Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 141. Kapitel: Gottes herablassende Liebe zu den Menschen. Stellung des Menschen zu Gott. Wahre Demut. und Anbetung Gottes. Sündenvergebung.

   01] Sagte Agrippa: »O Herr, Du endlos weiser Meister von Ewigkeit, wie groß muß Deine Liebe zu uns Menschen, Deinen Geschöpfen, sein, daß Du Dich so tief erniedrigen mochtest, in unserer Menschengestalt von Deinen Himmeln zu uns Würmern auf diese schmutzige Welt herabzukommen und uns zu lehren und zu zeigen die Wege, auf denen wir zu wandeln haben, so wir das ewige Leben erreichen wollen?!«
   02] Sagte Ich: »Lieber Freund, der Ausdruck in dieser deiner Frage ist die Ergießung deines Herzens und ist gut, weil auch dein Herz gut ist; aber es hat in deinem Verstande nun erst so ein wenig zu tagen angefangen, und es kommt dir die Liebe Gottes zu euch Menschen darum als etwas unbegreifbar Wundersames vor, weil ihr euch Gott wie einen allergrößten und allermächtigsten Kaiser vorstellet, der sich nur zu den seltensten Malen den gemeinen Menschen zeigt und noch seltener mit irgendeinem geringen Menschen spricht.
   03] Wenn ihr Gott von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, so irret ihr euch gewaltig; denn Gott ist der Schöpfer aller Dinge und Wesen und kein endlos stolzer Kaiser, auf einem goldenen Throne sitzend, der alle seine Untertanen für lauter eklige und verächtliche Würmer ansieht und jeden mit dem Tode bedroht, der es wagte, sich ohne vorher erbetene und gegebene Erlaubnis dem Throne des Kaisers zu nahen.
   04] Wenn aber alle Wesen sicher Gottes Werke sind, so sind sie auch Werke Seiner Liebe, die ihr Sein ist, und Werke der höchsten, göttlichen Weisheit, die ihnen die entsprechende Form gibt und sie auch erhält. So aber ohne die Liebe und Weisheit Gottes wohl ewig nie ein Geschöpf bestehen würde, wie kommt es dir dann gar so wundersam vor, wenn Gott euch Menschen gar so sehr liebt?
   05] Ihr seid ja selbst nur pur Liebe aus Gott und in Gott, und euer Dasein ist in sich durch den Willen der Liebe Gottes selbst ja nur verkörperte Liebe Gottes! Wenn aber unwiderlegbar das (der Fall ist), wie ist es euch dann so wundersam, daß Gott euch so sehr liebt, daß Er Selbst in Menschengestalt zu euch gekommen ist und euch nun die Wege lehrt zum freien und wie aus euch selbst hervorgehenden gottähnlich selbständigen Leben? Seid ihr denn nicht Gottes Werke? Ja, das seid ihr sicher!
   06] Gott aber ist von Ewigkeit ein vollkommenster Meister im Größten wie im Kleinsten, ist niemals ein Pfuscher und Stümper gewesen und hat Sich somit Seiner Werke nicht zu schämen. Der Mensch aber ist das vollkommenste der zahllos vielen und endlos verschiedenen Geschöpfe, der Kulminationspunkt der göttlichen Liebe und Weisheit, und bestimmt, selbst ein Gott zu werden. Wie sollte Sich da Gott solch Seines vorzüglichsten Werkes schämen und es für zu unwürdig halten, Sich demselben zu nahen?!
   07] Siehe, du Mein lieber Freund, solche rein außenweltlichen Ideen von Gott mußt du fahren lassen! Sie sind erstens falsch, und zweitens dienen sie nicht dazu, daß du dich durch sie Gott mehr und mehr nahen könntest, sondern solche falschen Ideen würden dich von Gott nur stets mehr und mehr entfernen, und das mit der Zeit also, daß du dich vor lauter falscher Ehrfurcht gar nicht mehr getrauen würdest, Ihn zu lieben, - wie es nun solcher Menschen und Völker auf der Erde eine übergroße Menge gibt, die, als selbst doch sichtbare Werke der göttlichen Liebe und Weisheit, des freilich grundfalschen Glaubens und der ebenso falsch begründeten Ansicht sind, daß Gott über Seine Geschöpfe so endlos erhaben sei, daß da nur ein allerhöchster Priester zu gewissen Zeiten Ihm mit gewissen Gebeten unter den allerglänzendsten und prunkvollsten Zeremonien nahen dürfe. Und nach einer solchen Annäherung hält sich der Oberpriester schon für so endlos erhaben und geheiligt, daß sich ihm nicht einmal ein Unterpriester - geschweige ein anderer, ungeweihter Mensch - nahen darf, weil man der Meinung ist, daß sich nichts Unheiliges der höchsten Heiligkeit Gottes nahen dürfe und könne, weil dadurch die höchste Heiligkeit Gottes entheiligt würde, - woraus man für den armen und blinden Menschen eine derartige Sünde geschaffen hat, die mit dem Feuertode zu bestrafen sei. O der freiwilligen und überdummen Blindheit der Menschen!
