Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 152

Die Vielfalt der Geschöpfe und ihr Zweck.

   01] Nach dieser Meiner Rede wurden auch alle heiter, und wir wurden von der Martha zum Mittagsmahle geladen. Wir aßen und tranken ganz wohlgemut und waren voll heiterer Dinge, und Lazarus erzählte Mir, was er alles während Meiner Abwesenheit mit den Templern zu bestehen hatte, und wie er sich am Ende trotz aller seiner Geduld derart habe ärgern müssen, daß er darauf ordentlich krank geworden sei.
   02] Insbesondere erzählte er, sagend (Lazarus): »Herr, auf der Erde gibt es gar kein Insekt von solch einer lästigen Anhabigkeit (Zudringlichkeit)! Man kann sie nicht los werden, man kann da schon anfangen, was man will! Droht man ihnen mit den Gesetzen Roms, so suchen sie unsereinem mehrere Tage lang wie kriechende Schlangen zu beweisen, daß sie allein im vollsten Rechte seien, und daß gar kein weltliches Gesetz mit ihnen etwas zu tun habe und sie die alleinigen Gesetzgeber aller Welt seien. Ein jeder Mensch, ohne alle Ausnahme, habe von ihnen allein alles Wohl oder Wehe zu erwarten.
   03] Ich kam bei solchen ihren Beweisen in eine förmliche Wut und hätte mich beinahe an den heillosen Gleisnern vergriffen und verbot ihnen, mein Haus je wieder zu betreten. Aber es half da alles nichts. Heute habe ich zehn hinausgetrieben, - morgen sind dafür schon wieder zwölf andere hereingekommen und fangen so unschuldig und geschmeidig dasselbe Thema an, dessentwegen ich ihren Vorgängern das Haus verboten habe, und stellen sich dabei so, als wäre zwischen mir und ihnen nie etwas vorgefallen!
   04] In diesem Monat aber war ich gegen große Bezahlung denn doch genötigt, alle Zuwege zu meinem Hause mit römischen Wachen besetzen zu lassen, und zwar mit dem allerschärfsten Gebot, ja keinen Templer in mein Haus kommen zu lassen. Nun, da hatte ich wohl eine Zeitlang eine äußere Ruhe, aber eine innere gar nicht; denn diese unverschämtesten Tempelwichte sandten allerlei Drohbriefe an mich und belästigten mich dann auf solche Weise, weil sie es nicht mehr persönlich durften. Wenn Du, o Herr, mich nur von dieser Plage befreien möchtest, da wäre ich ganz selig schon in dieser Welt!
   05] Nun, diese drei Tage hindurch wird aus dem Tempel wohl niemand zu mir kommen, weshalb ich auch die Wochen für diese Zeit hin habe abtreten lassen; aber nach den drei Festtagen werde ich sie wohl wieder auftreten lassen, sonst habe ich keine Ruhe vor den überlästigen Tempelwespen. Ich weiß es wohl, daß Deine große Wunderheilung vor einem halben Jahre und meine Dir bekannt erwiesene Freundlichkeit den eigentlichen Hauptgrund ausmachen, dessentwegen mich die Templer gar so verfolgen. Aber stelle ich ihnen das als Grund entgegen, so lassen sie es mir nicht gelten, sondern sagen, allein das sei der Grund, daß ich ihnen nicht wenigstens 8-10 Diener überlassen wollte. Ich sagte zu den Templern: "Dann machet es mit den Dienern aus! Ihr könnet sie gar alle haben, wenn sie zu euch gehen wollen!" Aber da sagten sie: "Das redest du uns umsonst ins Gesicht; du rätst heimlich deinen Dienern ab, und darum gehen sie nicht zu uns! Du wirst darum eine harte Rechnung vor Gott haben!" So in der Art ging es nun fort, und darum habe ich römische Wachen genommen! Was noch ferner daraus wird, das weißt Du!«
   06] Sagte Ich: »Lasse du das alles gut sein; auch der Wachen wirst du fürder nicht bedürfen. Ich werde dir einen Wächter stellen, der mehr vermögen wird als alle Heereslegionen der Römer und Griechen! Morgen lassen wir das Fest und seine Tollheiten unbesucht vorübergehen; aber übermorgen, allwann das Fest am glänzendsten begangen wird, werde Ich wieder in den Tempel gehen und werde den Juden einen Spiegel ihrer Todsünden vorhalten, daß sie sich werden schämen und vor dem Volke verkriechen müssen, um seinen Steinwürfen zu entgehen. Darum seien wir jetzt nur ganz ruhig und heiter; denn wir sind diesmal sicher vor ihren Besuchen!«
