Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 215

Das Orakel zu Delphi. Vom Fortleben nach dem Tode.

   01] (Der Römer:) »Höre! Was hältst du denn von dem noch bestehenden Orakel zu Delphi? - Diese Frage ist doch gewiß kurz und dir sehr nahegelegen! Rede!«
   02] Sagte der Pharisäer: »Ich habe davon wohl einmal etwas reden hören; aber wie soll ich dir da sagen können, was ich von einer Sache halte, die mir kaum mehr als nur dem Namen nach bekannt ist?! Daß es in Delphi eine Wahrsagerin gibt, die Pythia heißt, auf einem Dreifuße sitzt und den Menschen um Geld auf ihre Fragen ganz pfiffige Antworten erteilt, so viel weiß ich; aber wie diese Pythia das zustande bringt, wie der Tempel dieser Wahrsagerin und ihr Dreifuß beschaffen sind, und ob auf ihre Wahrsagereien etwas zu halten ist oder nicht, das weiß ich nicht und kann dir denn auch keine andere Antwort geben als die, die ich dir bereits gegeben habe.«
   03] Sagte der Römer: »Wahrlich, für etwas erfahrener hätte ich dich denn doch gehalten, als du im Ernste und der Wahrheit nach bist! Und mit solchem eurem Unglauben und mit solch einer Unwissenheit getrauet ihr euch, diesen Weisesten der Weisen zu prüfen und zu erproben?! Nein, das ist denn doch ein bißchen zu viel! Ich habe aber das schon in Rom gehört, wie ihr bei euren Sabbatsreden das Volk von allem, was das Heidentum betrifft, auf das eifrigste abmahnet und jeden Juden mit der ewigen Verdammnis auf das schauderhafteste bedrohet, der es wagen würde, sich je einen solchen Tempel anzusehen und sich über seine Einrichtung unterweisen zu lassen, um daraus so klug zu werden, daß er dann leicht die Licht- und Schattenseiten der anderen Völker erkenne.
   04] Ich frage dich aber nun zum neunten Male und sage: Wie könnet ihr denn das tun, da ihr doch gar keinen Dunst habt, worin das eigentliche Heidentum besteht? Eure Schrift verstehet ihr nicht, an euren Gott glaubet ihr nicht, und doch wollet ihr Richter sein über Menschen, denen daran liegt, ihrem Geiste einen höheren Aufschwung zu erteilen durch die auswärtig gemachten Erfahrungen! Sage es mir, wie und warum ihr solches tut!«
   05] Sagte ganz verlegen der Pharisäer: »Wir müssen das tun, weil es uns von dem Obersten des Tempels also strenge geboten ist. Um das eigentliche Warum haben wir uns gar nicht zu kümmern, und es geht uns solches auch nichts an; denn die uns solches gebieten, sind die Verantwortlichen. Wir sind nur ihre Maschinen, die aber dabei gut leben und die ganze Welt im geheimen auslachen können; denn je dümmer diese ist, desto besser geht es uns. Es hat auch bei uns Menschen gegeben, die mit allen möglichen Opfern und Entsagungen das Reich Gottes gesucht und am Ende doch nichts anderes als den Tod ebensogut gefunden haben, wie ihn unsereiner auch bald finden wird. Ist derjenige, der sein Leben genießt, nicht offenbar weiser als irgendein verschrobener Frömmling, der sich selbst entmannt eines zu erhoffenden, höchst unbekannten und noch mehr ungewissen Himmelreiches wegen und am Ende schon nichts mehr ißt als Heuschrecken und wilden Honig, den die wilden Drohnen und Hummeln in den Erdlöchern zusammensammeln? Sage mir da jemand, was er will, so bleibe ich für mich einmal dabei stehen: Man sorge dafür, daß man gut, gesund und möglichst sorglos lebe; alles andere ist nicht eines Nasenstübers wert! Wer nicht viel gelernt hat, der wird am Ende auch nicht viel zu vergessen haben.
   06] Und es wird am Schlusse unseres Lebens denn doch einerlei sein, ob wir mit vielen Wissenschaften und Kenntnissen oder als Narren von den Würmern verzehrt werden! Ob es aber einst wieder eine Auferstehung oder ein Seelenleben nach dem Tode des Leibes gibt, das ist eine Frage, die noch kein Sterblicher anders als nur durch seinen blinden Glauben beantwortet hat. Diese Antwort wird auf deine Frage etwa wohl genügen?!«
   07] Sagte der Römer: »Weißt du, total finsterer und seelenlebloser Mensch, auf solche deine Äußerung - vor dem Volke hier auch noch dazu! - kann unsereiner nichts mehr erwidern! Ich habe doch schon mit gar vielen über geistige Dinge gesprochen; aber noch nie, selbst unter fanatischsten Heiden, ist mir ein so stockblinder Narr vorgekommen! Ich als ein Heide könnte Hunderte von den sprechendsten Beweisen geben, die das Leben der Seele nach dem Abfalle des Leibes in das hellste und ungezweifeltste Licht stellen, - und du als ein Priester redest dümmer, als wie das schlechteste Tier reden könnte, so es sprachfähig wäre!
