Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 133. Kapitel: Die Bettelkinder aus Emmaus.

   01] Als wir uns nahe dem Eingangstore befanden, da kamen uns aus dem Orte sieben beinahe ganz nackte Kinder von sechs bis elf Jahren Alter entgegen und baten uns um Brot, weil sie gar sehr hungrig seien.
   02] Ich aber sagte zu ihnen: »Ja, ihr Meine lieben Kleinen, woher sollen wir da auf offener Straße Brot nehmen, um es euch zu geben?«
   03] Sagte das älteste Kind, ein Knabe: »O du lieber, guter Vater, wenn da dich unser nur erbarmen wolltest, so könntest du uns schon auch hier ein Brot und auch ein Gewand verschaffen! Im Orte gibt es Brot in großer Menge; aber so wir zu jemandem gehen und um Brot bitten, so treibt er uns mit Ruten weg und gibt uns kein Brot. Aber du und diese, die mit dir sind, sehen so gut aus, und so bitten wir euch, daß ihr uns Brot verschaffen möchtet!«
   04] Sagte Agrikola: »Meine lieben Kleinen, habt ihr denn keine Eltern, die euch Brot geben?«
   05] Sagte der Knabe: »Eltern haben wir, einen Vater und auch eine Mutter; aber sie sind beide sehr krank und können sich nichts verdienen, und so müssen wir für uns und für sie herum bitten gehen, damit wir und sie nicht ganz verhungern. O ihr lieben Väter, es ist wohl sehr traurig, gar so arm zu sein! Keine Wohnung, kein Brot und keine Kleidung!«
   06] Sagte Agrikola: »Wo halten sich denn eure kranken Eltern dann auf, wenn ihr keine Wohnung habt?«
   07] Sagte der Knabe: »Dort hinter dem Orte steht eine alte Schafhirtenhütte, die einem Bürger von hier gehört; der benützt sie nicht mehr, weil er sich eine neue erbaut hat, und er hat uns erlaubt, die alte zu bewohnen. Kommet nur mit uns und überzeuget euch selbst von unserer großen Not!«
   08] Sagte wieder Agrikola: »Aber es wohnt hier ja ein gewisser Nikodemus, der ein guter Vater sein soll! Waret ihr noch nie bei ihm?«
   09] Sagte der Knabe: »Ja, den kennen wir wohl und haben schon viel Gutes von ihm gehört; aber wir getrauen uns nicht hin, weil er ein gar zu hoher und großer Herr ist. Es befinden sich noch mehrere so große Herren hier, die sicher auch recht gute Väter sein werden; aber es nützt uns das nichts, weil wir uns nicht zu ihnen zu gehen getrauen.«
   10] Sagte Agrikola: »Ja, wir könnten ja auch große Herren sein, und ihr habt euch dennoch getraut, uns anzureden!«
   11] Sagte der Knabe: »Dazu hat uns der große Hunger getrieben und weil ihr ein sehr mildes und barmherziges Aussehen habt! Wenn wir den Nikodemus nur einmal auch auf der Straße antreffen könnten, so möchten wir ihn schon auch anreden; aber er ist ja meistens in der Stadt, und da wissen wir seine Wohnung nicht und getrauen uns in unserer Nacktheit auch nicht in die Stadt, denn es könnte uns darin ein Leid geschehen.«
   12] Sagte Ich zu den Kindern: »Seid getrost, Meine Kleinen, es soll euch geholfen werden! Führet uns aber nun zu euren kranken Eltern hin! Ich werde ihnen helfen, und wir werden auch für Brot und für eine rechte Bekleidung sorgen!«
   13] Sagten alle Kinder: »Wir haben zu Gott gebetet alle Tage, daß Er uns helfen möge, und als wir heute morgen wieder gebetet haben, da kam es uns vor, als ob wir eine Stimme vernommen hätten, die da sagte: "Heute noch soll euch geholfen werden!" Das erzählten wir den kranken Eltern, und diese sagten: "Bei Gott ist alles möglich; doch uns wird nur der Tod am sichersten helfen!" Wir vertrösteten unsere armen Eltern, so gut wir nur immer konnten, und gingen auf unser Betteln aus. Und seht, ihr lieben, guten Väter, wir haben nicht umsonst gebetet, denn euch hat der große, heilige und liebe Vater im Himmel zu uns geschickt! Oh, wir müssen aber nun gleich, bevor wir noch einen Schritt zurück zu unseren Eltern tun, dem lieben Vater im Himmel danken, daß Er Sich unser so gnädig erbarmt hat!«
   14] Hier knieten die Kleinen nieder und beteten mit aufgehobenen Händen also zum Himmel empor: »O Du großer, lieber, guter und heiliger Vater im Himmel, wir danken Dir, daß Du uns in diesen uns von Dir zugesandten Vätern aus unserer Not geholfen hast! Nimm diesen unsern Dank gnädig an, o Du lieber, guter, heiliger Vater!«
   15] Danach standen sie auf und baten uns, ihnen folgen zu wollen.
   16] Wir gingen, selbst tief gerührt von dem kurzen Dankgebet der Kleinen, ihnen nach und erreichten bald die vorbezeichnete Hütte, die sich unter einem stark vorspringenden Felsen befand. Allda angelangt, fanden wir die beiden Alten auf dem blanken Boden zusammengekauert und beinahe bis auf die Knochen abgemagert.
   17] Als Agrikola diese zwei Menschen im größten Elend ersah, ward er ganz erregt und sagte: »Nein, so etwas findet man bei uns als hart und unbarmherzig verschrienen Heiden nicht! Hätten denn diese trägen Juden nicht so viel Zeit, sich dann und wann herauszubemühen und nachzusehen, an sich da nicht irgendein elender und der Hilfe bedürftiger Mensch aufhält? Es gibt ja auch Hirten in der Nähe; könnten wenigstens diese nicht einmal nachsehen kommen, was diese Menschen hier machen, da sie ja doch diese Kinder oft aus und ein gehen gesehen haben müssen? Ach, so eine Gefühllosigkeit ist mir ja doch noch nie vorgekommen!«
   18] Sagte Ich: »Weißt du, Freund, jetzt werden wir diesen Menschen zuerst helfen und dann erst das Weitere besprechen!«


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