Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 143

Amt und Ehre. Alles ist Gnade; nur der gute Wille ist Verdienst. Vom Bewußtsein des eigenen Unwertes.

   01] Sagte Ich: »Was das Weltliche betrifft, so geht Mich das nichts an; denn das ist eine Sache des menschlichen Weltverstandes. Sie können weltlich werden, was sich für sie ehrlichermaßen ergeben kann, das kommt bei mir zu gar keinem Ansehen, sondern nur das, was sie wirken werden nach Meiner Lehre und dadurch nach dem Willen Gottes.
   02] Das äußere Ansehen der Person hat vor Mir nicht den allergeringsten Wert, wohl aber das Ansehen seines durch Gottes Wort erleuchteten Herzens, das voll Leben ist durch die Liebe zu Gott und durch die Liebe zum Nächsten. Aber so da jemand ein hohes weltliches Amt bekleidet, so ist er dadurch auch in den Stand gesetzt, desto mehr Gutes zu wirken; und tut er das, so wird auch sein Amt vor Mir einen verdienstlichen Wert haben, - aber das hohe Amt für sich gar keinen.
   03] Kaiser und Bettler sind vor Mir ganz gleich und haben als das, was sie sind, gar kein Ansehen vor Mir, - sondern nur das hat vor Mir einen Wert, wie sie das sind in Meinem Namen; denn vor Mir gilt an und für sich das weltliche Ansehen gar nichts. Das lasset euch alle wohl und hoch und teuer gesagt sein!
   04] Elend sei der, der seinen Nebenmenschen darum für gering achtet, weil er selbst ein hohes weltliches Amt bekleidet! Das Amt soll ein wohlrespektiertes Ansehen haben und der Beamte nur insoweit, als er ein Amt vorstellt; aber der Beamte tue sich darauf ja nichts zugute, da er nur ein Diener des Amtes, nicht aber das Amt selbst ist!
   05] Ich sagte hier euch dieses nur darum, daß sich niemand irgendeines weltlichen Amtes wegen übernehme; denn wer das tut, der ist nicht mehr in Meiner Liebe, und sein Amt dient ihm dann nicht zu seinem Leben, sondern zu seinem Untergang.«
   06] Da sagten Meine alten Jünger: »Herr, wenn also, da ist es nicht gut, ein Amt zu übernehmen! Wir haben von Dir auch ein Amt übernommen und werden mit der Zeit wahrlich nicht dafür können, so wir dieses Amtes wegen von den Menschen geehrt und irgend als etwas Besseres angesehen werden.«
   07] Sagte Ich: »Daß euch die Menschen darum nicht ehren sollen, dafür habe Ich noch nirgends ein Gebot gegeben; aber so ihr euch darum etwas einbildet, als wäret ihr mehr als die, welche euch ehren, so habt ihr dadurch euren Lohn schon empfangen, und eure Arbeit würde da vor Mir als gar keine und somit auch als ganz unverdienstlich dastehen.
   08] Wollt ihr aber als Meine Arbeiter vor Mir als verdienstlich und wohl angesehen dastehen, so saget in euren Herzen, wenn ihr alles auf das gewissenhafteste in Meinem Namen getan habt: 'Herr, wir sind vor Dir faule und unnütze Knechte gewesen!' (lk.17,10) Wenn ihr das lebendig wahr in euch fühlen werdet und einsehen, daß ihr nur freiwillige Diener Meines allein wirkenden Geistes waret, so werde Ich eure Arbeit also ansehen, als hätte Ich Selbst gehandelt, und werde aber euch dafür den gerechten Lohn geben.«
   09] Sagten einige der Jünger: »Herr, wenn so, da sind wir Dir ja ganz entbehrlich; denn Du hast die Macht ja ohnehin, ohne unsere Mithilfe alles Selbst zu tun! Können wir aus uns selbst nichts tun und müssen wir uns stets denken, daß alles, was wir sogar mit der Aufopferung unseres Lebens in Deinem Namen tun, nur Du allein tuest und wir somit nichts als Deine blinden Werkzeuge sind, so können wir vor Dir ja doch unmöglich irgendeinen Verdienstlohn beanspruchen! Welches Verdienst kann denn ein toter Webstuhl vor dem Weber haben, den dieser nur benutzt, um darauf seine Leinwand bequemer zu verfertigen?«
   10] Sagte Ich: »Der Webstuhl hat keinen freien Willen; ihr aber habt einen solchen und könnet ganz frei tun, was ihr wollet. So ihr euch denn Meinem erkannten Willen frei unterwerfet und nach demselben handelt, so handelt da ja nicht ihr selbst, sondern Mein Wille in euch, der allein gut ist! Wie habt ihr dann ein Verdienst des Handelns wegen? Seht, da habt ihr kein Verdienst, - aber wohl darin, daß ihr euren bösen Weltwillen Meinem allein guten Willen untergeordnet habt und dadurch mit Mir eins geworden seid durch die Hilfe eures Glaubens.
   11] Wahrlich, Ich sage euch: Ohne Mich könnet ihr nichts Verdienstliches tun zum ewigen Leben! (joh.15,05) So ihr das anerkennet in euren Herzen, dann erst seid ihr Meine wahren Jünger - und noch mehr: dadurch seid ihr auch Meine rechten Brüder im Geiste Gottes!«
