Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 195

Die 30 Römer suchen Jesus.

   01] Als die beiden das vernahmen, gingen sie sogleich wieder ins Haus und taten alles nach Meinem Wunsche. Kaum waren aber diese im Hause, da kamen auch schon mehrere Römer heraus zu uns und ergötzten sich an der schönen Aussicht von diesem Berge.
   02] Einer aber trat zu einem Jünger hin und fragte ihn, ob er auch die Nacht über in dieser Herberge gewesen sei, und vielleicht auch die andern mit ihm.
   03] Der Jünger aber wies ihn zu Mir hin und sagte: »Der dort ist auch eurer Zunge mächtig, gehet hin und redet mit Ihm!«
   04] Das verstand ein Römer, der auch etwas Jüdisch verstand, und dieser kam sogleich zu Mir und fragte Mich, wie früher den Jünger.
   05] Und Ich sagte zu ihm: »Was fragst du darum denn uns? Haben wir dich doch auch nicht gefragt, ob du diese Nacht in dieser Herberge zugebracht hast! Wir sind wohl hier gewesen, und das wird euch Fremde doch nichts angehen, da wir euren Ruheraum ganz sicher nirgends mit unserer Gegenwart behindert haben! Sage du Mir aber nun, warum du solches von uns erfahren willst!«
   06] Sagte der Römer: »Ei, wir suchten gestern und auch schon vorgestern gar sehr den berühmten Juden und sind durch Zufall in diese Herberge geraten! Wir waren aber alle von dem starken Wein ein wenig berauscht, und im Schlafe hatte einer um den andern ein und denselben ganz wunderbaren Traum: Wir fanden den wunderbaren Juden. Dieser hat uns unter anderm auch gerade also auf diesen Punkt geführt und zeigte uns da seine ganze göttliche Macht und Herrlichkeit, daß wir darauf im höchsten Grade entzückt waren und den wunderbaren Juden für einen Gott ansahen, der auf eine Zeit einen Menschenleib so pro forma angenommen hat, um so die besseren Menschen für ein höheres Leben zu belehren. Aber das ist nur so ein ganz kurzer Inhalt unseres Traumbildes. Allein, hätte das bloß einem von uns geträumt, - nun, so wäre das ein ganz artig selten schöner Traum gewesen; aber nun hatten wir alle ohne Ausnahme ganz vollkommen ein und denselben Traum, was gewiß nichts Gewöhnliches ist! Wir gaben dem Weine die Schuld und wollten euch denn nun fragen, so auch ihr hier übernachtet habt, ob nicht auch ihr selbst einen ähnlichen Traum hattet. Seid darum nicht ungehalten!«
   07] Sagte Ich: »O nein, nicht im geringsten! Aber könnet ihr euch denn gar nicht mehr entsinnen, wie etwa doch der berühmte Jude ausgesehen hat?«
   08] Sagte der Römer: »Ja, das ist nun ein wenig schwer; aber wenn ich schon so für mich reden dürfte, so sah er meiner schwachen Erinnerung nach beinahe so aus wie so ungefähr du, bester Freund! Bitte aber darum nur nicht ungehalten zu sein!«
   09] Sagte Ich: »Nun ja, das macht ja eben nichts; am Ende kann Ich's ja doch selbst gewesen sein!«
   10] Sagte der Römer lächelnd: »Hm, hm, du guter Freund beliebst wohl zu scherzen? Aber ich sage dir: Der sonderbare Traum war durchaus kein Scherz; denn hättest auch du einen solchen Traum gehabt, so würdest auch du davon ganz absonderlich erregt sein!«
   11] Sagte Ich: »Das kannst du ja nicht wissen, ob nicht auch Ich ganz dasselbe gesehen habe wie ihr! Aber lassen wir diese Sache nun gut sein! Wir bleiben auch heute abend hier, und so auch ihr noch da verbleiben werdet, da werden wir auf diesen Gegenstand schon noch zurückkommen. Jetzt aber wollen wir sogleich unser Morgenmahl einnehmen und uns dann zu unserem Geschäfte begeben! Wo aber heute der Wunderjude zu sehen und zu hören sein wird, das wird euch späterhin schon der Herr dieser Herberge sagen; denn er wird davon sicher in Kenntnis sein.«
   12] Sagte der höfliche Römer: »So wünsche ich, daß euch das Morgenmahl wohlschmecke! Der Bauherr aber wird dann schon die Güte haben und uns davon Nachricht geben, wo der berühmte Mann zu sehen und zu hören sein wird!«
   13] Sagte Ich: »Ganz gut! Aber da bleibet nüchtern, sonst verschlafet und verträumet ihr Ihn wieder, wie es schon vielen gegangen ist und sehr vielen noch gehen wird! Aber nun zum Morgenmahle!«
   14] Hier verließen wir die Römer und gingen in das Zimmer, wo schon das Morgenmahl unser harrte. Die Römer taten dasselbe, nur wie gestern im großen Speisesaale. Wir waren natürlich bald fertig und zogen uns dann schnell in die Stadt hinab, in der wir uns vorher ein wenig umsahen; denn vor neun Uhr (nach jetziger Zeitrechnung) war im Tempel nichts zu machen, das heißt am heutigen Nachfesttage.


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