Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 103. Kapitel: Weg zur Lebensvollendung.

   01] Nach einer ziemlichen Weile des tiefsten Staunens sagte der Magier: »Wundermächtigster Jüngling! Wenn du kein Gott bist, dann kann ich mir keinen Gott mehr denken; denn diese deine beiden Taten sind keinem geschaffenen und aus einem Weibe geborenen Menschen zu bewirken möglich. Dazu gehört eines wahren Gottes Allmachtskraft! Das ist mein Becher und der überwertvollste große Diamant, der seinesgleichen wenige haben wird. Er mußte ja doch durch die Luft hierherkommen und somit die gar sehr weite Strecke schneller denn ein Blitz durchschießen. Da hätte man aber doch bei seiner Ankunft irgendein Sausen vernehmen müssen! Aber nichts von allem dem; in der größten Schnelle und Stille was der Stein schon da! Ja, wie soll das wohl einem Menschen je denkbar möglich sein? Kurz und gut, wir haben in dir schon den uns ewig verborgen gewesenen Gott endlich einmal gefunden! Aber nun bringt uns außer deiner Allmachtskraft auch nichts mehr von dir weg!«.
   02] Sagte Raphael: »Oh, ihr nun meine Freunde und Brüder, haltet mich ja für nichts mehr als nur für einen durch die Gnade Gottes vollendeteren Menschen, als ihr selbst es jetzt noch seid! Was bin ich gegen Gott? Ein ohnmächtiges Nichts des Nichtses! Alles, was ich wirke, wirke ich nur durch den Geist Gottes, der mein Innerstes dadurch erfüllt, weil dasselbe voll ist von der Liebe zu Gott und daraus auch voll des Willens Gottes. Was demnach dieser Wille Gottes in mir will, das geschieht; denn das Wort und der Wille Gottes ist das eigentlichste wahre Etwas, ist das Sein und Bestehen aller Dinge und Wesen und ist allwärts die vollbrachte Tat selbst.
   03] Es ist in mir aber nur ein Fünklein des Geistes Gottes; aber dieses steht im Verbande mit dem ewig unendlichen Geiste Gottes. Und was der ewig unendliche Geist Gottes will, das will mit Ihm auch das engverbundene Fünklein in mir, dessen ich allzeit inne werde, und das nichts anderes wollen kann, als was Gott will, und so geschieht das auch im Augenblick, was in mir Gottes Geist will.
   04] In euch liegt zwar auch derselbe Funke verborgen, aber noch so wie in einem Samenkorne der lebendige Keim. Solange aber das Samenkorn nicht ins Erdreich kommt, bleibt es wie tot; erst wenn im Erdreich alles Äußere und Materielle hinwegfällt und nur sein Seelisch-Substantielles sich mit dem lebendigen Keimgeiste eint, dann auch fängt solcher Geist an, tätig zu werden, und wirkt Wunder, die ihr schon zahllose Male gesehen habt.
   05] Also aber muß auch der materielle Mensch durch seinen freien Seelenwillen alle materiellen Bestrebungen in sich gleichsam töten und vernichten. Er muß an nichts Weltlichem mehr mit einer gewissen Liebe hängen. Sein Streben muß sein: Gott stets mehr zu erkennen, zu lieben und den ihm geoffenbarten Willen Gottes in allem zu erfüllen, und sollte daß der Seele und ihrem Leibe noch so große Opfer kosten.
   06] Dadurch wird dann der göttliche Geist im Menschen tätig, erfüllt bald den ganzen Menschen, macht ihn Gott ähnlich und gibt ihm alle Kraft und Macht und das ewige, unverwüstbare Leben.
   07] Darum habe ich euch aber schon ehedem gesagt, daß ein Mensch Gott als die ewige Liebe, Weisheit und Wahrheit auch nur durch die reine Liebe zu Ihm und durch die Wahrheit daraus finden kann, und sonst auf keine andere Weise.
   08] Hänge du ein Samenkorn in die Luft und laß es noch so bescheinen vom hellsten Lichte der Sonne, und es wird vertrocknen, keinen Keim treiben und keine Frucht bringen! Und sieh, ebenso steht es mit einem Menschen, der Gott im äußeren Weltweisheitslichte sucht! Er vertrocknet und verkümmert dabei, und alle seine eitle Mühe und Arbeit war eine fruchtlose.
   09] Wenn aber das noch lebensgesunde Samenkorn ins Erdreich gelegt wird, so sagt dieses Bild und Gleichnis wohl entsprechend soviel als: Der Mensch fange an, sich in allen sinnlichen Weltgelüsten zu verleugnen! Er werde voll Demut, Sanftmut, Geduld, Liebe und Erbarmung gegen seine Nebenmenschen, so wird er daraus auch werden voll Liebe zu Gott. Ist der Mensch das, so ist er als ein wohl lebens- und keimfähiges Samenkorn schon im Erdreiche des wahren Lebens. Sein Geist aus Gott durchdringt ihn ganz und gar und läßt ihn aufwachsen und reif werden zum ewigen Leben aus Gott und zur Anschauung Gottes.
   10] Wer das an sich bewirkt, der hat den sonst ewig verborgenen Gott gefunden und wird ihn dann auch ewig nimmerdar verlieren. Also habe ich es gemacht und bin nun das, was ich bin, und die vielen, die ihr da vor euch sehet, sind auch schon zum größten Teile das und auch mehr denn ich. So ihr danach tun werdet, da werdet auch ihr dasselbe erreichen; aber da hieße es bei euch wohl noch sehr viel Welttümliches von euch gänzlich verbannen. - Habt ihr mich nun wohl verstanden?«


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