Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 145. Kapitel: Der Oberägypter enthüllt die Gedanken der Pharisäer.

   01] Sagte der Oberägypter: »Seht, ich bin möglichst (im höchsten Grade) ein noch ganz vollkommener Naturmensch und besitze noch jene Gaben von Gott aus, durch die der Mensch als der Schluß- und Vollendungspunkt der ganzen Schöpfung zum eigentlichen Herrn der ganzen Natur, ihrer Geister und Elemente wird, und ich vermag vieles und weiß um alle menschlichen, tierischen, pflanzlichen und mineralischen Dinge der ganzen Erde, von ihrer Entstehung bis zu ihrer einstigen gänzlichen Vernichtung hin, und kenne sogar alle eure moralischen, theosophischen und staatlichen Verhältnisse und verstehe auch alle Zungen, sogar die der Tiere, ohne sie je aus irgendeiner Schrift gelernt zu haben; denn alles das lehrte mich mein Geist, der mir von Gott gegeben wurde, schon in meinem neunzehnten Jahre.
   02] Und somit kann ich euch sagen, daß ihr selbst euren Moses schon seit lange her vollkommen zerstört habt und habt aus zu großem Hange, über eure Nebenmenschen zu herrschen, und aus zu großem Hange zur Trägheit, zum Wohlleben und zur Hurerei und Ehebrecherei euch selbst Satzungen gemacht, durch die ihr eure Nebenmenschen quälet und peiniget. Ihr leget ihnen unerträgliche Bürden auf, die ihr selbst mit keinem Finger um Gottes willen anrühret, weil ihr bei euch an keinen Gott mehr glaubet. Denn glaubtet ihr noch an einen Gott, wie einst euer Stammvater Abraham geglaubt hat, so hättet ihr Mosis Gesetze sicher nicht zerstört, seine ihm von Gott gegebenen Gesetze nicht verdreht und nicht mit Steinen getötet die Propheten, die Gott unter euch erweckt hatte, damit sie euch allzeit anzeigeten, wie weit ihr von Seinen Wegen abgewichen seid.
   03] Nun ist wahrlich der höchste und für euch auch der letzte Prophet gerade in der Zeit aufgestanden, wie sie euch durch eure Propheten geweissagt ward. Er lehrt die Wahrheit und zeigt euch, daß ihr nicht mehr Kinder Gottes, sondern Kinder des Teufels seid infolge eurer großen und groben Sünden gegen den Willen Gottes. Das erfüllt euch wohlbegreiflichermaßen mit Grimm und Wut gegen Ihn, und ihr trachtet, Ihn darum zu fangen und zu töten.
   04] Ich als ein fremder Weiser aber sage es euch, daß auf Seine Zulassung ihr solches auch noch zur Ausführung bringen könnet und nach eurem ganz grundbösen Willen auch werdet. Aber ihr werdet nur Seinen Leib auf drei Tage lang zerstören; aber Sein ewiger und allmächtiger Geist, den ihr nicht mit dem Leibe werdet zerstören können, wird Ihn wieder, und das schon in drei Tagen, erwecken. Dann wohl allen, die an Ihn geglaubt haben; aber tausendfaches Wehe euch argen Heuchlern, Betrügern und Bedrückern der Menschen! Es wird mit euch geschehen, was euch in der vorgestrigen Nacht am Firmament gezeigt ward! - Habt ihr mich verstanden?«
   05] Sagte mit einem ganz erbosten Gesichte der Pharisäer: »Wie wagst du, ein Fremdling, uns solches ins Gesicht zu sagen?! Kennst du unsere Macht? Weißt du bei deiner Allwissenheit unsere Macht nicht?«
   06] Sagte der Oberägypter: »Ich sagte euch das aus eben dem Grunde, weil ich die volle Nichtigkeit eurer und die vollste Wahrheit meiner Macht, die vor tausendmal tausend Kriegern nicht beben würde, nur zu klar und zu wohl kenne! Ich sagte euch nur die Wahrheit. Warum wollet ihr sie zu eurem noch immer möglichen Heile nicht hören? Weil ihr nicht mehr Kinder Gottes, sondern Kinder eures höchsteigenen Teufels seid! Darum ärgert euch nun das, was ich euch gesagt habe, und darum auch wollet ihr den Heiligen Gottes töten! Aber glaubet es mir, daß ich wirklich keine Furcht vor euren zornglühenden Gesichtern habe; den Grund davon soll euch gleich ein von mir zu wirkendes Zeichen aufdecken! Sehet ihr da oben hoch in den Lüften mehrere Riesenadler umherschweben?«
   07] Die Pharisäer und auch die Leviten sahen empor und erblickten auch gleich zwölf dieser gefürchteten Riesenadler, und ein Pharisäer sagte: »Und was sollen diese Tiere bedeuten?«
   08] Sagte der Ägypter: »Diese Tiere habe ich eben zu dem Behufe hierher gerufen, um euch zu zeigen, wie ein vollkommener Mensch ein Herr der gesamten Natur ist. Ich rufe sie aber nun auch sogleich alle herab, damit ihr sie in eurer vollen Nähe genauer beobachten könnet!«
   09] Hierauf machte der Ägypter mit seiner rechten Hand nur einen Zug, und die Riesenadler schossen wie Pfeile herab und umstellten die Templer. Diese erschraken gewaltig und baten den Ägypter, daß er diesen gar wild und grimmig sich gebärdenden Tieren denn auch gebieten solle, daß sie ihnen nichts zuleide täten!«
   10] Sagte der Ägypter: »Fürchtet ihr euch schon gar so gewaltig vor diesen Tieren? Wie kommt es denn, daß ihr Den, nach dem ihr fahndet, und der endlos mehr vermag denn ich, nicht fürchtet?
