Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 152. Kapitel: Verschiedenheit der Gaben des Geistes.

   01] Hierauf fragte der zweite Pharisäer, sagend: »O du vom Geiste Gottes voll erfüllter junger und - sage - zweiter Samuel! So wir doch noch möglicherweise zur Vollendung des inneren Lebens gelangen könnten, wurden wir da auch zu der inneren Kraft gelangen, die wir an dir, wie zuvor an dem vollkommenen Menschen aus Oberägypten erprobt haben?«
   02] Sagte Raphael: »Es gibt keine Vollendung des Lebens, mit der nicht auch die innere Kraft eng verbunden wäre, weil das vollendete Leben auch die vollendete Kraft selbst ist. Doch ist in der Gabe des Geistes aus Gott an die Menschen, je nach ihrer inneren Eigentümlichkeit, auch notwendig eine Verschiedenheit, und diese Verschiedenheit ist darum da, damit in alle Ewigkeit die seligen Geister sich gegenseitig dienen können nach dem Maße ihrer Liebe zu Gott und aus dieser Liebe zu sich gegenseitig.
   03] Daher erhält der eine in der Vollendung seines inneren Lebens die Gabe der Vorhersehung, der andere die Gabe der Weisheit im Ausdruck des Wortes und der Rede, ein anderer die Gabe der Erfindung und Schöpfung, wieder ein anderer die Gabe der Stärke des Willens, ein anderer die Kraft der Liebe, und wieder ein anderer die Gabe in der Macht des Ernstes, ein anderer die der Geduld, und wieder ein anderer besonders die Gabe der Macht der Erbarmung, und wieder ein anderer die der Macht der Demut. Und so fort ins Endlose ist bei einem dies und bei einem andern jenes vorwiegend, auf daß, wie schon gesagt, ein Geist den andern in diesem oder jenem unterstützen kann; doch im Notfall hat auch ein jeder Geist in sich alle Fähigkeiten vereint und kann wirken in jeder erdenklichen und noch so besonderen Gabe des Geistes aus Gott.
   04] Wenn ihr bei der möglichen Vollendung eures inneren Lebens denn auch nicht gerade meiner Gabe auf dieser Erde völlig habhaft werdet, so werdet ihr aber einer andern Gnade und Gabe habhaft und werdet mit ihr euren Nebenmenschen ebenso dienen können, wie ich nun euch mit meinen Gaben gedient habe. Wer aber einmal einer besonderen Gnade und Gabe aus Gott teilhaftig wird in einem besonderen Grade, der wird in allen anderen Gaben nicht stiefmütterlich gehalten werden.
   05] Daß sich das aber also verhält, das könnet ihr schon aus den endlos verschiedenen Talenten, Fähigkeiten und Eigenschaften der Menschen auf dieser Erde schließen. Der eine ist ein besonders guter Redner, der andere ist ein Maler, ein anderer ein Sänger, wieder ein anderer ein vorzüglicher Rechner, ein anderer ein Mechaniker, noch ein anderer ein Baumeister; der eine ein Zeugmacher, Weber, ein anderer ein Apotheker, ein anderer ein Bergwerksmann. Und so ist ein jeder mit irgendeinem besonderen Talent schon von Natur aus begabt; aber er ist trotz des ihm eigentümlichen besonderen Talentes auch mit allen andern menschlichen Fähigkeiten, wennschon in einem minderen Grade, beteilt und kann jede derselben durch Mühe und Fleiß zu einer wahren Vollendung ausbilden.
   06] Wie ihr nun aber diese Verschiedenheit schon hier wahrnehmen müsset, so werdet ihr es auch einsehen, daß die Verschiedenheit der Gaben des Geistes Gottes an die Lebensvollendeten eine noch ums unaussprechbare viel entschiedenere ist und sein muß, weil ohne eine solche Verschiedenheit keine wahre und allerlebendigste Seligkeit möglich wäre.
