Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 75. Kapitel: Der Geist als die innerste Kraft.

   01] Sagte Agrikola: »Himmlischer Freund, diese Sache jemandem noch klarer und einleuchtender zu machen, als du sie mir und uns allen gemacht hast, ist wahrlich unmöglich! Daß wir aber alles das noch nicht in der vollen Tiefe also einsehen und begreifen können, wie du diese Sache einsiehst und begreifst, das wird dir sicher auch noch um sehr vieles klarer sein, als es uns selbst klar sein kann; denn wofür der irdische Mensch noch lange keinen rechten Begriffssinn hat, das kann er auch bei seinem allerbesten Willen niemals völlig im rechten Lichte begreifen. Doch das ist mir nun dennoch völlig klar geworden, daß alle wesenhafte Realität eigentlich nur im Reingeistigen zu suchen und somit auch ungezweifelt zu finden ist. Ich möchte dich, du liebster, rein himmlischer Freund, wegen des noch möglich klareren Begreifens deiner Lehre übers Reingeistige nur noch um einige noch handgreiflichere Beispiele bitten. Denn sieh, wir Römer haben da einen alten Spruch, und der lautet: Longum iter per praecepta, brevis et efficax per exempla! (Lang ist der Weg durch Belehrungen, kurz und wirksam durch Beispiele!) Und das ist sicher eine alte und ganz wahre Lehre. Ein ganz kleines und kurzes Beispiel sagt einem forschenden Menschen oft und nahezu immer mehr, als was ihm alle theoretischen Lehren und Grundsätze zu sagen imstande sind, und aus eben dem Grunde bitte ich dich denn auch um einige kleine und gute Beispiele.«
   02] Sagte Raphael: »Ja, du mein Freund, es wären dir schon noch eine Menge und das sehr handgreiflich klare Beispiele zu geben; aber du wirst darum das Reingeistige dennoch nicht völlig mit deinen Natursinnen fassen können. Der Geist als überall die innerste Kraft durchdringt alles, sieht alles und bezwingt alles - was auch dein Geist tun wird, aber noch nicht heute und auch nicht morgen, sondern dann, wenn in dir alles in der vollen Wahrheit geordnet sein wird.
   03] Siehe an dort die Jünger des Herrn, von denen zwei sich nun noch unten im Tempel aufhalten; einer von den zweien aber ist ein Weltsüchtler! Siehe, diese Jünger - mit Ausnahme des einen - sind schon nahe auf dem Punkte, auf dem ich als ein reiner Geist mich nun befinde; aber das zu erreichen war für sie auch durchaus nicht etwas derart Leichtes, wie du dir das irgend vorstellen möchtest. Sie waren zumeist Fischer am Galiläischen Meere in der Nähe von Kapernaum und waren dabei Haus- und Grundbesitzer und haben Weiber und Kinder, und siehe, sie verließen alles und folgten willig und mit großer Freude dem Herrn nach, der Erreichung des Gottesreiches wegen und zur Erreichung Seiner Kraft und Macht! Und weil sie pur des Reiches Gottes wegen aller Welt den Rücken zugewendet haben, so haben sie auch dasselbe in sich erreicht in kurzer Zeit, was du als ein großer Weltmensch erst so nach und nach wirst erreichen können.
   04] Du wirst das aber erreichen nach dem Maße deiner Liebe zu Gott dem Herrn und nach dem Maße deiner Liebe zu deinen Nebenmenschen; denn die Stärke deiner Liebe zu Gott und zum Nächsten wird dir anzeigen, wieviel des Reiches Gottes in dir wach und reif geworden ist.
   05] Das Reich Gottes in dir aber ist die besagte Liebe in dir, und diese Liebe ist auch dein Geist als die einzige Wahrheit, Realität und das ewige, unverwüstbare Leben. Nun, wie aber das also ist, wie ich es dir nun gezeigt habe, das kann dir kein noch so gewähltes Beispiel zeigen, sondern das mußt du in dir selbst erfahren. Bis zu der eigenen Erfahrung aber heißt es: glauben und hoffen auf die sichere Erfüllung alles dessen, was der Herr als die urewige Wahrheit dir und euch allen treulichst verheißen hat!
   06] Ich will dir aber dessenungeachtet dennoch einige Beispielszeichen wirken, aus denen du noch etwas heller ersehen wirst, daß allein im Geiste aller Urstoff und alle Realität zu Hause ist. Ihr Römer habt auch einen Spruch, den wir hier recht gut brauchbar voranstellen können. Siehe, euer Spruch lautet folgendermaßen: Quod principio non valet, aut valere nequit, etiam in successu non aliquid valere potest; ex nihilo nihil erit (Was von Anfang an keine Kraft hat oder haben kann, das kann auch in seinem Fortgang nicht irgend etwas zustande bringen; aus nichts wird nichts.). Aus dem aber geht schon der menschlichen Vernunft zufolge klar hervor, daß das Reingeistige ein wahrstes Etwas sein muß; denn wäre es nach den materiellen Begriffen der Menschen ein gewisses, seiner selbst unmöglich bewußtes Nichts, wie könnte es ewig je zu einem seiner selbst bewußten Etwas werden?!
   07] Damit aber aus dem Reingeistigen alles, was da ist, werden, entstehen und bestehen kann, so muß ja dieses Reingeistige vor allem ein wahrstes Etwas sein, damit aus ihm jedes andere Etwas als Folge hervorgehen kann. In dem Samenkorn ist demnach der im Keimhülschen ruhende Geist allein ein wahres Etwas, während der ganze andere Samenleib für sich gar nichts ist, sondern das, was er ist, nur durch den ihm innewohnenden Geist ist. Dieser Geist arbeitet nach seiner ihm innewohnenden Intelligenz durch die Kraft seines Willens, und es wird daraus eine Pflanze, ein Strauch, ein Baum, ein Tier, ja eine ganze Welt.
   08] Was aber der Geist in sich ist, das habe ich dir bereits schon zum öfteren Male erklärt. Doch du kannst das nun darum noch nicht bis auf den Grund des Grundes einsehen, weil dein eigener Geist dich selbst noch nicht durchdrungen hat, aber so viel kannst du es dir in deiner Seele doch versinnlichen, daß das Uretwas des Geistes ein lebendiges und seiner selbst überklar bewußtes Feuer und Licht und somit die höchste Liebe und die höchste Weisheit selbst ist. Mehr kann dir darüber auch der Herr Selbst nicht sagen!«


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