Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 56. Kapitel: Das Wesen der Engel. Liebe und Weisheit, Herz und Verstand.

   01] Wir ruhten und schliefen noch gar gut, als die Sonne schon über den fernen Horizont stieg. Da ward Lazarus und sein Wirt munter, und letzterer erhob sich alsbald vom Stuhle und ging hinaus, die Dienerschaft zu wecken, auf daß sie sich an die Zubereitung eines guten und reichlichen Morgenmahles mache. Es ward daher bald alles im ganzen Hause lebendig, und so erwachten denn auch wir, erhoben uns von unseren Plätzen und gingen hinaus ins Freie.
   02] Es war aber vor dem Hause ein Brunnen, der ein gutes und reines Wasser hatte, und Ich sagte zu Lazarus: »Bruder, auf daß wir dem Nikodemus kein Ärgernis geben, so lasse
Krüge bringen und sie mit Wasser füllen, auf daß wir uns die Hände waschen können und es nicht heiße, wir äßen das Brot mit ungewaschenen Händen!«
   03] Dies geschah, und alle wuschen sich die Hände, das Gesicht und auch die Füße, worauf reine Tücher zum Abtrocknen der Haut gereicht wurden.
   04] Als diese Waschung vorüber war, da kam auch unser Raphael wieder zu uns und berichtete dem Lazarus, daß die Jugend noch ganz wohl ruhe, schlafe und träume und daher vor ein paar Stunden noch nicht geweckt werden solle. Solches geschah denn auch, weil das für die durch die weite und schlechte Reise müde gewordene Jugend sehr notwendig war.
   05] Jetzt aber bei Tage bemerkte Nikodemus erst so recht die blendende Schönheit Raphaels und konnte sich nicht satt sehen an ihm. Nach einer Weile des innern, tiefen Staunens sagte er zu Mir: »Aber Herr und Meister, wo ist denn dieser überirdisch schöne Jüngling her? Wie heißt er denn? Nein, ich habe noch nie eine ähnliche männliche Schönheit gesehen! Unweit von ihm steht zwar auch, wenn man es recht betrachtet, ein gar sehr liebliches Mädchen; aber wie irdisch ist es doch gegen diesen schon überhimmlisch schönen Jüngling! Seine Goldlocken, wie sie so schön geordnet über seinen ganz ätherisch weichen Nacken, der beinahe schneeweiß ist, herunterwallen! Welch eine unbeschreibliche Anmut in seinem Angesicht! Wie weich, voll und zart und sanft seine Arme und Füße! Es ist an ihm alles so geordnet und gewählt, wennschon ganz einfach, daß ich als ein Ältester der Stadt und des Tempels noch nie auch nur in einem Traume etwas Ähnliches gesehen habe. Wahrlich, dieser Jüngling kann kein Kind dieser Erde sein! Wenn er nach dem Muster der Cherube, die im Allerheiligsten des Tempels die Lade bewachen, Flügel hätte, so wäre er ein vollkommener Engel Gottes!«
   06] Sagte Ich: »Meinst du denn wohl, daß die Engel Gottes Flügel haben müssen, um Engel zu sein? Da bist du noch in einer sehr großen Irre! Hatten die drei Männer, die zu Abraham kamen, Flügel?! Oder hatten das die Jünglinge, die den Lot retteten, oder der Engel, der den jungen Tobias führte? Mir ist es nicht bekannt, daß in der Schrift von ihren Flügeln irgend eine Erwähnung geschieht. Auch der Engel, der dem Abraham erschien, als er seinen einzigen Sohn Isaak opfern sollte, und ihn davon abhielt, hatte nach der Schrift keine Flügel.
   07] Nur die beiden ehernen Cherube mußte Moses als vorbildlich dahin entsprechend mit Flügeln darstellen, für die damals noch sehr sinnlichen Juden anzudeuten, daß die reinen Geister aus den Himmeln Gottes sich in allem höchst schnell bewegen - im Denken, Beschließen, Handeln und Vollbringen. Nun kennt der natürliche Mensch auf der Erde keine schnellere Bewegung als den Flug der Vögel in der Luft mittels ihres Flügelpaares, und so hat denn auch Moses, um den Menschen die Schnelligkeit des Geistigen zu versinnlichen, den Cheruben die Flügel machen müssen nach der Anordnung Gottes. Sonst aber in der Wirklichkeit hat kein Engel Gottes je ein Paar Hügel gehabt.
   08] Der Flügel bedeutet also nur den hohen Grad der Weisheit und Kraft alles rein Geistigen, aber nicht, als müßte ein reiner Geist sich auch gleich einem Vogel auf ein Geheiß Gottes vom Himmel auf die Erde herab- und von da wieder zurückbewegen. Übrigens gab es im wahren Himmel niemals irgendeinen Engel, der nicht zuvor ein Mensch auf irgendeiner Erde gewesen wäre. Das aber, was ihr euch unter den als reine Geister geschaffenen Engeln sehr irrig vorstellet, ist nichts als die auswirkenden Kräfte und Mächte Gottes, durch die Gottes Allgegenwart, in aller Unendlichkeit wirkend, bekundet wird, die sich aber kein Mensch unter einem Bilde vorstellen soll, weil das Unendliche aus Gott für jedes begrenzte Wesen der Wahrheit nach unvorstellbar ist, was hoffentlich doch nicht schwer zu begreifen ist.
