Natur und deren Grunderkenntnis bis jetzt noch nie etwas geschehen ist. Einzelne für sich haben vielleicht wohl so manches entdeckt und von so mancher Erscheinung auch den Grund eingesehen; aber sie behielten das für sich und teilten es wohlweislich niemandem mit; denn fürs erste hatten sie dabei einen guten Verdienst - besonders unter den helleren Heiden -, und fürs zweite mußten sie solche Kenntnisse und Wissenschaften aus Furcht vor den Pharisäern verborgen halten, um von ihnen nicht auf das äußerste verfolgt zu werden.
   09] Ich aber bin da der Meinung: Eine rechte Erkenntnis und Beurteilung der tausendfach verschiedenen Erscheinungen in der Natur würde die Menschen am ehesten von allerlei Aberglauben und seinen verderblichsten Folgen abhalten, und es wäre darum für die Folge sehr wünschenswert, daß die Menschen auch in dieser Hinsicht irgendeinen gründlichen Unterricht erhalten könnten. - Bist Du, o Herr und Meister, damit nicht auch einverstanden?«
   10] Sagte Ich: »Niemand mehr denn Ich; denn ein Mensch kann die tieferen, übersinnlichen Wahrheiten ja nie völlig in ihrer vollen Tiefe fassen und begreifen, so er den Boden nicht kennt, auf dem er steht und geht als selbst ein natürlicher Mensch, und Ich Selbst habe euch eben darum ja schon so vieles erklärt auf dem Gebiete der besonderen Erscheinungen in dieser Naturwelt. Ich habe euch praktisch gezeigt die Gestalt der Erde und wie da entsteht Tag und Nacht, habe euch gezeigt die Ursache der Sonnen- und Mondfinsternisse und der Sternschnuppen, und habe euch gezeigt den Mond, die Sonne, alle die Planeten und den ganzen endlos weiten gestirnten Himmel.
   11] Und Ich habe euch auch gesagt, daß ein Mensch erst dann Gott vollauf lieben kann, wenn er Ihn in seinen zahllos vielen Werken auch stets mehr und mehr und reiner und reiner erkannt hat. So Ich euch aber solches Selbst sehr anempfohlen habe, so versteht es sich ja wohl von selbst, daß Ich mit deiner guten Meinung auch völlig einverstanden bin. Und Moses hätte nicht ein sechstes und siebentes Buch von den Dingen und Erscheinungen in der Natur und dazu noch einen prophetischen Anhang mit der alten Entsprechungslehre zwischen der Natur- und Geisterwelt geschrieben, so er das für wahren und reinen Bildung der sämtlichen Juden nicht für höchst notwendig erachtet hätte.
   12] Aber schon unter der Zeit der Könige ist dieser wichtige Zweig der Vorbildung teils durch den im Wahren stets finsterer und habsüchtiger gewordenen Teil der Priester und andernteils auch durch die Könige selbst mehr und mehr vernachlässigt worden. Und als dann schon unter den ersten Nachkommen Salomos das Reich geteilt wurde, da ging dieser Wissenszweig bald derart ganz verloren, daß ihr nun kaum mehr wisset, daß einst eine solche Wissenschaft bei den Juden von Moses an bis unter Samuel sehr gepflegt worden ist.
   13] Ich habe euch darum schon gar vieles erklärt, und ihr sehet nun auch schon gar vieles ein; aber die Hauptsache ist und bleibt das unablässige Streben nach der vollen Wiedergeburt des Geistes in die Seele; denn durch sie ganz allein wird der Mensch erst in alle Wahrheit und Weisheit gehoben und hat dann ein vollkommenes, zusammenhängendes Licht vom Irdischen bis ins reingeistig Himmlische, und mit dem Lichte auch das ewige Leben, was dann endlos mehr ist als alle Wissenschaften in allen Dingen der Natur.
   14] Was nützte es aber einem Menschen, wenn er auch alle die Dinge und Erscheinungen in der ganzen Naturwelt allerwahrst und genaust vom Größten bis zum Kleinsten erkennete und scharf zu beurteilen imstande wäre, wäre aber dabei von der Wiedergeburt des Geistes in die Seele dennoch also ferne wie diese Erde vom Himmel? Würden ihm die vielen Wissenschaften wohl das ewige Leben verschaffen können?! Urteile nun, und sage Mir dann deine Meinung!«
   15] Sagte Lazarus: »O Herr und Meister, dann wäre es besser, so der Mensch nie zur Welt geboren worden wäre! Denn ein sich selbst wohlbewußtes Leben, das denken, schließen und so vieles begreifen und zustande bringen kann, und dem, o Herr, Deine Werke oft gar so wunderbar wohl gefallen und es beseligen, wäre ohne eine bestimmte Aussicht auf ein ewiges und vollendetes Fortbestehen nach meiner Ansicht viele tausend Male elender als das nackte des allerelendesten Wurmes in einer der allerunreinsten und gestankvollsten Pfützen der ganzen Erde.
   16] Und wer einen Menschen zu einer helleren Denkungsweise von der Wiege an heranerzöge, würde an der Menschheit das allergrößte Verbrechen begehen; denn der würde den Menschen doppelt und noch mehrfach auf die qualvollste Art töten, denn dadurch würde er aus einem Menschen ja offenbar die allerelendeste Kreatur zeihen.
   17] Das Tier lebt freilich auch; aber es ist seiner selbst sicher nur höchst stumpf bewußt, kann nicht denken, kennt nicht den Tod, weiß nicht zu schätzen des Lebens Wert und kann darum auch keine Furcht vor dem Tode haben und ist darum glücklich.
   18] Aber da sehe man sich den Menschen an, der des Lebens unschätzbaren Wert nur zu gut kennt! Wenn er das inne würde, daß mit des Leibes Tode alles rein aus und gar werde, so müßte er ja gar bald in alle Verzweiflung übergehen, sein Dasein viele tausend Male verwünschen und verfluchen, und der größte Wohltäter der Menschheit wäre dann der, welcher die Macht und Kraft besäße, die gesamte Menschenkreatur auf der ganzen Erde und auch sich selbst zu töten und somit gänzlich auszurotten, - oder er müßte die Kunst besitzen, alle Menschen auf einmal in den tiefsten, seiner selbst nicht mehr bewußten Blödsinn zu versetzen, was am Ende dasselbe wäre, als so er sie alle getötet hätte.
   19] Wenn ferner der Mensch keine Aussicht, ja nicht einmal irgendeine begründete Hoffnung auf ein ewiges Leben hätte, so müßte er erstens Gott Selbst - so er an einen glaubte - sein Leben lang, statt loben und preisen, nur verwünschen; Moses und alle Propheten müßte er als die größten Menschenfeinde verfluchen, und der größte Narr wäre der, welcher auch nur ein Jota des Gesetzes beachtete!
   20] Aus dem aber geht doch klar hervor, daß das Streben des Menschen wenn er einmal die Wege kennt - nach der Wiedergeburt seines Geistes in seine Seele das allererste und allerhöchste Bedürfnis ist; denn ohne dieses hört er auch bei aller seiner noch so klaren Wissenschaft völlig auf, ein Mensch zu sein. Er ist da weiter nichts als ein wohlverständiges, vielwissendes und dabei um so elenderes Tier in Menschengestalt. - Herr und Meister, habe ich da recht oder nicht?«


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