Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 126. Kapitel: Die allgemeine Vorbildung der Kinder.

   01] Sagte Ich: »Nichts leichter als das, und das daraus, was Ich dir früher gezeigt habe, daß es nämlich unter den Menschen allerlei Unterschiede geben muß, damit einer dem andern notwendig wird und einer dem andern in diesem oder jenem dienen kann.
   02] Wenn alle Menschen gleich fleißig wären und auch die gleichen Talente hätten, so würden sie sich gegenseitig bald völlig entbehrlich werden; aber so haben schon Kinder ein und desselben Elternpaares verschiedene Talente und verschiedene Fähigkeiten. Der Erzieher aber muß sie wohl beurteilen können und dann den Kindern auch nach ihren Talenten und Fähigkeiten den Unterricht erteilen, und sie werden dann alle dem rechten Ziele zugeführt werden.
   03] Aber wenn du bei den verschiedenen Talenten und Anlagen deiner Kinder willst, daß sie zum Beispiel lauter Kleidermacher oder lauter Weber werden sollen, da wirst du freilich nur bei jenen einen rechten Fleiß und Eifer gewahren, die zu dem, was sie lernen, auch ein Talent haben. Die dafür wenig oder gar kein Talent haben, die werden dafür auch wenig Eifer zeigen. Solche Kinder werden, wenn sie später zu selbständigen Menschen werden, auch wenig Ersprießliches zum Wohle ihrer Nebenmenschen leisten, weil sie ohne das rechte Talent das mühsam Erlernte nie so recht gründlich und fertig innehaben können wie jene, die eben für das Erlernte schon von Geburt an ein rechtes Talent haben.
   04] Also der Grund des größeren oder geringeren Eifers der Kinder liegt sonach - was mit Händen zu greifen ist - hauptsächlich bei den Eltern und anderen Lehrern der Jugend. Die Rebe bringt die Traube und der Feigenbaum die Feige als Frucht hervor, und beide Früchte schmecken süß; aber so da den Feigenbaum ebenso behandelst wie den Weinstock, da wird dir der Feigenbaum wenig Früchte tragen, und läßt du den Weinstock so unbeschnitten fortwachsen, wie da der Feigenbaum fortwächst, so wird der Weinstock bald verkümmern und dir wenig Trauben geben. - Hast du das nun wohl verstanden?«
   05] Sagte nun der Magier: »O Herr, ich danke Dir für diese große und gar überherrliche Aufklärung! Ja, da kann der Mensch erst erkennen, wie blind und dumm er bei aller seiner angemaßten Weisheit ist! Was bildet sich so mancher Weltweise ein und sieht am Ende doch den Wald vor lauter Bäumen nicht! Es liegt das dem Menschen, wenn er nur ein wenig die Augen aufmachen wollte, gar so nahe! Jedes Kind hat offenbar eine andere Gestalt; eins ist oft größer als ein anderes, das eine ist schroffer, ein anderes ganz sanft und zart, und so gibt es ja unter den Kindern ein und desselben Elternpaares gar große Unterschiede schon äußerlich. Welche Unterschiede wird es dann erst innerlich geben!
   06] Sollten die äußeren Merkmale denn einem denkenden Menschen nicht genügen, nach ihrer Verschiedenheit auch auf die Verschiedenheit der im Menschen vorhandenen Talente und Fähigkeiten zu schließen, damit ein weise sein sollender Lehrer und Meister den Menschen auf seine Talente aufmerksam machen würde und ihm mit Rat und Tat behilflich wäre, die vorhandenen Talente auf eine edle und erfolgreiche Weise auszubilden? O nein, das genügt dem blinden Weisen, so wie ich selbst einer war und noch bin, durchaus nicht! Er will die Menschen alle gleich haben; sie sollen alle denken und handeln wie er und sollen sich willig Lasten aufbürden, zu deren Tragung ihnen die Kraft mangelt, und so werden die Menschen nicht selten statt zu wahren Weisen nur zu Narren gebildet, die weder sich noch jemand anderem einen Nutzen zu bereiten imstande sein können. Für diese Belehrung danke ich Dir, o Herr, nochmals aus dem tiefsten Grunde meines Herzens; denn diese werden wir zuerst bei unseren Kindern in eine sicher fruchtbare Anwendung bringen.«
   07] Sagte hierauf Agrikola: »Ja, das ist wahrlich wahr eine Goldlehre, und auch wir Römer werden sie uns zunutze machen, und ich schon ganz besonders; denn fürs erste habe ich selbst Kinder, und fürs zweite werden die jungen Menschen, die ich von hier nach Rom mitnehme, ebenso gebildet werden, wie es mir ihre Talente zeigen werden. Natürlich muß eine gewisse Grundbildung bei allen gleich vorangehen als: das Lesen der Schriften, das Schreiben und das Rechnen, wie auch das Verstehen der Sprachen, die im ganzen römischen Reiche von den Menschen gesprochen werden; denn ohne diese notwendigen Vorkenntnisse läßt sich aus den Menschen nicht viel machen. Dann aber soll ein jeder Mensch nach seinem hervorragendsten Talente gebildet werden. - Herr, ist es recht also?«
   08] Sagte Ich: »Allerdings; denn es müssen alle Menschen zuvor gehen, mit den Händen greifen, mit den Augen schauen und mit den Ohren hören können, bevor sie zu irgendeiner Verrichtung einer Tat fähig werden. Und so sind die gewissen von dir angezeigten Vorkenntnisse dem Menschen auch nötig, um mit ihrer Hilfe leichter zur wahren Lebensweisheit gelangen zu können. Aber es soll dabei dennoch wohl darauf gesehen werden, daß die Menschen diese Vorkenntnisse und ihre Erlernung nicht zur Hauptsache machen und nicht ihr Leben lang sich mit dem Studieren der Schriften und Sprachen abgeben und dabei die innere, geisterweckende Bildung vergessen, in der am Ende doch ganz allein aller Wert des Lebens besteht. Denn was nützte es einem Menschen, so er alle Schriften der Welt schreiben und verstehen und aller Menschen Zungen reden könnte, an seiner Seele aber Schaden litte?!
   09] Daher suchet vor allem das Reich Gottes auf Erden, suchet es in euch, alles andere wird euch dann schon mit dem Gottesreiche in euch gegeben werden; aber ohne dasselbe hat der Mensch - und besäße er auch alle Schätze der Erde und hätte die Wissenschaften aller Weltweisen in sich - soviel wie nichts.
   10] Ein Besitzer des Reiches Gottes in seinem Herzen aber hat alles. Er hat alle, und zwar die höchsten und tiefsten Wissenschaften in sich und hat das ewige Leben und dessen Kraft und Macht, und das ist doch sicher mehr als alles, was die Menschen auf dieser Welt je als groß und wertvollst anerkannt haben.
   11] Ihr werdet euch morgen in Emmaus alle überzeugen, was das heißt, ein vollkommener Mensch sein. Ich sage es euch: Ein wahrhaft vollkommener Mensch vermag mehr denn alle andern unvollkommenen Menschen auf der ganzen Erde.
   12] Darum befleißiget euch vor allem, daß ihr vollkommene Menschen werdet! Seid ihr das, dann seid ihr alles und habt alles.
   13] Aber das sage Ich euch auch, daß die Erreichung des Reiches Gottes nun Gewalt braucht. Die es haben wollen, müssen es mit Gewalt ordentlich an sich reißen; die das nicht tun werden, die werden es auch schwerlich hier auf Erden schon vollkommen in ihren lebendigen Besitz bekommen.«


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