Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 180

Vom rechten Segen und Gebet.

   01] Bei unserem Mahle redete Ich wenig; aber als der sehr gute Wein den Jüngern die Zunge löste, da wurde es auch bald sehr lebendig in der Herberge. Auch der Herbergswirt, der die Herberge für Lazarus besorgte, nahte sich Mir mit den Seinen und bat Mich, daß Ich auch ihm und seiner Familie Meinen Segen erteilen möchte; es würde das ein allerkräftigstes Gegenmittel sein gegen den Fluch der Templer.
   02] Sagte Ich zu ihm: »Freund, wo Ich bin, da ist auch schon der Segen mit Mir; eines mehreren aber bedarf es da wohl nicht! Lebe du nur auch nach der Lehre, die Ich Meinen Jüngern gegeben habe, und du wirst erst dadurch zu dem wahren, lebendigen Segen gelangen, der dir nicht nur für diese Welt, die für jedermann nur von einer sehr kurzen Dauer ist, sondern für deine Seele, die ewig leben wird, zum größten Nutzen gereichen wird! Solch ein Segen aber, wie du ihn dir vorstellst, ist zu nichts nütze. Siehe, die Pharisäer teilen doch allerlei Segen aus und lassen sich dafür bezahlen; wem aber, der einen solchen Segen empfing, hat er je etwas genützt? Ja, dem Pharisäer hat er wohl genützt, - aber den Gesegneten mußte sein Glaube trösten und ihm eine schwache Beruhigung verschaffen.
   03] Ich aber segne die Menschen wahrhaft nur dadurch, daß Ich ihnen das wahre Lebenslicht gebe und durch dasselbe das ewige Leben, so sie handeln nach Meiner Lehre. All das gewisse magische Segnen ist zu nichts nütze und vermehrt nur den Aberglauben der Menschen. Wer aber in Meiner Lehre wandelt und glaubt, daß Ich der wahre Christ bin, der mag einem Kranken in Meinem Namen die Hände auflegen, und es wird besser mit ihm werden. Und so ein Kranker auch in der Ferne ist, und du betest in Meinem Namen über ihn und streckst nach ihm deine Hände aus, so soll er gesund werden, so es zu seinem Heile gereicht. Und sieh, das ist ein um vieles besserer Segen als der, den du nach deiner Meinung von Mir haben wolltest! - Sage Mir nun, ob du damit zufrieden bist!«
   04] Sagte der Wirt: »O Herr, ich danke dir dafür; denn ich sehe es schon ein, daß die reine Wahrheit für den Menschen der größte Segen und die Lüge und der Betrug für ihn der größte Fluch ist. Jetzt möchte ich von dir, o Herr, aber doch noch vernehmen, ob bei Gott die Gebete der Priester auch dann keinen Wert haben und auch dann niemandem etwas helfen, so da jemand gläubig im besten Sinne und in der Meinung, daß er unwürdig sei, zu Gott zu beten, zu einem Priester geht und es ihm bezahlt, damit er für ihn zu Gott bete. Wie soll man daß der Wahrheit nach fassen und begreifen?«
   05] Sagte Ich: »Steht es nicht geschrieben: "Siehe, dies Volk ehrt Mich mit den Lippen; aber sein Herz ist ferne von Mir!"? Wie soll denn solch ein Gebet dem, der es bezahlte, etwas nützen? Er als der Gläubige getraut sich nicht, zu Gott zu beten, und der bezahlte Priester betet nicht zu Gott und kann das sogar augenfällig nicht, weil er bei sich selbst an keinen Gott glaubt. Denn glaubte er an einen Gott, so würde er sich für seine Gebete nicht bezahlen lassen, sondern zu dem Gebetbezahler sagen: "Jeder Mensch und hätte er der Sünden so viele, wie es da gibt des Grases auf der Erde und des Sandes im Meere - kann reuig und demütig zu Gott beten, und Gott wird sein Gebet erhören. Meine von Gott gebotene Nächstenliebe aber legt mir ja ohnehin die Pflicht auf, in meinen Gebeten aller Menschen zu gedenken, und so gehe du hin und bete du selbst zu Gott, was allein dir nützen kann und wird; denn ein bezahltes Gebet ist ein Greuel vor Gott!"
   06] Siehe, so müßte ein gläubiger Priester zu dem reden, der ihm ein Gebet zu bezahlen käme! Weil aber der Priester selbst an keinen Gott glaubt, so läßt er sich für das Gebet, das er aus einem Buche, ohne dabei etwas zu denken und zu wollen, mit einer heuchlerisch frommen Gebärde murmelt, bezahlen und ist somit in allem ein Lügner und Betrüger. Wie kann da ein solches Gebet bei Gott angesehen sein?
   07] Ich sage es dir: So Gott dem Menschen, der sich ob seiner vermeinten Unwürdigkeit nicht zu Ihm zu beten getraute, auch aus irgendeiner Not seiner Demut wegen hülfe, so wird Er ihm aber in dem Falle darum ganz sicher nicht helfen, um ihn dadurch von seinem Aberglauben mehr und mehr zu befreien.
