Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 231

Die Unendlichkeit und Allgegenwart Gottes in Jesus. Die Erscheinung bei der Taufe Jesu.

   01] (Die Jünger:) »Aber es ist nun nur noch eine Frage übrig, und wir sind dann schon so ziemlich in der Ordnung!
   02] Siehe, Herr, Gott ist nebst allen Seinen Eigenschaften aber auch unendlich und darum allgegenwärtig! Wie ist das nun bei Dir möglich, indem Du Dich doch gleich uns in genau abgegrenzter Person leibhaftig unter uns befindest?«
   03] Sagte Ich: »Seht, ihr Meine alten Jünger, da schaut schon wieder ein alter Gedächtnisfehler von eurer Seite heraus! Wisset ihr nimmer, wie ihr Mir, als wir aus Samaria nach Galiläa zogen, dort beinahe mit einer gleichen Frage gekommen seid? Und habe Ich euch nicht durch ein Zeichen an der Sonne bewiesen, wie Ich durch Meinen Willen auch in der Sonne so wie auf der Erde ganz gleich gegenwärtig bin?! Und nun fraget ihr Mich schon wieder beinahe um ganz dasselbe! Also habe Ich euch dasselbe gezeigt bei Cäsarea Philippi, beim Wirte Matthias in Kapernaum, als Ich das äußerst tief eingesunkene Loch augenblicklich ausfüllte, und in Chotinodora mit dem götzenhaften See, und noch fasset ihr das Geheimnis des Reiches Gottes nicht und noch weniger das Geheimnis Gottes?!
   04] Ist denn nicht Mein von der ewigen Liebe durchglühter und von ihrem Flammenlichte, welches ist die Weisheit Gottes, durchleuchteter Wille eben der für euch so unbegreifliche Heilige Geist, der ewig fort und fort von Mir aus alle Unendlichkeit erfüllt?! Und durch dieses Mein Ich, Mein »ICH BIN«, und also auch durch Mein Sein und Dasein bin Ich überall also gegenwärtig, so wie Ich nun in Meiner eigentlichen Wesenheit ohne Vermittlung unter euch gegenwärtig bin. Solches habe Ich euch, Meinen alten Jüngern und Brüdern, so einige Male ganz klar gezeigt, und ihr habt es dennoch vergessen; aber diesmal werdet ihr es etwa wohl behalten?!
   05] Ich werde aber nicht stets also unter euch verbleiben mit Meiner ganzen Urwesenheit, und dennoch werde Ich als ganz Derselbe unter euch, das heißt unter allen, die getreu nach Meinem Worte handeln und leben werden, verbleiben bis ans Ende der Zeiten dieser Erde!
   06] Denn Ich werde nun auch dieses Menschliche durch viele Leiden und größte Demütigungen noch auf dieser Welt, wenn die Zeit herankommen wird, ganz in Mein Urgöttliches verkehren und sodann auffahren zu Meinem Gott, der in Mir ist, und zu eurem Gott, der nun unter euch ist und euch solches lehrt mit Seinem Munde.«
   07] Sagten mehrere: »Herr, da wäre es uns aber schon lieber, Du bliebest ewig also unter uns; denn wo Du, o Herr, bist, da ist schon auch der höchste Himmel, und wir verlangeten ewig keinen bessern!«
   08] Sagte Ich: »Da spricht nicht euer Geist, sondern das Fleisch, in dem eure Seele noch sehr stark vergraben ist!
   09] Da euch das rein geistige Leben der Seele in Meinem Reiche noch völlig fremd ist, so möchtet ihr nun freilich wohl lieber gleich hier ewig leben; aber so ihr wüßtet, daß ihr in einem Augenblick in Meinem Reiche mehr und unbeschreibbar größere Seligkeiten erleben werdet denn in tausend Jahren bei gesundestem Leibe auf dieser Erde, so würdet ihr nicht also reden. Euch, Meinen alten Jüngern, habe Ich wohl schon so manchen Vorgeschmack gegeben, - aber wie euer Gedächtnis stets und allzeit ein kurzes ist, so auch in dieser Sache. Aber Ich will euch in dieser Hinsicht nun keine neuen Beweise geben; denn so Mein Geist dereinst über euch kommen wird, so wird Er euch schon ohnehin in alle Weisheit leiten!«
