Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 217

Vom Hohenlied Salomos.

   01] Nach längerem Fragen und Raten unter sich kamen sie auf den Einfall, den Römer zu fragen, wieviel des Sandes es im Meere gäbe, und wieviel des Grases auf der Erde.
   02] Sagte der Römer: »Nur Narren und niemals denkende und vernünftige Menschen können so eine Frage stellen, deren numerisch genaue Antwort ihnen selbst ewig fremd und gänzlich unbekannt bleiben wird und auch bleiben muß, erstens, weil da die Zählung aus sehr wohlbegreiflichen Gründen für jeden Sterblichen völlig unmöglich ist; und zweitens, so auch das Zählen zum Beispiel des Grases auf der Erde ermöglicht wäre, so haben wir bis jetzt keine uns bekannte Zahl, die die Vielheit des Grases auf der ganzen Erde ansagen könnte; und endlich drittens, so ich euch auch durch eine nahezu endlose Anhäufung von uns bekannten höchsten Zahlen und Ziffern die Vielheit des Sandes im Meere und des Grases auf der Erde ansagen würde, so frage ich euch: Wer wird es sagen können, daß ich die unendlich große Zahl zu hoch oder zu niedrig angegeben habe? Und sagt einer das, so bin ich als ein hoher und mit vieler Staatsgewalt vom Kaiser aus versehener Römer wohl dahin ermächtigt, von dem Gegner meiner Angabe auf Leben und Tod den völlig mathematisch erwiesenen Gegenbeweis zu verlangen, den mir kein Mensch, sondern nur Gott allein zu geben imstande wäre; denn der Mensch müßte mit vielen Zeugen zuvor den Sand und das Gras zählen, was doch ganz unmöglich wäre, sowohl der elementarischen Verhältnisse als auch des menschlichen Alters wegen, und so könntet ihr mir in tausend und abermals tausend Jahren mit gar keinem gültigen Gegenbeweise entgegentreten.
   03] Wozu also eine solche lächerliche Frage, deren Unsinn die Sperlinge auf dem Dache einsehen müssen? Ihr könnet mich nur um derlei Dinge fragen, von denen ihr selbst eine erwiesen genaue Kunde habt und allenfalls vermuten könnet, daß mir solches unbekannt sein dürfte. Aber mit solchen Fragen, auf die ich antworten kann, was ich will, und hinsichtlich welcher ihr mir ewig nicht beweisen könnet, daß ich euch eine unrichtige Antwort gegeben habe, schlage ich euch ja allzeit am leichtesten! Ihr seid also nun mit eurer zweiten Frage noch mehr eingegangen als mit der ersten; daher gebet mir nun eine dritte, aber vernünftige Frage!«
   04] Hier fing das Volk an zu jubeln über die Dummheit des Schriftgelehrten und lobte den Römer wegen seines nüchternen und klaren Verstandes. Der Römer aber bat das Volk um Ruhe, da er noch nicht fertig sei. So er fertig sein werde, dann könne das Volk jubeln nach Herzenslust. Hier ward das Volk wieder ruhig, und der Römer verlangte die dritte Frage.
   05] Nach einer kurzen Pause fragte der Schriftgelehrte den Römer, sagend: »Da du also gar so bewandert bist in unserer Schrift, so frage ich dich, ob dir das Hohelied Salomos bekannt ist, und was es besagt.«
   06] Sagte der Römer: »O ja! Es ist dieses Lied wegen seiner hohen Poesie und Mystik schon lange mein Liebling gewesen. Ich verstand bis jetzt den tiefen Sinn wahrlich nicht völlig; aber da ich nun eben Den gefunden habe, auf den allein es sich ausschließlich bezieht, so versichere ich euch, daß darin auch nicht ein Vers vorkommt, der mir nicht so klar wie die Sonne am hellsten Mittage wäre. So es euch beliebt, so will ich euch vor allem Volke hier sogleich eine Probe abgeben, daß ich das Lied nun wohl verstehe.«
   07] Hier besann sich der Schriftgelehrte, den Römer weiter zu fragen; denn er merkte es wohl, daß der Römer alles sehr geistreich auf Mich und Meine Lehre beziehen werde, das eben die neue Kirche ist, die an Mir ihren gesuchten Freund gefunden und Mich zu Gaste der Liebe und des Lebens geladen hat.
   08] Darum sagte der Schriftgelehrte: »Wir sehen es schon, daß wir auch mit dieser Frage einen Fehlwurf gemacht haben und geben sie freiwillig verloren. Daher, weil wir dich schon fragen müssen, wollen wir dir eine andere und also die vierte Frage geben.
   09] Was ist die Seele des Menschen, und wo hat sie ihren Sitz im Leibe? - Das ist doch gewiß eine ganz ordentliche Frage, gegen die sich doch sicher nichts einwenden lassen wird!«
   10] Sagte der Römer: »Oh, durchaus nichts, und ich werde sie euch nach der Seelenkunde und nach meiner eigenen Erfahrung ganz genau und völlig der Wahrheit nach beantworten, obschon ich nur zu bestimmt weiß, daß keiner von euch es weiß, was die Seele ist, und wo sie im Leibe wohnt!«


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