   08] Wenn du einen Armen siehst, der einer nötigen Hilfe wegen zu Gott betet, da gehe hin und hilf ihm, so du etwas hast, um ihm zu helfen; hast du aber nichts, so bete auch du bei dir für ihn zu Gott, und Ich sage dir: Gott wird dein und des Armen Gebet erhören! Denn so zwei oder drei wahrhaft zu Mir beten, so wird ihr Gebet auch sicher allzeit erhört werden. Aber es soll sich dummer und rein weltlicher Dinge wegen niemand betend an Gott wenden, denn derentwegen würde ihn Gott nicht erhören; aber so da jemand um das wahrhaft Nötige bittet zum Leben des Leibes und zur Stärkung des Glaubens und der Seele, so wird es ihm nicht vorenthalten werden. - Siehe, also stehen der Wahrheit gemäß die Dinge des wahren Gebets, das da auch ein wahrer und rechter Segen Gottes im Menschenherzen ist! Begreifst du das?«
   09] Sagte der Herbergswirt: »Ja, Herr, das ist gar leicht zu begreifen, weil es ja doch eine zu klare Wahrheit ist; aber die magischen Gebete der Priester habe ich noch nie begriffen, und das sicher aus dem ganz einfachen Grunde, weil sie als ein barster Betrug gar nie zu begreifen sind. O diese argen Betrüger! Wie sie sich doch alle Mühe geben, dem Volke ihre nichtigen Gebete so darzustellen, als ob solche ordentlich nach Graden stets wirksamer und kräftiger seien, je nachdem sie von höheren Priestern an gewissen hochheiligsten Plätzen gebetet würden, und als ob ein und dasselbe Gebet, von ein und demselben Hohenpriester gebetet - und das am heiligsten Platze -, in eben dem Maße an Kraft und Wirkung zunähme, in welchem Maße es mit mehr Pfunden Goldes und Silbers bezahlt wird! Und siehe, das glauben die Menschen noch vielfach fest! Wehe dem, der ihnen davon abriete und ihnen sagte, daß der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs an solch einem Gebete kein Wohlgefallen haben könne, und daß Er dabei auch höchst ungerecht wäre, so Er nur jener Menschen Gebet anhörte, die es bei den Priestern um ein hohes Geld beten lassen können, die Armen aber, die das nicht vermögen, völlig unerhört und ohne alle Hilfe von Sich wiese! Oh, das nützte bei diesen blinden Narren gar nichts! Sie würden einen solchen weisen Volksaufheller nur für einen Gotteslästerer und Tempelschänder halten und ihn als solchen auch im Tempel anzeigen, worauf er dann sicher sehr bald für die ganze Ewigkeit so versorgt werden würde, wie man sich's besser nie wünschen könnte.
   10] Ah, mein erhabenster Freund und göttlicher Meister, da gibt es für einen ehrlichen und gebildeten Menschen kein Sein mehr! Wahrlich, da ist diese Herberge ja um vieles mehr ein wahrer Tempel Gottes als da unten Salomos Halle; denn in ihr ist nun weiter nichts mehr als Lüge und Betrug und der größte Menschenhaß! Ich bin wohl schon bei zehn Jahre lang nicht mehr in dem Tempel gewesen - und werde mich auch künftighin sehr davor hüten! Am allerwenigsten aber kann mich ein Fest in den Tempel bringen; denn da werden die größten Betrügereien auf die frechste Art getrieben, und kein Gesetz schützt mich vor ihnen. An den Festen treiben die Templer den größten Unfug ohne alle Verantwortlichkeit als Götter für sich; ich aber kann das ohne den größtmöglichen Ärger nicht ansehen und bleibe darum lieber fern. - Habe ich recht oder nicht?«
   11] Sagte Ich: »Ganz vollkommen; denn du kannst das nicht ändern, und darum ist es für dich besser, fern von dem Orte zu bleiben, an dem du nichts Gutes und Wahres erfahren kannst und dich als ein noch altechter Jude ärgern mußt. Ich aber bin darum gekommen, um alles, was da krumm ist, gerade, und was da blind und taub ist, sehend und hörend zu machen. Aber nun lassen wir den Tempel, da euch seine völlige Unbrauchbarkeit nur zu bekannt ist!
   12] Wir aber werden bald noch einen Zuwachs von Gästen bekommen, und zwar echte Römer und Griechen. Sie werden hier zehren und wahrscheinlich auch hier übernachten; denn unten ist in der ganzen Stadt beinahe keine Herberge zu finden, und du als Wirt kannst dich deshalb ein wenig vorbereiten.«
   13] Als der Wirt solches vernahm, da eilte er alsbald hinaus zu seinen Leuten und machte sie darauf aufmerksam; und die gaben nun acht, ob wohl Gäste kommen möchten. Als sie aber hinabsahen an das Gartentor, durch das man gehen mußte, um auf den Ölberg zu gelangen, da sahen sie schon eine Menge von dreißig Menschen durch das Tor eingehen und machten sich darum auch schnell an allerlei Arbeit, um die bald ankommenden Gäste auf ein geziemendes zu bedienen. Es war aber das Zimmer, in dem auch wir waren, groß genug, um hundert Gäste zu beherbergen. Auch waren noch einige ganz geräumige Seitengemächer da, in denen für die Nachtruhe ganz gut gesorgt war, und da dürfte es niemand um die ganz gute Unterkunft der ankommenden Fremden bangen, die mit sich eine Anführerin hatten, die eine Freie in Jerusalem war und sich viel mit den Fremden abgab. Wir werden sie späterhin schon noch besser kennenlernen.


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