   10] Sagte hier einmal der noch stets am meisten schwergläubige Thomas: »Herr, warum sahen wir denn den Heiligen Geist in der Gestalt einer feurigen Taube, und warum hörten wir die Stimme des Vaters aus dem geöffneten Himmel?«
   11] Sagte Ich: »Ich wußte es ja, daß auch du noch mit einer Frage kommen wirst, und Ich nehme es von dir auch gar nicht ungünstig auf; denn du gehörst ja auch zu denen, die selten oder beinahe gar nie um etwas fragen.
   12] Siehe, das Bild der Taube zeigt für eure beschränkten Sinne fürs erste die große Sanftmut und fürs zweite die große Flugfertigkeit Meines Willens an, der der eigentliche Heilige Geist ist; denn wo Ich mit Meinem Willen wirkend sein will, da bin Ich auch schon in der endlosesten Ferne zugegen und wirke.
   13] Was die Stimme wie von oben aus den Himmeln betrifft, so tat das auch nur Mein Geist, die aus Mir gehende und Ihn ganz erfüllende Liebe, die mit Meinem Willen allenthalben also innigst verbunden ist wie in Mir. Daß die Stimme wie aus den Himmeln zu vernehmen war, sollte euch andeuten und belehren, daß alles Wahre und Göttlich-Gute vorerst von oben herabkommt, gleichwie auch der Mensch im Herzen erst dann gut wird, wenn aus dem von Gott erleuchteten Verstande das Menschenherz erleuchtet und dadurch wahrhaft veredelt wird.
   14] Ist das Herz aber einmal erleuchtet und in der wahren Liebe entzündet, dann erst wird es ganz licht und lebendig im Menschen. Dann wird auch deine Liebe redend und wird dir sagen: »Das Licht in mir ist mein lieber Sohn, an dem ich ein Wohlgefallen habe, den sollet ihr - das heißt, alle meine Wünsche, Begierden und Leidenschaften - hören!« - Nun, was sagst du, Mein Jünger? Ist es also oder nicht?«
   15] Sagte der Jünger: »Oh, wie sollte es da wohl anders sein können? In Dir, o Herr, ist die höchste Liebe und Weisheit! Du kannst unsereinem ja alles ins hellste Licht stellen; aber das wäre ja etwa doch nicht gar zu weit gefehlt, wenn das auch andere Gläubige bald also verstünden wie nun wir?!«
   16] Sagte Ich: »Denen es vorderhand nötig ist, diese großen Geheimnisse näher zu verstehen, denen habe Ich nun auch diese Erklärung des Geheimnisses Gottes gegeben. Die andern, die noch lange nicht verstehen, so man von irdischen und diesweltlichen Dingen mit ihnen spricht, wie wollen die solche tiefgeistigen Dinge verstehen und fassen?
   17] Für die Kinder gehört eine andere Kost als für reife Männer. Wie wirst du denjenigen etwas tiefer Geistiges begreiflich machen, der die Erde, die ihn trägt und nährt, nicht im geringsten kennt, und noch weniger, was der gestirnte Himmel alles faßt und enthält? Euch aber habe Ich alles das erkennen gelehrt, damit ihr euch vor allem einen lebendigen Begriff von der Größe und von der weisesten Ordnung Gottes habt machen können, und so habt ihr solch Höheres und rein Geistigeres schon auch leichter fassen können; die andern aber, die hier sind, haben schon so manches in der Welt erfahren, und haben also einen Grund, auch etwas Höheres zu fassen, wozu sie aber dennoch ihre große Liebe zu Mir am meisten befähigte. Und so haben nun alle Befähigten dies hohe und tiefe Geheimnis von Mir erklärt bekommen; alle andern sollen warten, bis sie es als Befähigte von Meinem Geiste erhalten.«


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