   09] Weil aber ein jeder Mensch seiner Seele nach berufen ist, ein wahrer Engel der Himmel Gottes zu werden, so kann dieser schöne und keuscheste Jüngling ja auch ebensogut ohne Flügel auf dieser Erde sein, wie Ich Selbst nun im Fleische als der alleinige Herr Himmels und der Erde bei euch bin und euch Selbst lehre und dabei dennoch die ganze Unendlichkeit erhalte. Übrigens steht es aber ja geschrieben: "Zu derselben Zeit werdet ihr die Engel Gottes auf und nieder steigen sehen, die dem Herrn dienen werden!" Und also kann dieser Jüngling auch ganz gut ein Engel sein. - Was ist da deine Meinung?«
   10] Sagte Nikodemus: »Ja, ja, schön ist er offenbar mehr denn zur Übergenüge dazu; aber er steigt nicht auf und nieder zwischen Erde und Himmel!«
   11] Sagte Ich: »O du große Blindheit der Menschen! Wie kannst du als ein vielerfahrener Mensch doch annehmen, daß Engel aus dem materiellen Himmel auf diese gleich materielle Erde und von da wieder zurück steigen werden und die Menschen das also sehen werden und auch, wie Mir solche Engel dienen möchten?! Das Auf- und Niedersteigen der Engel bedeutet ja nur: von der Liebe zur wahren Weisheit aufsteigen und mit der Weisheit wieder zur Liebe, welche der wahre, lebendige Geist aus Gott in euch ist, zurückkehren.
   12] Wenn ein Mensch in seinem Herzen die Liebe zu Gott und zum Nächsten recht erweckt und fasset, so steigt er dadurch auf zur Weisheit oder zur rechten und tiefen Erkenntnis in allen Dingen. So ein Mensch aber solch eine Erkenntnis erlangt hat und Gottes unbegrenzte Liebe, Weisheit und Macht tiefer und tiefer erkannt und begriffen hat, so wird er voll Demut und voll der lebendigsten Liebe zu Gott. In diesem Falle steigt er dann wieder ins Herz, erleuchtet dasselbe noch heller und macht es glühender in der Liebe zu Gott.
   13] "Aber", sagst du bei dir, "stellt denn diese Erde die Liebe und der Himmel die Weisheit dar, da es doch auf der Erde gar so lieblos zugeht und vom Himmel nur Gutes kommt, - höchst selten irgend etwas minder Gutes?"
   14] Ja, im Menschenherzen als dem Sitze der Liebe geht es zumeist auch sehr lieblos zu, und dennoch ist das Herz der Sitz der Liebe. Aber die pure Liebe im Herzen, als ganz allein für sich daseiend, würde ebensowenig Früchte des Lebens zustande bringen wie die Erde ohne das Licht der Sonne. Die Sonne des Himmels für das Herz im Menschen aber ist einmal sein natürlicher Verstand. Dieser steigt in geordneten, guten Gedanken, Ideen und Begriffen ins Herz oder auf die Erde im Menschen herab, erleuchtet sie und belebt die Keime zu guten und edlen Taten. Ist das Licht des Verstandes noch schwach gleich dem Lichte der Sonne im Winter, so wird dabei das Herz wohl verständiger und klüger; aber da es noch sehr in der Selbstliebe verharrt, so werden die edlen Keime in ihm nicht aufgehen, wachsen und lebensvolle Tatenfrüchte zur Reife bringen. Wenn aber ein Mensch durch Fleiß und rechte Verwendung seiner Talente und Fähigkeiten in seinem Verstande heller und heller wird, so wird des Verstandes Licht auch mächtiger erwecken die Lebenswärme im Herzen, und die in ihm ruhenden Samenkörner zu guten Taten werden zu keimen, zu wachsen, zu blühen anfangen und bald edle Tatenfrüchte zur reichen Lebensernte bringen und vollreif werden lassen.
   15] Und so sind hier unter "Engel" einmal die Gedanken, Ideen und Begriffe des lichten Verstandes, der der Weisheitshimmel des Menschen ist freilich im kleinsten Maßstabe -, zu verstehen. Diese steigen auf und nieder und dienen dem noch verborgenen Geiste Gottes im Menschenherzen, und dieser Geist heißt Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten. Wie aber dieser lebendige Geist aus Gott im Menschenherzen von nur gar zu vielen Menschen nicht erkannt und beachtet wird - während doch das ganze Heil des Menschen in Hinsicht seines zeitlichen und ewigen Lebens von eben diesem Geiste abhängt -, also werde auch Ich Selbst als der Herr und der Urgrund alles Seins und Daseins von der Menschenwelt nicht erkannt, obwohl sie sehen, welche großen Gedanken, Ideen und Begriffe aus den Himmeln Gottes durch Mich auf diese Erde nieder- und wieder aufsteigen und das Herz hellst erleuchten und zur Tragung der lebendigen Tatenfrüchte erwärmen und beleben. Darum aber gibt es viele, die berufen sind, aber der Auserwählten gibt es wenige, die Meine Worte fassen, beherzigen und zur reichen und lebensvollen Tatenernte bringen.
   16] Kennst du dich nun schon ein wenig heller aus, wer so ganz eigentlich in der ersten Instanz die Engel sind, die vom Himmel zur Erde nieder und wieder auf in den Himmel steigen und Mir als Gott von Ewigkeit und hier auf Erden, zeitlich für euch Menschen, die ihr als berufene Kinder Gottes eben Sein Herz und also Seine Erde seid, dienen?«


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