   07] Ja, der weg bis zur Lebensvollendung ist für jedermann ein gleicher. Er gleicht völlig dem Ausflusse des Lichtes aus der Sonne und dem Herabfallen des Regens aus der Wolke. Aber dann schaue dir die endlos verschiedene Wirkung des gleichen Sonnenlichtes und des ebenso gleichen Regens sowohl im Reiche der Mineralien als auch der Pflanzen und der Tiere an! Wie du aber da eine endlose Verschiedenheit schon in der Kreatur der Materie merken mußt, eine desto größere Verschiedenheit ergibt sich dann erst im lebensvollendeten Reiche der seligsten Engel und das hat Gottes höchste Weisheit und Liebe darum also angeordnet, damit die Seligkeit der Geister eine desto größere werde.
   08] Darum fraget nicht, ob ihr eben auch in eurer möglichen Lebensvollendung meine Eigenschaften überkommen werdet, sondern wandelt in aller Demut und Liebe nur auf dem euch nun bekanntgegebenen Lichtwege unaufhaltsam fort, und ihr werdet dann schon ganz hell und lebendig innewerden, zu welcher Gabe des Geistes aus Gott ihr werdet gelangt sein!
   09] Der Leib des Menschen hat ja auch höchst verschiedene Teile und Glieder, die alle Lebendig und in ihrer Art zur Erhaltung des ganzen Menschen tätig sind; habt ihr aber schon je in euch unter den Teilen und Gliedern eures Leibes eine Klage in der Art etwa vernommen, daß die linke Hand lieber die rechte wäre, oder der Fuß lieber das Haupt, oder das Auge lieber das Ohr, oder umgekehrt?
   10] Wenn der Leib ganz gesund ist, so ist auch ein jeder seiner Teile und Glieder ganz vollkommen mit seiner Stellung, Lage, Bestimmung und Eigenschaft zufrieden und wünscht sich ewig keinen Umtausch.
   11] Und sehet, ebenso steht es in der Gesellschaft der Menschen und Geister, die in ihrer Gesamtheit auch einem Menschen gleicht! Da vertritt ein Teil die Augen - das sind die Seher -, ein Teil die Ohren - das sind die Vernehmer -, ein Teil die Hände - das sind die Tatkräftigen -, ein Teil die Füße - das sind die stets zum höheren Licht vorwärts Schreitenden -, ein Teil das Herz - das sind die Mächtigen in der Liebe -, ein Teil den Magen - das sind die Aufnehmer vom Guten und Wahren aus Gott, die dadurch die ganze Gesellschaft ernähren -, ein Teil ist wieder gleich dem Gehirne - das sind die Weisen, die da gleichfort die ganze Gesellschaft ordnen - und so geht das vom Kleinsten bis zum Größten ins Unendliche fort, und jedes noch so geringe Glied, und jede einzelne Fiber, der Gesellschaft ist in seiner Art vollkommen mächtig und selig und teilhaftig der Fähigkeiten und Eigenschaften der ganzen Gesellschaft, gleichwie da auch deine Füße vollkommen teilhaftig sind des Lichtes deiner Augen und deine Augen der Fähigkeit deiner Füße. Es freut sich dein Auge, daß es samt dem ganzen Leibe von den Füßen dahin weitergetragen wird, wo es neue Wunder und Dinge erschaut und sich im Verstande und Herzen darüber erfreut; aber diese Freude wird dann auch dem Fuße also mitgeteilt, als wäre der Fuß selbst vollkommen das Auge, das Ohr, der Verstand und das Herz selbst!
   12] Wenn ihr das so recht überdenket, so werdet ihr auch sicher mit jeder Gabe des Geistes Gottes, die ihr nur immer überkommen werdet, mehr als vollkommen zufrieden sein können. - Habt ihr mich aber nun auch wohl verstanden?«
   13] Sagten die Pharisäer, im höchsten Grade erstaunt über die Weisheit Raphaels: »O du wahrer, himmlischer Samuel! Wie gar sehr weise bist du! Nun haben wir dich erst ganz verstanden! Und das hast du alles von dem großen und weisesten Galiläer überkommen?«
   14] Sagte Raphael: »Ewig alles nur von Ihm!«
   15] Sagten die Pharisäer: »Nun erst möchten wir ihn selbst sehen und sprechen! Wir sind nun keine Feinde mehr von ihm, sondern sehr reuige Freunde. Zeige uns seinen Aufenthalt an, daß wir hingehen und ihm unseren innersten Dank darbringen können! Wir werden den Tempel ganz stehen lassen und ihm nachfolgen!«


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