Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 100. Kapitel: Der wahre Weg zu Gott.

   01] Sagte Raphael: »Seht, nun erst habt ihr die volle Wahrheit geredet und habt Gott als die ewige Wahrheit mit der vollen Wahrheit gesucht, und ich kann euch nun schon sagen, daß ihr Ihm noch nie so nahe gekommen seid wie eben jetzt! Aber es ist noch so manches in euch, das zur völligen Auffindung des einen, wahren Gottes nicht taugt, und solange ihr diesen schwarzen Fleck in euch nicht merket und findet und ihn nicht aus euch schaffet, könnet ihr den Verborgenen noch immer nicht finden, so nahe Er euch auch ist.«
   02] Sagt der Magier: »Und dieser schwarze Fleck wäre?«
   03] Sagt Raphael: »Das ist euer priesterlicher Hochmut. Denn wehe dem, der euch aus dem Volke begegnet und euch etwa möglicherweise unversehens gar nicht grüßte, da ihr ihn bemerkt habt. Es wird ihm das gleich als ein großes Verbrechen angerechnet, und er muß sich darum einer starken Buße unterwerfen, die entweder in einer starken und oft ganz schaudererregenden Leibeskasteiung oder bei einem Reichen in anderen großen Opfern besteht, die bei euch nicht selten ins Fabelhafte gehen! Und sehet, das ist ein gar grober schwarzer Fleck! Solange der bei euch gang und gäbe ist und bleibt, wird Sich Gott von euch nicht finden lassen: denn Gott können nur jene Menschen finden, die Ihm in ihrer Seele ähnlich zu werden trachten oder Ihm schon mehr und mehr ähnlich sind.
   04] Gott ähnlich werden aber heißt: Werdet voll Liebe gegen eure Nebenmenschen, und euer Herz sei voll Demut, Sanftmut, Geduld und Erbarmung gegen jedermann, so wird Sich Gott auch euer erbarmen und Sich von euch finden lassen im Geiste Seiner Liebe und der ewigen Wahrheit.
   05] So ihr Gott nur in und mit der alleinigen Wahrheit suchet, da werdet ihr Ihm wohl nahekommen, aber Sein eigentliches Wesen doch nicht erschauen und noch weniger je begreifen; suchet ihr Gott aber in der reinen Liebe, Demut, Sanftmut, Geduld und Erbarmung, so werdet ihr Gott finden, Ihn erkennen und das ewige Leben eurer Seelen ernten.
   06] Es war in diesem Lande und unter diesem Volke einmal ein großer Prophet, voll des Geistes aus Gott. Licht und Wahrheit waren seine Wege, und Gotteskraft lag in jedem seiner Worte. Durch besondere Fügungen Gottes mußte er einmal in ein fernes Land fliehen, weil ihm die Menschen an eigenen Lande nach dem Leben strebten. Im fremden Lande mußte er eines hohen Berges Höhle, die ihn vor den Blicken der Menschen verbarg, - bewohnen. Als er schon eine geraume Zeit die Höhle bewohnte, in der er sich von allerlei Wurzeln ernährte, betete er zu Gott, daß Er Sich ihm nur ein einziges Mal zeigen möchte, dann wolle er mit Freuden sterben in des Berges Höhle.
   07] Da vernahm er eine Stimme, die zu ihm sagte: "So stelle dich an die Öffnung der Höhle, denn Ich werde vor derselben vorüberziehen!"
   08] Da ging der Prophet an die Öffnung der Höhle und harrte, daß Gott vorüberzöge. Und siehe, als der Prophet also harrte, da kam ein gar gewaltiger Sturm und zog so mächtig an der Höhle vorüber, daß ganze Felsenmassen vor ihm hinstoben wie leichte Spreu!
   09] Da meinte der Prophet: "Ah, das war also Gott! Also im gewaltigen Sturme ist Gott und gibt Sich also den Menschen zu erkennen?!"
   10] Aber sogleich sagte eine Stimme zu ihm: "Du irrst dich! Im Sturme war Gott nicht. Harre nur, und Gott wird vorüberziehen!"
   11] Da harrte der Prophet. Und siehe, alsbald nach dem Sturm zog eine gar gewaltige Flammensäule, also ein mächtiges Feuer, vorüber, und der Prophet sagte: "Also im Feuer offenbarest Du, Gott Dich uns Menschen?!"
   12] Und abermals sprach eine helle Stimme: "Nein, auch im Feuer zog Gott nicht vor deiner Höhle vorüber! Aber harre! Nun erst wird Gott vorüberziehen!"
   13] Und der Prophet harrte mit Angst und großem Zittern. Als er also harrte, da zog ein gar sanftes Säuseln an der Höhle vorüber, und in diesem sanften Säuseln war Gott.
   14] Und es sprach die Stimme abermals: "Wer Gott schauen will, der suche Ihn in der Liebe, Demut, Sanftmut, Geduld und Erbarmung; wer Ihn aber anderswo und durch andere Mittel und auf anderen Wegen sucht, der findet Gott nicht!"
   15] Und sehet nun, was jene Stimme dem großen Propheten in jener Höhle sagte, das sagte ich euch nun auch, und ich habe euch den rechten Weg gezeigt! Wollet ihr den einen, wahren Gott auf diesem Wege suchen, so werdet ihr Ihn auch finden, aber auf euren Wegen nimmer. Das sage ich euch! - Habt ihr das verstanden?«


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