Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 158

Die Folgen der Mondfinsternis. Wiedergeburt und Geistesgaben.

   01] Im Zimmer setzten wir uns an den großen Tisch wie gewöhnlich, und Lazarus ließ Brot und Wein auftragen, da sonst nichts bereitet war. Martha aber wollte dennoch in die Küche gehen, um wenigstens für Mich etwas Besseres zu bereiten.
   02] Ich aber sagte zu ihr: »Lasse das, Meine Schwester, es ist Brot und Wein ja ohnehin die beste Kost für den menschlichen Leib! Machst du aber nun ein Feuer, so würden das einige Flüchtige aus Jerusalem merken und hereinkommen, -was weder euch noch Mir angenehm wäre. Darum laß nun das, was uns nicht nötig ist! Morgen wird sich das schon besser fügen.«
   03] Da ließ Martha von ihrem Eifer ab, und wir aßen und tranken.
   04] Als wir aber dem Leibe die nötige Stärkung gegeben hatten, da kamen ein paar Knechte des Lazarus zu uns ins Zimmer und erzählten, daß sich außerhalb der Mauern, mit denen der Ort Bethania umfangen war, eine Menge Menschen herumtrieben und sich gegenseitig erzählten, daß in Jerusalem bei der Gelegenheit der Mondfinsternis ein wahrer und arger Tumult derart ausgebrochen sei, daß am Ende die Römer mit den Waffen in der Hand hätten Ruhe schaffen müssen, ansonst die Sache sicher eine sehr bedenkliche Wendung hätte nehmen können.
   05] Viele der Wallfahrer hatten das Weite und Freie gesucht. Die, die sich aber hierher geflüchtet hatten, versuchten hereinzukommen; aber sie vermochten das nicht, weil wir heute schon mit dem Untergange der Sonne alle Tore fest verschlossen hatten. Einige fragten sich untereinander, ob etwa der Prophet aus Galiläa nicht hier in Bethania wäre. Darauf aber sagten andere: "Oh, der ist zu klug und hat sicher schon vormittags den bösen Braten gerochen und empfahl sich darum noch zur rechten Zeit!" - Herr des Hauses, was sollen wir mit diesen Menschen machen? Sollen wir sie hereinlassen oder nicht?«
   06] Sagte Ich anstatt des Lazarus: »Lasset sie nur draußen; sie werden weiter nicht verfolgt werden! Morgen ist die ganze Sache verraucht, und das Fest geht ohne alle weitere Störung vor sich.«
   07] Da gingen die Knechte wieder hinaus und hielten mit den andern Knechten Wache, daß da niemand in den großen Hofraum, etwa über die Mauer, gelangen könne.
   08] Ich aber machte sie alle auf das aufmerksam, was Ich ihnen zuvor auf dem Hügel von der Wirkung der Mondfinsternis in Jerusalem gesagt hatte, und sie staunten alle, daß Ich das so genau wissen konnte, was die Erscheinung für eine Wirkung hervorbringen werde, ohne daß Ich in Jerusalem gegenwärtig gewesen sei.
   09] Ich aber sagte zu ihnen: »Wie mag euch das gar so wunderbar vorkommen? Seht, das hätte euch auch ein anderer kluger und weiser Mensch ebenso wie Ich voraussagen können, so er aus vieler Erfahrung sicher wüßte, wie die habsüchtigen Templer sich bei solchen Gelegenheiten verhalten, und wie sie sich alle derlei Naturerscheinungen stets zunutze zu machen verstehen! So etwas zu bestimmen, was für jeden reifen Denker offen auf der Hand liegt, ist gerade keine gar so außerordentliche Sache; aber ohne Berechnung zu bestimmen, wann eine solche Erscheinung eintritt, das ist etwas von einer größeren Bedeutung, obschon die Essäer das auch durch Rechnung ziemlich genau zum voraus bestimmen können und sich solche ihre geheime Rechenkunst auch allzeit zunutze gemacht haben.
   10] Die späteren Nachfolger aber werden solche Erscheinungen noch um vieles genauer bloß durchs Rechnen zu bestimmen imstande sein und dennoch nicht im geringsten irgend allwissend sein, und so ist auch daran nicht gar soviel, wie ihr meint.
   11] Aber sehr viel ist daran, die Gedanken eines Menschen in seinem Herzen zu prüfen! Wer das kann, der ist Gott gleich allwissend und allsehend und allfühlend. Die nach Meiner Lehre leben werden und dadurch erreichen die Wiedergeburt des Geistes in ihrer Seele, die werden auch das vermögen; die aber das nicht erreichen werden, die werden auch nie etwas wahrhaft Geistiges vermögen.
   12] Der Leib des Menschen weiß es ewig nicht, was alles im Menschen verborgen ist; denn er hat kein Auge zur Beschauung dessen, was inwendig in ihm ist. Der Geist aber, der inwendig im Menschen ist, der allein sieht und weiß um alles, was im Menschen ist. Darum bestrebe sich ein jeder der wahren Wiedergeburt des Geistes; denn ohne die kann niemand in das Reich Gottes eingehen.
   13] Aber bevor Ich aufgefahren sein werde, wird niemand die vollkommene Wiedergeburt des Geistes in seiner Seele zu erlangen imstande sein, - aber nach Meiner Auffahrt ein jeder, der an Mich glauben wird und leben nach Meiner Lehre.«
   14] Da sagten die Jünger: »Herr, wie und wann wird das wohl geschehen?«
   15] Sagte Ich: »Das werdet ihr bald erleben und sehen mit euren Augen. Mehr brauchet ihr vor der Zeit nicht zu wissen. Denket aber lieber darüber nach, daß wir bis dahin noch vieles zu tun haben werden, und daß Ich zuvor noch vieles zu erleiden haben werde, damit allem Gerichte, in welchem sich nun alle Menschen befinden, der Stachel des Todes genommen werde! - Jetzt aber begeben wir uns zur Ruhe, auf daß wir morgen wieder ganz kräftig an unsere Arbeit gehen können; denn ein schläfriger Mensch ist niemals tüchtig zu einer Arbeit des Geistes.«
   16] Darauf begaben wir uns zur Ruhe und schliefen fest bis zum hellen Morgen.


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