Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 192

Ein Besuch im Universum.

   01] Alle ruhten auf der Erde. Nur Agrikola saß auf einer Bank und fing bald also zu reden an, sagend: »Also da unten der große Ball ist die Erde, und da oben ist der Mond als der kleinere Ball und dort noch tiefer unter der Erde unverkennbar die Sonne! Oh, das ist ein wunderbarer Anblick, und der scheinbar leere Raum ist erfüllt von Wesen meiner Art! Einige schweben hinab zur Erde, und andere schweben wieder von ihr hinweg. Und, oh, oh, da ist schon die Monderde! Sie hat viel Ähnlichkeit mit unserer Erde; aber es sieht alles so öde und verlassen aus. Da gefiele es mir wahrlich nicht, und es scheint auch seinen Bewohnern eben nicht am besten zu gefallen; denn sie machen alle sehr betrübte Gesichter und sehen sehr verkümmert aus.«
   02] Sagte der Engel: »Das sind nur gewisse Seelen der Erde, die da von ihrer zu großen Weltsucht gewisserart abgespänt werden, damit sie dann einer höheren geistigen Bildung fähig werden. Sieh, hier auf der Gegenseite dieser Erde sieht es schon heiterer und natürlicher aus! Da sind die wirklichen Bewohner dieser Monderde.«
   03] Der Römer stellte sich zufrieden und machte seine großen und verwunderlichen Betrachtungen.
   04] Von da an ging es zur Sonne hin.
   05] Als Agrikola in die Nähe der Sonne kam, da sagte er zum Engel: »Freund, diese Welt ist mir zu groß! Da vergehe ich und werde zu einem gänzlichen Nichts. Bringe mich auf eine kleinere Erde hin!«
   06] Sagte der Engel: »Ja, mein Freund, das steht nicht in meiner Macht, sondern ich muß da handeln nach dem Willen des Herrn! Wenn wir auf dem Boden dieser Lichtwelt stehen werden, da wird sie dir schon freundlicher vorkommen. Also nur hinein mit uns!«
   07] Im Augenblick befanden sie sich auf dem schönsten Punkte des Mittelgürtels. Da vergingen dem Römer die Sinne vor der zu großen Pracht. Und als er dann erst die Menschen sah, die von ungewöhnlicher Schönheit waren, da wollte er sich von da gar nicht mehr wegbringen lassen und bat den Engel, daß er eine Maid von dieser großen Erde auf die kleine Erde mitnehmen dürfe, damit die Menschen alle sich überzeugen könnten, daß auch die Sonne eine Welt ist, auf der viel schönere und auch um vieles bessere Menschen wohnen.
   08] Sagte der Engel: »Ja, Freund, das geht schon wieder gar nicht! Und so ich sie wohl zur Erde bringen könnte, da wäre es für sie aber doch etwas rein Unmögliches, auf der Erde fortzuleben, weil die Luft der Erde für sie ganz dasselbe wäre, was da für den Fleischmenschen das Wasser der Erde ist. Also siehst du schon, daß die Menschen der anderen Welten auch eine solche Beschaffenheit haben, daß sie nur auf der ihnen angewiesenen Welt bestehen können. - Aber nun gehen wir wieder weiter!«
   09] Von der Sonne weg wurden noch die Planeten besucht und einige nächste Sonnen, auf denen es dem Römer stets am besten behagte, so daß er in einem fort bedauerte, daß nicht er ein Bewohner solch einer großen und prachtvollst schönen Lichtwelt geworden sei.
   10] Der Engel aber sagte zu ihm: »Ja, mein Freund, gerade auf dieser Lichtwelt hast du der Seele nach viertausend Erdenjahre hindurch in einem Leibe gehaust! Und sieh, da ist noch deine schönste Behausung; und die Menschen, die da aus und ein gehen, waren dem Leibe nach deine nächsten Anverwandten.
   11] Als du aber durch einen umherwandernden Weisen belehrt warst, daß es im endlos großen Schöpfungsraume irgendwo eine Welt gibt, auf der die Menschen früher oder später völlig Großkinder des großen Gottes werden können, so sie sich entschließen können, von dieser Welt der Seele nach abgelöst zu werden, um auf jener Gotteserde noch einmal in einem schwerfälligen Leibe eine Liebelebensfreiheitsprobe durchzumachen - jedoch ohne alle einstweilige Rückerinnerung an diese schönste Welt, weil das Leben dort nicht die sehende Weisheit, sondern nur, besonders im Anfange, die völlig blinde Liebe zum Grunde hat -, so warst du damit zufrieden. Und siehe, du wurdest darauf sogleich verwandelt, und deine frei gewordene Seele wurde alsbald in einen dortirdischen Mutterleib eingezeugt, und das in der prachtvollsten Stadt der Gotteserde, auf daß du in gewissen Hellträumen nicht irgendeine geheime Sehnsucht bekämest, dich wieder hierher zu wünschen!
   12] Und siehe, also warst du schon einmal in einer solchen schönen Welt, was du nun in deinem Geiste gar wohl erkennst und dich auch an alles erinnerst, was du vor etlichen fünfzig Erdenjahren gemacht und getrieben hast! Aber auf daß deine Sehnsucht, wieder hier zu verbleiben, nicht zu wach werde, so werden wir uns sogleich wieder auf unsere Gotteserde begeben.«
   13] In diesem Augenblick waren sie alle, das heißt alle die Römer wieder vom Dritten Gesicht ins frühere Zweite zurückversetzt und wurden somit wieder wach, doch mit genauer Beibehaltung all des Geschauten und treu und klar Vernommenen.
   14] Als sich alle auch wieder vom Boden aufgerichtet hatten, sagte der Römer: »Ich habe das und das gesehen! Habt auch ihr etwas Ähnliches gesehen und vernommen?«
   15] Ein jeder gab mit kurzen Worten an, was auch er gesehen und vernommen hatte.
   16] Und Agrikola sagte: »Jetzt glaube ich es auch, daß es schon also sein wird, wie ich die Dinge geschaut und was ich vernommen und erfahren habe, weil ihr alle auf ein Haar ganz dasselbe vernommen und geschaut habt. Also das sind lauter Sonnen und Erden, und die meisten um ein ungeheures größer und schöner als unsere Erde, - und das soll alles der Geist dieses wunderbaren Juden erschaffen haben?!«
   17] Sagte der Engel: »Ja, du mein irdischer Bruder, das alles und noch endlos mehreres, Größeres und Wunderbareres! Und Er, der erhabenste, ewige Geist, hat nun als auch ein Mensch eurer Erde dieses Zeichen gewirkt, auf daß auch ihr Ihn wahrhaft erkennen, nach Seinen Worten leben und dann als Seine Kinder überselig werden sollet. Und nun gehet alle hin und danket Ihm aus vollem Herzen, daß Er euch so Großes geoffenbart hat und euch gezeigt hat, daß Er allein der Herr aller Dinge und alles Lebens ist!«
   18] Hierauf taten alle das, und Ich weckte sie aus dem Zweiten Gesicht, und alle die Scharen der Engel wurden wieder unsichtbar.
   19] Und Ich fragte sie, wie ihnen denn dieses Zeichen gefallen hätte.
   20] Sagten alle: »Unbeschreibbar wohl!«
   21] Aber sie alle verlangten nun nach der Nachtruhe und sagten, daß sie erst am kommenden Tage nüchterner darüber zu reden imstande sein würden. Und so begaben wir uns denn wieder ins Zimmer und darin zur Nachtruhe.


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