Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 105. Kapitel: Frage des Magiers über göttliche Offenbarungen.

   01] Sagte der Magier: »Ja, jetzt erst verstehen wir das besser; denn wir dachten zuvor noch zu sehr nach unseren altgewohnten menschlichen Begriffen, nach denen wir die Sache also betrachteten, daß Gott als das allerhöchste etwa über allen Sternen wohnende Wesen Sich auch auf dieser Erde nur jenen Menschen offenbaren könne, die vermöge ihrer irdisch möglich höchsten Stellung Ihm gewisserart rangähnlicher wären. Wenn dann irgendein ganz geringer Mensch vorgab, von Gott Selbst eine Offenbarung empfangen zu haben, so wurde solch eine Angabe von den Priestern aus für einen allerstrafbarsten Frevel gegen die endlose Heiligkeit und Majestät Gottes erklärt und verdammt, und der gemeine Prophet mußte solchen Frevel wohl gewöhnlich mit dem Tode büßen. Das ist freilich leider wohl nur zu wahr.
   02] Aber Gott wußte es ja doch wohl auch, daß es mit uns Priestern also steht! Hätte Er Sich denn nicht einmal etwa einem Oberpriester auf eine solche Art offenbaren können, daß der Oberpriester solch eine Offenbarung als von Gott kommend hätte ansehen müssen, und daß Gott in solch einer Offenbarung Seinen Willen dahin klar ausgedrückt hätte, was ein Priester und was ein laier Mensch (Laie) zu tun haben solle?! Wäre so etwas je geschehen, so wäre schwerlich je ein armer, kleiner Prophet wegen einer ihm von Gott gegebenen Offenbarung zum Tode verdammt worden; denn da hätten ja alle Priester von oben herab gewußt, daß auch ein ganz gemeiner Mensch, ja sogar ein Sklave oder gar ein Weib von Gott eine Offenbarung bekommen kann, und es wären dann solche Menschen von keinem Priester je mehr verfolgt, sondern im Gegenteil nur höchst geachtet und gläubigst von jedermann angehört worden. Aber wir können uns wahrlich nicht entsinnen, daß bei uns je irgend ein Oberpriester eine solche Offenbarung und Weisung von Gott erhalten hat.
   03] Weil aber eben so etwas nie geschah, so mußten wir ja bei dem verbleiben, was wir hatten, und wie dasselbe von jeher bei uns eingerichtet war. Wenn ich das nun so recht beim ruhigen Verstandeslichte betrachte, so kommt es mir vor, daß wir Priester denn doch nicht ganz und gar allein die Schuld an unserer bösen und langen Lebensfinsternis tragen, sondern auch der beinahe ewige Vorenthalt einer höheren Offenbarung als völlig erkennbar von Gott ausgehend und kommend, - natürlich an die Person eines Oberpriesters, eines Königs oder an beide zugleich, was offenbar noch wirksamer gewesen wäre.
   04] Es ist das freilich nur so meine Meinung, und ich bin nun sehr weit davon entfernt, diese als irgend etwas geltend aufzustellen; aber mit meiner menschlichen Vernunft diese Sache betrachtend, kommt es mir denn doch so vor, daß eine göttliche Offenbarung durch solche Menschen dem Volke gegeben, die bei ihm schon seit undenklichen Zeiten im größten Ansehen stehen, offenbar mehr wirken würde, als so sie zumeist nur solchen Menschen gegeben wird, die unter dem Volke auf den untersten Stufen stehen und auch die Mittel nicht haben, irgend eine noch so wahre und richtige Offenbarung unter die anderen Menschen und schon am allerwenigsten als geltend unter die Priester und Könige zu bringen. Nähme eine Offenbarung den Weg von oben her unter das Volk, so wäre damit doch sicher vieles und eigentlich schon gar alles gewonnen. - Was sagst du, junger, göttlich weiser und mächtiger Freund?«


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