   07] Sagte hier Petrus: »O Herr, würdest Du hier also tun und wirken wie am Euphrat, dann würden die Finsterlinge bald eine ganz andere Meinung von Dir bekommen!«
   08] Sagte Ich: »Du redest, wie du eben die Sache verstehst; aber in ein paar Jahren wirst auch du ganz anders reden! Sieh, betrachte die große Mannigfaltigkeit der Blumen auf den Feldern, die große Mannigfaltigkeit der Gewächse, der Bäume, ihrer Früchte, dann die große Verschiedenheit der Tiere im Wasser, auf der Erde und in der Luft, ebenso die sehr verschiedenen Mineralien und ebenso die höchst verschiedenen Sterne am Himmel! Kannst du Mir den Grund aller dieser Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit angeben? Sagt dir deine höchst einfache Vernunft nicht vielmehr: Dazu kann Gott Selbst keinen so ganz eigentlich weisen Grund gehabt haben, sondern Er hat das nur aus einer Art göttlicher Laune getan, weil Er Selbst irgendein besonderes Wohlgefallen daran hatte, Seine Erde so bunt wie möglich auszuschmücken und sie dann auch ebenso bunt durcheinander zu bevölkern. Denn warum sieht ein Feigenbaum ganz anders aus als ein Apfel oder Birnbaum? Warum haben die beiden Obstgattungen nicht eine und dieselbe Gestalt und nicht einen und denselben Geschmack?
   09] Siehe, wenn Gott nicht die große Absicht gehabt hätte, auf dieser Erde Seine Menschengeschöpfe zu Seinen Kindern auszubilden, so hätte Er für sie die Erde auch ganz mager und höchst einfach mit ein paar Fruchtgattungen und nur mit wenigen zahmen Haustieren bevölkern können, gleichwie Er solches auf zahllos vielen anderen Weltkörpern getan hat, weil auf jenen die Menschengeschöpfe nicht dieselbe hohe Bestimmung haben! Damit aber auf dieser Erde der Mensch eine übergroß vorzügliche Gelegenheit habe, sich im Betrachten und Denken zu üben und dadurch die vollste Freiheit seines Willens kennenzulernen, so hat Gott für ihn diese Erde als sein Lebensschulhaus auch so außerordentlich mannigfaltig ausgestattet, daß der Mensch von seiner Wiege an bis zu seinem Grabe genug zu denken hat, allerlei Betrachtungen und Vergleiche anstellen kann und das eine als ein ihm zusagendes Gutes erwählen und das andere als ein ihm nicht zusagendes Schlechtes verwerfen kann.
   10] So sind die zahllos vielen Gattungen der Tiere auf die mannigfachste Art tätig und lassen sich mit allerlei Stimmen hören und mit allerlei Gebärden sehen, und der Mensch hat da eine übergroße Gelegenheit, den Tieren allerlei nützliche Beschäftigungen abzulernen und sie zu veredeln und ins Große und Zusammenhängende zu übertragen. So waren die Vögel, manche Fliegen, Käfer, Grillen und sogar die Frösche die ersten Gesangslehrer der Naturmenschen, und die Meeresschnecken lehrten den Menschen die Schiffe bauen und mit Segeln weit umherfahren.
   11] Aber wie Gott eben der Menschen wegen auf dieser Erde eine so außerordentliche Mannigfaltigkeit von allem möglichen in allen Reichen der Natur hervorgerufen hat, so hat Er aber auch die Menschen selbst in einer so außerordentlichen und nie abzusehenden Verschiedenheit sowohl in der Gestalt wie im Charakter werden lassen, daß ihr unter tausendmal tausend Menschen schwerlich je zwei finden dürftet, die sich so gleich sehen wie ein Auge dem andern. Das aber bewerkstelligte Gott auch aus dem Grunde, damit die Menschen sich in allem und vielem voneinander unterscheiden und eben dadurch sich auch gegenseitig mit mehr Liebe begegnen. Und auf daß sie sich gegenseitig stets mehr Liebe dienend bezeigen sollen, sind sie auch mit höchst verschiedenen Fähigkeiten wohl versehen worden.
   12] Was da gesagt ist von einzelnen Menschen, ist auch für einzelne Gemeinden und gar für ganze Völker gültig. Weil es aber also ist - was auch tausendfache Erfahrungen lehren -, so ist dann aber auch wohl sehr zu berücksichtigen, daß nicht alle Menschen auf eine und dieselbe Art zu wecken und zu belehren und fürs Licht und Leben zu erwecken sind. Was aber gegenüber einzelnen Menschen gilt, das gilt auch gegenüber ganzen Gemeinden und gegenüber ganzen Völkern.«


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