Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 126

Die Bedeutung des Judenvolkes gegenüber den Heiden.

   01] Jored und sein Sohn Jorab gaben Mir das Geleit bis Malaves, wo uns die dankerfüllten Bewohner schnell entgegeneilten und uns bewirten wollten. Aber wir nahmen nichts an, empfahlen ihnen aber noch einmal, in der empfangenen Lehre zu verharren. Das versprachen sie auch auf das feierlichste, fragten Mich aber, wohin Ich Mich nun nächstörtlich wenden werde.
   02] Und Ich sagte zu ihnen: Nach Samosata! Habt ihr ein Fahrzeug dahin auf dem Wasser, so könnet ihr Mich dahin bringen.«
   03] Sagten die sehr gemütlichen und dienstfertigen Malavesaner: »O großer Herr und Meister, wohl haben wir zwei Fahrzeuge, auf denen Du und Deine Begleiter ganz bequem von hier nach Samosata in wenigen Stunden kommen könntet; aber es ist nur hernach das Zurückbringen der Fahrzeuge ziemlich schwer. Sie müssen stromaufwärts gezogen werden, und das mit Ochsen und Maultieren, und das kann dann geschehen, wenn von Serrhe bei einem günstigen Wasserstande Warenschiffe nach Melitene hinauffahren. Diese hängen dann derlei kleinere Fahrzeuge an und bringen sie dann an den Ort zurück, dahin zu bringen sie die Weisung von dem Schiffsmeister bekommen. Allein das macht nichts; wir werden euch ein Paar verläßliche Schiffer mitgeben, und diese werden dann schon in Samosata das Geeignete veranstalten, daß die Fahrzeuge ehestmöglich zurückgebracht werden. Wenn es Dir, o Herr und Meister, denn gefällig wäre, so könntet ihr sogleich die Schiffe besteigen und abfahren!«
   04] Sagte Ich: »Ganz gut, meine lieben Leutchen; aber anstatt nur zwei Schiffer gebet uns vier mit, und Ich stehe dafür, daß sie heute noch lange vor Sonnenuntergang mitsamt den zwei Schiffen zurückkommen werden!«
   05] Sagten die Malavesaner: »Das wäre auf eine ganz natürliche Weise wohl nicht möglich; aber Dir, o Herr, ist nichts unmöglich! Denn wir haben das schon an uns erfahren, daß Dein Wort und Wille ein vollbrachtes und fertiges Werk ist.«
   06] Hier gingen gleich fünf Schiffer anstatt vier mit; drei übernahmen die Leitung des größeren Fahrzeuges, und zwei begaben sich auf das kleinere, das Ich mit den zwölf Altjüngern bestieg. Es waren aber diese Fahrzeuge auch mehr Flöße denn irgend eigentlich Schiffe; nur waren sie mit Geländern und Sitzbänken versehen, und jegliches hatte ein Dach aus grobem Segeltuche.
   07] Als Ich mit den Altjüngern auf das kleinere Fahrzeug ging, da grüßten Mich Jored und sein Sohn auf das herzlichste und baten Mich, daß Ich doch noch ja einmal sie persönlich besuchen möchte, aber bei einem abermaligen Besuche länger in ihrer Mitte verweilen möchte als diesmal.
   08] Ich aber grüßte sie auch und sagte: »Bleibet tätig in Meiner Lehre, und Ich werde nicht nur sehr oft, sondern am Ende schon gleich ganz in eurer Mitte Meine Wohnung aufrichten! Unsern Gruß und Segen allen, die eines guten Willens sind!«
   09] Hierauf wurden die Fahrzeuge losgemacht, das kleinere voraus und das größere um einige Augenblicke später, und es fuhr hinter uns.