   12] Da sagten wieder einige Jünger: »Das ist wohl alles sehr schön und auch sehr weise geredet; aber wir gestehen es offen, daß alles das etwas hart und auch eben nicht sehr verständlich klingt. Denn mit der eigentlichen Freiheit des eigenen Willens sieht es da nicht sehr günstig aus! Und so man etwas Gutes getan hat, so geht das den freiwilligen Guttäter gar nichts an; für die Tat hat er keinen Lohn zu erwarten, sondern nur dafür, daß er sich freiwillig dem erkannten göttlichen Willen als Werkzeug dargeliehen hatte. Das ist sehr sonderbar! Der Mensch ist und bleibt demnach dennoch nichts anderes als ein Werkzeug der göttlichen Allmacht und ist in und für sich ewig ein pures Nichts. Wahrlich, bei solch einer Lehre könnten sogar wir, die wir schon soviel von Dir gehört und gesehen haben, in unserem Glauben schwach werden!«
   13] Hier aber sagte der Riese: »Liebe Freunde, dieser Meinung bin ich als ein jüngster Jünger dieses Meisters und Gottmenschen nicht! Was ist denn mit einem Kinde, in welchem sich oft auch schon gar früh ein böser Wille kundgibt? Muß es nicht dem weisen Willen seiner Eltern gehorchen und seinen Willen am Ende nur dazu gebrauchen, allein das zu tun, was seine Eltern wollen? Und hat es sich mit der Zeit stets mehr und mehr in dem Willen seiner Eltern zurechtgefunden, so wird es dann selbst weise, weiß dann, was recht und gut ist und verabscheut aus sich selbst das Böse, Falsche und Ungerechte. Es kommt dadurch erst zum wahren Selbstbewußtsein und zur wahren, vernunftgemäßen Selbständigkeit. Würde das Kind aber je dazu gelangt sein, so es nicht der weisen Eltern Willen zu dem seinigen gemacht hätte?!
   14] Und so können auch wir Menschen erst dann zum wahren Selbstbewußtsein und zur wahren Lebensselbständigkeit gelangen, so wir durch unseren freiwilligen Gehorsam den uns geoffenbarten göttlichen Willen ganz zu dem unsrigen machen; denn in dem göttlichen Willen muß doch offenbar deshalb auch die höchste Freiheit walten, weil Gott Selbst das weiseste und somit freieste Wesen ist. Und so wir je irgendeinen Anspruch auf eine wahre Lebensfreiheit machen wollen, so können wir diese nur dadurch erreichen, daß wir als ganz eins mit Ihm denken, fühlen und wollen und dann auch völlig also handeln. - Habe ich recht oder nicht?«
   15] Sagten die Jünger: »Ja, ja, in dieser Hinsicht hast du wohl recht, und wir können dich darum nur loben! Aber das ist denn auch eben nicht unwahr, daß am Ende doch ein jeder Mensch mit dem Gesichte, das bekommen hat, völlig zufrieden sein muß; denn es würde ihm bei aller seiner Unzufriedenheit kein anderes gegeben werden. Und kurz und gut, alle Ehre der großen Weisheit, Macht und Güte unseres Herrn und Meisters, - aber darum wird aus einem Menschen doch nie ein freier Gott und aus Gott nie ein beschränkter Mensch! Und damit haben wir viel und alles gesagt; denn daß der Mensch mit seinen ohnehin höchst beschränkten Kräften alles tun und am Ende noch bei sich sagen soll - und das sogar in seiner innern vollstlebendigen Überzeugung -, daß er gar nichts getan habe und nur ein sträflich fauler und unnützer Knecht war, das ist ein so sonderbares Verlangen, wie ein ähnliches auf dieser Erde noch nie erhört worden ist!
   16] Ein weiser Vater wird seine Kinder nur loben, wenn sie auf seinen Feldern fleißig gearbeitet haben; hier aber wird davon nicht nur gar keine Erwähnung gemacht, sondern noch verlangt, daß man darob, so man alles mit dem größten Eifer getan hat, sich selbst noch obendrauf über ein Aas verachten soll. Ah, das geht denn doch wohl nicht an! Wie kann denn ein Mensch da je zu einer guten Handlung einen Eifer bekommen, so er sich der guten Handlung wegen selbst verachten soll?! Ja, der Mensch soll sich selbst verachten und verabscheuen einer Sünde wegen, die er irgend leichtsinnigermaßen begangen hat, - aber einer guten Handlung wegen nicht! Da muß er nur eine rechte Freude daran haben und seinem Gemüte selbst ein erhebendes Lob bei sich selbst im stillen erteilen und in seinem Gewissen beruhigt sein, auch dann, so ihn der guten Tat wegen die ganze Welt verachten würde! Aber sich selbst dafür noch verachten und mit sich im höchsten Grade unzufrieden sein, so man alles mit allem möglichen Eifer getan hat, was man nur immer als dem göttlichen Willen gemäß für gut und recht erkannt hat, das ist wahrlich zu viel von dem ohnehin schwachen Menschen verlangt!
   17] Herr, da bitten wir Dich um eine nähere Erklärung, sonst gehen auch wir gleich denen, die schon früher gegangen sind! Du kamst zu uns, und wir sind Dir gefolgt auf Deinen Ruf und haben Dir allzeit alles geglaubt; aber das glauben wir Dir einmal nicht also, wie wir es verstehen und einsehen, - und das darum, weil es nicht leicht anders einzusehen und zu verstehen ist!«


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