   08] Da sehet her! Ich allein bin der Herr von Ewigkeit, - wie bin Ich denn nun unter euch? Sehet, Ich nenne euch Kinder, Freunde und Brüder, und was ihr zu Mir seid, das ist der Bestimmung nach ein jeder Mensch, und es gibt da kein Minder und kein Mehr! Denn jeder Mensch ist Mein vollendetes Werk, das sich als das auch erkennen und gerecht achten, aber nicht gänzlich verkennen und unter alle Scheusale hinab verachten soll; denn wer sich, als doch erkennbar Mein Werk, verachtet, der verachtet notwendig ja auch Mich, den Meister. Und wozu sollte denn das hernach gut sein?
   09] Freunde, die Demut des Menschen im Herzen ist eine der notwendigsten Tugenden, durch die man zuvörderst zum inneren Lichte des Lebens gelangen kann! Aber diese Tugend besteht eigentlich nur in der rechten Liebe zu Gott und zum Nächsten. Sie ist die sanfte Geduld des Herzens, durch die der Mensch seine Vorzüglichkeit wohl erkennt, sich aber über seine noch viel schwächeren Brüder nie herrscherisch erhebt, sondern sie nur mit desto mehr Liebe umfaßt und zur eigenen erkannten höheren Vollendung durch Lehre, Rat und Tat zu erheben trachtet. Darin besteht die eigentliche und allein wahre Demut; aber in der Verachtung seiner selbst besteht sie ewig nie.
   10] Ich Selbst bin von ganzem Herzen demütig und sanftmütig, und Meine Geduld übersteigt alle Grenzen; aber das werdet ihr an Mir noch nie erlebt haben, daß Ich Mich vor den Menschen je Selbst verachtet habe. Wer sich selbst nicht gerecht als ein Werk Gottes achtet, der kann auch seinen Nächsten nicht achten und auch Gott nicht der Wahrheit nach, sondern nur nach irgendeiner ganz grundfalschen Begründung.
   11] So gefehlt es also ist, so sich ein Mensch überschätzt und also bald und leicht zu einem Verfolger und Bedrücker seiner Nebenmenschen wird und dabei der Liebe als des göttlichen Elementes des Lebens bar wird, ebenso gefehlt ist es aber auch, so ein Mensch sich unterschätzt. Den Grund dessen habe Ich euch gezeigt, und so bleiben wir nur so hübsch gleich und seien frohen Mutes; denn so ihr euch nun vor Mir, da ihr Mich erkannt habt, zu sehr ehrfürchtig und zu kleinmütig zu benehmen anfinget, so wäret ihr ja gar nicht mehr fähig, von Mir noch eine Belehrung zu ertragen.
   12] Darum betrachtet Mich als einen vollkommenen Menschen, der die Fülle des Geistes Gottes in sich birgt und darum nun euer Meister und Lehrer ist, so werdet ihr mit Mir am allerbesten und für euch am nützlichsten auskommen! - Habt ihr das alles wohl verstanden?«
   13] Sagte Agrippa: »Herr und Meister, das haben wir ganz sicher verstanden; denn da ist überall die ganz schlichte und nackte Wahrheit. Aber was sollen wir denn zu den vielen Gebeten und Psalmen, die bei den Juden gang und gäbe sind, denken? Willst Du als der nun erkannte allein wahre Gott denn nicht angebetet werden?«
   14] Sagte Ich: »Es heißt von Moses aus wohl: "Der Sabbat ist ein Tag des Herrn, an dem sollst du dich der schweren, knechtlichen Arbeit enthalten und zu Gott deinem Herrn mit reinem Herzen beten!" (2ÿmose.20,08-11) Ich aber sage nun, daß von jetzt an sicher ein jeder Tag ein Tag des Herrn ist, an dem der rechte Mensch nach Meiner Lehre Gutes tun soll! Wer aber nach Meiner Lehre Gutes tut, der begeht die wahre Sabbatfeier und betet wahrhaft zu Gott ohne Unterlaß, und Ich werde Mein Wohlgefallen an ihm haben.
   15] Ist jemand sich bewußt, daß er gesündigt hat, so vergleiche er sich mit dem, gegen den er gesündigt hat, und sündige in der Folge nicht wieder, so werden ihm seine Sünden auch vergeben werden; aber durch ein gewisses Beten, Kasteien und Fasten werden niemandem seine Sünden nachgelassen, solange er selbst von seinen Sünden nicht nachläßt.
   16] Solange aber jemand in den Sünden steckt, ist er nicht fähig, in Mein Reich der Wahrheit aufgenommen zu werden, weil die Sünde stets in den Bereich der Lüge und des Betrugs gehört. Sehet, also verhält sich diese Sache! - Aber nun kommt das Mittagsmahl; das wollen wir zu uns nehmen und darauf erst auf dem Wege der Wahrheit fortschreiten!«


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