Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 135. Kapitel: Römer Agrikola und die Hirten.

   01] Als Ich solches zu diesen Armen geredet hatte, da kamen einige Hirten zu der Hütte, um nachzusehen, ob die Kranken etwa schon verstorben seien.
   02] Da sie aber unser ansichtig wurden, so wollten sie sich bald wieder entfernen; aber unser Agrikola trat schnell aus der Hütte, redete die Hirten an und sagte: »Habt ihr etwa diesen Armen Speise und Trank gebracht, oder wolltet ihr ihnen sonst helfen oder sie trösten?«
   03] Sagten die Hirten: »Herr, weder das eine noch das andere, sondern wir kommen als Diener unseres Herrn, der ein strenger Mann ist! Er hat uns befohlen, heute nachzusehen, ob diese Familie noch darin hause, oder ob sie etwa schon gestorben sei. In jedem Falle müsse diese alte Hütte noch heute geräumt werden, da er für den ersten Tag nach dem Sabbat schon Bauleute bestellt habe, die diese alte Hütte umbauen sollen, darum dieses arme und nackte Gesindel hinausgeschafft werden müsse.«
   04] Sagte Agrikola: »Daß ihr nach dem Willen eures Dienstgebers handelt, das kann ich euch nicht verargen; aber ihr wußtet doch, welche Not diese Familie gelitten hat! Warum tatet ihr dieser armen Familie denn nie etwas Gutes?«
   05] Sagten die Hirten: »Herr, wir haben für uns zu sorgen genug, um unser Leben durchzubringen! Wie sollen wir da noch für andere Arme sorgen? Unser Dienstherr ist ein zu karger Mensch, als daß er uns, seinen Dienern, so viel zukommen ließe, daß wir davon noch andern Armen etwas zukommen lassen könnten. Wir selbst haben kaum zu leben, - wie könnten wir da noch andere leben lassen?!«
   06] Sagte Agrikola: »Tut mir recht leid um euch! Sieh, du Wortführer, dieser Familie ist nun auf einmal mehr denn königlich geholfen - und jedem ihrer Wohltäter wäre desgleichen für immer geholfen gewesen! Aber da ihr gleich eurem Dienstherrn harten und gefühllosen Herzens waret, so habt ihr auch von uns aus keinen Lohn zu gewärtigen. Übrigens saget das auch eurem Dienstherrn, daß ich als ein höchster, reichster und mächtigster Römer aus Rom, so er diese arme Familie besser versorgt hätte, ihm hier anstatt eine neue Hütte einen königlichen Palast hätte erbauen lassen und ihm dazu noch zehntausend Morgen Land geschenkt hätte! Nun aber mag und kann er für seine Barmherzigkeit mit euch den Lohn teilen, den ihr nun überkommen habt. Schämet euch, ihr Juden, die ihr euch "Kinder Gottes" nennet, daß wir Heiden euch an der Barmherzigkeit himmelhoch übertreffen! Wie heißt denn euer sauberer Herr, und was ist er denn?«
   07] Sagte ganz verdutzt der eine Hirte: »Unser Herr ist ein überreicher Bürger von Jerusalem und heißt Barabe; sonst ist er nichts.«
   08] Sagte Agrikola: »Ganz gut! Saget ihm, daß diese arm gewesene Familie nun sogleich mit uns fortziehen wird, und ihr und euer schöner Herr könnet dann mit dieser Hütte machen, was ihr wollet; daß ihr aber damit kein Glück haben werdet, dafür stehe ich euch gut! Und nun wartet noch ein wenig, damit ihr die arme Familie fortziehen sehet und eurem schönen Dienstherrn die Nachricht geben könnet, daß die Hütte völlig geräumt ist!«
   09] Agrikola trat nun wieder in die Hütte, und die Hirten sahen einander groß an, und einer sagte: »Da sehet nun! Ihr habt mich meines euch erzählten Traumes dieser armen Familie wegen verlacht und habt über mich noch geschmollt, als ich ein paarmal mein karg zugemessenes Brot mit den nackten Kindern geteilt habe, und habt sie später, wenn sie wieder zu mir kommen wollten, bedroht und davongetrieben. Da habt ihr's nun! Ich habe es immer gesagt: Mit dieser Familie geschieht noch einmal ein Wunder, und es wäre gut, ihr nun etwas Gutes zu tun! Aber da lachtet ihr; und nun lache ich bloß darum, weil ihr für euren glänzenden Verstand einen so guten Lohn bekommen habt!«
   10] In dieser Weise redeten die Hirten noch eine Weile, bis wir uns samt der nun ganz wohlgekleideten Familie aus der Hütte auf den Weg machten. Als die Hirten der nun ganz wohl und stattlich aussehenden Familie ansichtig wurden, da verwunderten sie sich sehr; denn es fiel ihnen die volle Genesung auf.
   11] Der älteste Knabe aber ging zu dem einen gutherzigen Hirten hin und sagte: »Was du in der Hütte antreffen wirst, das gehört dir!«
   12] Es verblieb nämlich in der Hütte der Korb mit noch einem Laib Brot und mit einem Kruge voll Wein, und in den Tüchern, in denen die Kleider eingebunden gewesen waren, waren etliche Goldstücke von großem Wert eingewickelt.
   13] Als wir einige Schritte fürbaß waren, wollten auch die anderen Hirten in die Hütte mitgehen und mit ihm das Hinterlassene teilen.
   14] Agrikola merkte das, kehrte schnell um und sagte zu den kecken Hirten: »So ihr es waget, diesem einen Gutherzigen nur einen Brosamen wegzunehmen, so lasse ich euch heute noch kreuzigen! Verstehet mich wohl! Ein Römer hält sein Wort!«
   15] Als die Hirten diese Sentenz vernahmen, flohen sie von dannen.
   16] Zu dem einen Hirten aber sagte Agrikola: »Nimm, was du finden wirst, und ziehe in den Ort; denn fortan wirst du nicht mehr zu dienen nötig haben!«
   17] Mit dem begab sich Agrikola wieder zu uns, und wir zogen nun in den Ort. Am Tore warteten schon viele, die uns vom Ölberge nachgekommen waren, und begrüßten uns.
   18] Agrikola aber sagte, gleich auf die arme Familie hindeutend: »Des Herrn Schritte sind stets voll Wunder und Wohltaten!«


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