Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 138

Das Wundermahl im Hause des Obersten. Wesen und Wirkung der Liebe.

   01] Mit der zahlreichen Gesellschaft in der Stadt kaum angelangt, kam uns eine große Menge Volkes entgegen, begrüßte uns von allen Seiten und schrie: »Heil dir, du großer Heiland, und ewig Dank dir; denn du hast uns durch deine wunderbarste Allmacht von einer großen Drangsal erlöst!«
   02] Da stutzten die drei Weisheitspriester, und das um so mehr, als sie auch die andern Priester unter dem Volke ersahen.
   03] Wir erreichten nun das große Haus des Obersten. Da empfahlen sich die vielen Begleiter und gingen in ihre Häuser und Wohnungen; Ich und alle die Jünger aber gingen mit dem Obersten und seinem Schwager, dem Hauptmann von Samosata, und mit den andern Hausgenossen in das Haus, um daselbst das Mittagsmahl einzunehmen. Es war aber nun ein wahres Elend; denn des Hauptmanns Weib samt dem Weibe des Obersten, das eine gute Köchin war, hatten in der Eile vergessen, ihre Dienerschaft zu beauftragen, für den Mittagstisch etwas herzurichten, und so war jetzt natürlich noch nichts fertig.
   04] Da ward der Oberste ein wenig ärgerlich und mürrisch; aber er ermannte sich dennoch recht bald und sagte: »Nun, so setzet doch jetzt alle eure Kräfte in Bewegung, auf daß wir alle nicht nötig haben, erst am Abend unser Mittagsmahl zu verzehren!«
   05] Ich aber sagte zum Obersten: »Lasse alles das gut sein; öffne da nun die Tore zum großen Speisesaal, und wir werden daselbst schon alles antreffen, dessen wir bedürfen!«
   06] Der Oberste tat das und erstaunte nicht wenig, als da alle Tische mit den besten und feinsten Speisen besetzt waren. Nun fragte er freilich die Weiber, warum sie ihm denn das nicht sogleich gesagt hätten, als er sie darum fragte.
   07] Die Weiber aber entschuldigten sich abermals und sagten, daß sie darüber ebenso erstaunt seien wie er selbst, da sie von der Bereitung dieses Mittagsmahles ebensowenig wüßten wie er selbst. Es müsse das sicher auch ein Wunder sein.
   08] Da besah der Oberste die Speisen und alle die Speisegeschirre genauer, und er sah, daß alle Schüsseln, Löffel, Messer und Trinkbecher aus dem blanksten Golde gemacht waren. Da trat er schnell zu Mir hin und sagte: »Herr, Herr, das ist Dein Werk! Wie bin ich, ein armer Sünder, ein finsterer Heide, von Dir solch einer Gnade für wert befunden worden?! Ich bin ja gar nicht wert, daß Deine zu heiligen Füße mein unratvolles Haus betreten, - geschweige solch einer allerunerhörtesten Auszeichnung, die sogar für einen Kaiser Roms zu edel wäre!«
   09] Sagte Ich: »Was da ist, das ist da; und nun setzen wir uns zu Tische und essen und trinken ganz heiter, was da auf den Tischen steht! Denn so ihr Gottes Kinder werden wollet, so schadet es ja auch nicht, daß ihr es noch in diesem Leben einmal erfahret, wie man als ein Kind im Vaterhause ißt und trinkt.«
   10] Darauf setzten sich alle ganz wohlgemut an die Tische und fingen an zu essen und zu trinken. Aber da war es völlig aus mit dem Obersten, dem Hauptmanne, seinem Sohne und mit den Weibern beider, sowie mit ihren Töchtern und den zehn Brüdern des Hauptmanns, wie auch mit den anderen geladenen Gästen; denn alle versicherten, daß sie so himmlisch gute Speisen und einen so unvergleichbar guten Wein noch nie genossen hätten, und die Weiber umringten Mich und fragten, wie möglich man denn gar so unbeschreiblich gute Speisen bereiten könne.
   11] Ich aber sagte: »Ja, Meine Lieben, derlei gibt es auf Erden nicht; wenn aber auf Erden unter den Menschen durch das erkannte Wort Gottes einmal das rechte Feuer der Liebe zu Gott und zum Nächsten so recht intensiv bestehen wird, dann werden die Menschen bei solch einem Feuer sich schon auch Speisen bereiten, die eben also und manchmal noch besser schmecken werden denn diese. Ich sage es euch: Die wahre und reine Liebe ist das heilig-edelste Feuer; dieses vermag alles. Es ist der beste Koch, der beste Wirt, die beste Würze aller Speisen und die beste Speise selbst. Wahrlich, wen die reine Liebe nährt, der ist wahrhaftig wohl genährt, und wen sie sättigt, der wird keinen Hunger haben in Ewigkeit! So euch solche Liebe beleben wird, da werdet ihr ewig nie einen Tod fühlen noch schmecken. Darum befleißiget euch solcher reinen Liebe zu Gott und zu euren Nächsten; denn diese Liebe wird euch alles geben, was euch überselig machen kann! Wie aber diese Liebe beschaffen ist, das habt ihr in den vergangenen drei Tagen vernommen, und so habe Ich euch darüber nichts Weiteres zu sagen.«