   11] Seht, wie gar entsetzlich blind, dumm und blöde ihr seid und dadurch auch im höchsten Grade böse und rachgierig! Ein wahrhaft Weiser ist das nie: er wird den Narren ihre Unart wohl strenge verweisen und sie erst dann in ein sie züchtigendes Gericht stürzen, wenn sie schon einmal so verstockt, arg und böse geworden sind, daß ihnen zu ihrer Besserung mit keiner Vernunft mehr beizukommen ist, wie das bei euch Templern vollkommen der Fall ist. Was könnte mir denn geschehen, so ich euch nun von diesen mir sehr gehorsamen Tieren zerfleischen ließe? Ich sage es euch: nicht das geringste!
   12] Ihr meinet freilich, daß ich mit euch vieren bald fertig würde, - aber was dann, wenn ein bewaffnetes Heer mich umringte und mit scharfen Pfeilen nach mir schösse? Dann würde ich mit dem ganzen Heere das machen, was ich nun, um euch einen Beweis zu liefern, bloß mit meinem Willen auf einige Augenblicke mit euch machen werde und nun schon gemacht habe! Versuchet nun, weiterzugehen oder von euren Händen Gebrauch zu machen! Nur eurer Zunge lasse ich die volle Freiheit, sonst aber gleichet ihr der Salzsäule, zu der Lots Weib durch ihren Ungehorsam geworden ist.«
   13] Hierauf versuchten die viere, die Füße vom Boden zu heben und die Hände zu bewegen, was aber unmöglich war. Daher baten sie den Ägypter inständigst, daß er sie von diesem qualvollsten Zustande befreien möchte; denn sie seien gesonnen, ihre Gesinnung zu ändern.
   14] Sagte der Ägypter: »Das werdet ihr schwerlich; aber ich lasse euch dennoch frei!«
   15] Hier konnten sie wieder ihre Füße und Hände frei bewegen, und der eine Pharisäer sagte: »Weil dir solch eine unbegreifliche Macht eigen ist, so könntest du ja schon lange irgendein allermächtigster Herrscher über die ganze Welt werden. Wer könnte dir einen Widerstand leisten?«
   16] Sagte der Ägypter: »Ich bin aber kein blinder Weltnarr, wie ihr es seid; mir liegt alles nur an der wahren Erkenntnis des einen, wahren Gottes, an Seiner lebendigen Gnade und Liebe, und daß ich genau erkenne den heiligen Willen des ewigen Vaters, um strenge nach demselben zu handeln, - und seht, das ist endlos mehr denn alle Schätze der Erde!
   17] Würdet ihr als sein sollende Priester auch dasselbe tun, so würde euch das mehr nützen denn all euer vieles Gold und Silber und alle eure Edelsteine.
   18] Solange euer einstiger König Salomo nicht auf einem goldenen Throne saß und goldene Gemächer bewohnte, war er weise, und in seinem Willen lag eine große Macht; als er aber bald nachher mit des Goldes Glanz umgeben war, verlor er Weisheit und Macht und fiel aus der großen Gnade Gottes. Was nützten dann dem Schwächlinge seine unermeßlichen Weltschätze, so er am Ende sogar am Dasein Gottes zu zweifeln begann?!
   19] Aber Salomo war bei allen seinen Zweifeln in seiner letzten Zeit dennoch um vieles besser, als ihr nun seid. Seine Pracht- und seine große Weibergier also haben Salomo dem Herrn mißfällig gemacht, weil Salomo Seiner nicht achtete, obschon Er ihm zweimal erschienen war, mit ihm geredet hatte und ihn warnte, je von Seinen Wegen abzuweichen. Die Folge davon war, daß sein großes Reich geteilt und seinem Sohne nur das kleine Gebiet um Jerusalem belassen wurde; und selbst diese Gnade wurde dem Salomo nur um seines Vaters David willen erteilt. Euch aber wird gar keine Gnade mehr erteilt werden, sondern ihr werdet untergehen im Pfuhle eurer zahllos vielen Sünden und eurer gänzlichen Unverbesserlichkeit!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 7  |   Werke Lorbers