   10] Als wir nun allein waren, sagte Petrus: »Herr, es wäre beinahe besser, so wir uns gleichfort unter den Heiden herumtrieben und ließen die Juden Juden sein; denn es ist ja doch eine wahre Herzensfreude zu sehen, wie diese Menschen mit einer wahren Gier die Worte des Lebens in sich aufnehmen. Die Zerstörung ihrer drei Götzen ging doch so leicht durch, und beinahe kein Mensch außer den fünf Weibern machte sich darüber etwas Besonderes daraus, und am Ende waren sogar die Weiber auch eben nicht gar zu schwer zur Umkehr zu bringen. Und wenn man die Sache so recht bei Lichte betrachtet, so liegt in solch einem Heiden, wie da war und ist der Jored und sein ganzes Haus, wohl hundertmal mehr gesunden Menschenverstandes als in einem jüdischen Ältesten und Schriftgelehrten. Wie wäre es uns in Jerusalem ergangen, wenn Du den Pharisäern den Tempel also gelichtet hättest wie vor drei Tagen den zu Chotinodora?! Ich sage mit immer mehr Einsicht und Überzeugung: Die Juden sind Deiner großen Erbarmung, Geduld und Nachsicht unter allen Völkern am wenigsten wert. Was sagst Du zu dieser meiner Ansicht?«
   11] Sagte Ich: »Siehe, du redest, wie du es verstehst! Wenn du ein Feld siehst, das gar dicht mit allerlei Unkraut überwachsen ist, so muß dir da ja auch dein gesunder Menschenverstand sagen: Da muß ein gutes und fruchtbares Erdreich sein! Da lohnte es sich wohl der Mühe, dies Feld von dem Unkraute zu reinigen und dann darauf den Weizen zu säen; da kann er hundertfältige Frucht bringen! So du aber ein Feld ersiehst, das da gar recht fein aussieht, da nur höchst sparsam hie und da ein Gräschen mager emporwächst, wird es sich da wohl der Mühe und Arbeit lohnen, solch ein Feld zu einem fruchtbaren Weizenacker umzugestalten? Sicher nicht, denn wo der Boden fürs Unkraut keine Nahrung hat, da wird er sie sicher auch für den Weizen nicht haben. Du wirst auf ein solches Feld viel guten und kräftigen Dünger geben müssen, um das Magerfeld für den Weizen fruchtbar zu machen.
   12] Siehe, welche Zeichen mußten hier geschehen, damit diese Heiden den Glauben annahmen! Die Zeichen waren ein kräftiger Dünger, damit die Lehre als der Lebensweizen auf ihrem Gemütsfelde aufkeimen und zu einer künftigen Frucht emporwachsen konnte. Als Ich aber vor anderthalb Jahren zu euch Juden kam, da bedurfte es nur allein des Wortes, und ihr folgtet Mir, ohne daß ihr deshalb schon ganz im klaren gewesen wäret, wem ihr gefolgt seid. Es war euer Gemütsboden wohl mit manchem Unkraute bewachsen, und manches Dorngestrüpp umzog euer Herz, - aber es war daneben dennoch auch viel freies Feld für den Weizen.
   13] Bei diesen Heiden aber hätten wir zehn Jahre lang reden können, so hätten wir sie dennoch nicht bekehrt zum Lichte des Lebens aus Gott, da sie uns trotz der vielen und großen Zeichen noch einen harten Widerstand leisteten. Nun sind sie wohl unser, mehr denn viele Juden, und es wird auch den Juden wegen ihres Starrsinnes das Licht genommen und den Heiden gegeben werden; aber alles dessenungeachtet dürfet ihr das nie unbeachtet lassen, daß das Heil der Menschen nur von Jerusalem ausgeht, und alle den Juden gemachten Weissagungen werden daselbst ihre Erfüllung haben für alle Menschen der Erde! Aber alles dessenungeachtet werden wir nun auch die Heiden besuchen und sie vorbereiten auf das, was sie nach Meiner Auffahrt werden zu erwarten haben, nämlich die Ausgießung des Heiligen Geistes aus Gott.
   14] Nun aber habet alle ein wenig acht; denn wir kommen nun an eine Wasserstelle dieses Stromes, an der er mehr steht denn fortfließt! Da müssen die Ruder stark gehandhabt werden, ansonst man daselbst leicht von Stromräubern eingeholt und überfallen werden kann. Allein es sollen unsere beiden Schiffer das Fahrzeug nur gehen lassen, wie es geht; denn Ich will diese Räuber sprechen und von ihrem Gewerbe abbringen!«


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