   12] Hier dankten Mir alle für diese Belehrung und versprachen Mir feierlichst, in solcher Liebe so groß wie möglich zu werden.
   13] Da sagte aber einer der drei Weisheitspriester: »Wie möglich aber kann ein sterblicher, materieller Mensch einen ewig unsterblichen und rein geistigen Gott lieben? Würde ein Gott solch eine Keckheit einem Menschen nicht im höchsten Grade verargen? Was würde schon ein irdischer König sagen, so unsereiner ihm einen Liebesantrag machte? Was ist aber ein König gegen einen Gott!«
   14] Sagte Ich: »Ein dummer und höchst stolzer König, der aber seine Untertanen nicht erschaffen hat, möchte sich wohl eben nicht zu freundlich gebärden, so ihm ein ganz gemeiner und dummer Mensch käme und sagte: "O großer König, ich fühle eine große Liebe zu dir! Steige herab von deinem hohen Throne, und lasse dich von mir umarmen und küssen!" Der König wird solch einen Menschen wohl ganz sicher für einen Narren ansehen und ihn durch seine Diener zur Tore hinausweisen lassen; und geht er nicht in gutem, so wird er sich schon eine Züchtigung gefallen lassen müssen. Aber so solch einem Könige die Untertanen eine wahrhafte tätige Liebe bezeugen werden, so wird er solche auch sicher ehest
wiedervergeltend ganz gut aufnehmen und niemanden zur Tore hinausweisen lassen.
   15] Gott, der ewig Wahre, aber ist nicht wie ein dummer Heide dieser Erde. Er Selbst ist pur Liebe und also auch die höchste Weisheit Selbst, als welcher und eben solcher Er auch alle Welten und die Menschen aus Sich heraus erschaffen hat.
   16] Da Er also Selbst pur Liebe ist, so will Er auch, daß alle Menschen Ihn vor allem über alles lieben sollen und dann aber auch - weil alle Menschen Sein Werk sind - sich untereinander, wie da ein jeder sich selbst liebt. Wenn aber Gott alle Menschen mehr denn ein bester Vater seine Kinder liebt, warum sollen Ihn denn dann die Menschen nicht wieder über alles lieben, wenn sie Ihn einmal erst nur so recht erkannt haben?
   17] Wahrlich sage Ich euch: Ohne die rechte Liebe werdet ihr Gott nicht finden, Ihn nie recht erkennen und werdet euch sonach Ihm auch nie nahen können! Nur die Liebe zeigt euch den sicheren Weg zu Ihm, - euer Verstand aber ewig nie! Wer aber den Weg zu Gott nicht findet, der findet auch den Weg zu seinem höchsteigenen Leben nicht und wandelt darum im Finstern und auf den Wegen des Gerichtes und des ewigen Todes. Das merket euch von Mir; das andere werdet ihr nachher schon von Meinen Jüngern vernehmen.«
   18] Hierauf schwiegen die drei Weisen und aßen und tranken ganz wohlgemut weiter.
   19] Einer von ihnen aber war ein ziemlich heller Kopf und sagte etwas später zu den andern zweien: »Dieser wunderbare Mensch redet die vollste Wahrheit. Darum hören wir ihn nur an, und wir werden da am besten daran sein; denn der ist uns an der gediegensten Weisheit wohl tausendmal tausend Male überlegen!«
   20] Ich aber redete nun während der ganzen Mahlzeit weiter nichts mehr; nach der Mahlzeit aber wandten sich die drei Weisen an die Jünger und diese unterrichteten sie in den Hauptgrundsätzen Meiner Lehre, an der die drei ein großes Wohlgefallen hatten.
   21] Ich Selbst aber ging mit der Familie des Obersten und des Hauptmannes ins Freie und ließ die Jünger nun ganz allein wirken. Es versteht sich von selbst, daß alle die neueren Jünger stets eifrig zugegen waren, so die Altjünger lehrten, und für sich die Hauptsachen auch aufzeichneten. Erst am Abend kamen wir wieder zusammen.


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