   08] Sieh, als ein Freund des Lichtes und der Wahrheit will ich dir im Punkte der zehnten Frage einen von mir selbst im Beisein vieler Zeugen erlebten vollwahren Fall ganz kurz erzählen und bin darauf auf deine Antwort sehr begierig!
   09] Ich bin vor sieben Jahren in staatsdienlicher Hinsicht nach Hispania (Spanien) beordert worden. Saguntus hieß der Ort, in welchem ich zu tun hatte. Ich blieb mit meiner Dienerschaft in einer der größten Herbergen jenes Ortes, in der ich ganz gut bewirtet worden bin. Am dritten Tage, frühmorgens, kam bei meinem ganz wachen Zustande mein schon vor zwanzig Jahren verstorbener Vater, wie er je geleibt und gelebt hatte, zu mir und rief mich so laut beim Namen, daß den Ruf auch alle meine Diener vernahmen, - wie sie auch alle die Gestalt sahen.
   10] Ich fragte den Geist, was da sein Begehren wäre.
   11] Und der Geist sagte: 'Was ihr Sterblichen noch lange nicht ahnet, das sehen wir Unsterblichen schon zum voraus in großer Klarheit! Verlasset längstens in einer Stunde diese Herberge, und gehet vor drei Stunden auch in keine andere, sondern bleibet im Freien, fern von den Mauern: denn es wird in solcher Zeit ein Erdbeben kommen, durch das dieses Haus und andere schwach gebaute Häuser einstürzen werden, und es werden dabei mehrere Menschen und Tiere zugrunde gehen! Machet aber zuvor einen Lärm auf dem Platze der Stadt, auf daß sich noch mehrere retten können! Wenn alle Gefahr vorüber sein wird, dann wird ein Knabe zu euch kommen und euch in eine sichere Herberge führen!'
   12] Hierauf verschwand die Gestalt und uns alle ergriff ein unheimliches Grauen. Wir eilten mit Sack und Pack hinaus ins Freie und weckten durch unser Lärmen die Hausleute, die auch ins Freie eilten und noch eine Menge anderer Menschen wachriefen, die dann auch eiligst aus ihren Häusern flohen; denn diese Menschen waren sehr leichtgläubig und glaubten an unsere Vision, flohen und retteten dadurch ihr Leben.
   13] Die ominöse Stunde kam und mit ihr ein heftiger Erdstoß, durch den sogleich bei zwanzig Häuser, wie auch unsere vorher bewohnte Herberge, bis auf die Grundmauern zusammengerüttelt wurden. Darauf folgten einige Schwebungen, durch die aber weiter kein besonderer Schaden angerichtet wurde. Nach drei Stunden unseres traurigen Harrens kam denn auch der Knabe zu uns und führte uns in eine etwas entlegenere, aber völlig unbeschädigte Herberge, die uns aufnahm und worin wir eine sichere Unterkunft fanden. Für die vollste Wahrheit dieses Faktums bürgen alle meine hiesigen Gefährten, weil sie auch damals mit mir waren.
   14] Nun sage du mir, was du von dieser wahrsten Begebenheit hältst! Lebt die Seele nach des Leibes Tode fort, oder stirbt sie mit dem Leibe für immer?«
   15] Sagte der nun schon ganz verdutzte und verwirrte Pharisäer: »Wenn die Geschichte wahr ist, so könnte man denn doch annehmen, daß eine Seele fortlebt; aber was die Seele ist, und wie und wo sie fortlebt, das wissen wir dennoch nicht.«
   16] Sagte der Römer: »Wenn der Geist meines Vaters wußte, was geschehen wird, und wo ich mich befand, so muß sein Leben und Sein ein offenbar vollendeteres und helleres und somit auch ein besseres sein als dieses blinde Fleischprobeleben. Wenn wir Heiden aber darum wissen und noch immer suchen, um stets noch etwas Helleres darüber in unsere Erfahrung zu bringen, warum tut denn ihr das nicht, und warum verfolgt ihr Den, der euch darin das höchste und reinste Licht geben könnte? Warum suchet ihr Ihn in eurer Blindheit sogar zu töten, - wie ihr am Vormittage dieses Tages im Tempel, nur zu sehr in die Augen fallend, gezeigt habt?«
   17] Sagten all die Pharisäer: »Das haben nur die gemeinen Juden tun wollen und nicht wir! Wir sind aber nun nicht des Tempels wegen, sondern um unser selbst willen hierher gekommen, um zu sehen und zu prüfen, was da an der Sache ist. Sollen wir glauben oder nicht glauben? Aber bis jetzt genügt uns das Gesehene und Vernommene noch nicht völlig, und wir warten darum noch auf etwas Weiteres. Bekommen wir eine größere Überzeugung, so können auch wir dieses Meisters Jünger werden. Darum sollet ihr uns nicht drängen! Du, Freund, hast uns mit deinen Fragen nun zwar besiegt, und wir schulden dir die hundert Pfunde Goldes; aber nun steht uns das Recht zu, an dich zehn Fragen zu stellen! Wenn du sie alle wirst beantwortet haben, dann wirst du die hundert Pfunde auch sogleich erhalten. Ist dir das recht also?«
   18] Sagte der Römer: »Ganz vollkommen; darum fraget mich nur! Für die Antworten wird schon bestens gesorgt werden!«


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