Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 124

Von der Bildung der Menschen.

   01] Sagte der Priester der Minerva: »Ja Herr, Du hast in allem ganz vollkommen recht; aber da Du heute leider schon die letzte Nacht bei uns zubringst, so hätte ich im Namen aller an Dich noch eine ganz bedeutende Bitte zu stellen, und diese bestände in dem, daß Du uns gnädigst gestatten möchtest, Deine uns nun gegebene Lehre Wort für Wort niederzuschreiben, damit sie als ein größtes Gut aller Menschen nimmerdar verlorengehe, weil sich sonst jede Lehre durch bloße mündliche Überlieferungen am Ende mit der Länge der Zeiten verunstaltet und verunreinigt. Denn die Menschen setzen gerne mit der Zeit so manches hinzu und lassen anderseits leicht etwas Wesentliches aus. Ist aber die Sache einmal niedergeschrieben und von allen hier seienden Zeugen unterzeichnet zur Steuer der vollsten Wahrheit, dann, meine ich, dürfte eine Verunreinigung Deiner Lehre nicht so leicht mehr möglich sein. Auf daß wir aber nichts Falsches niederschreiben mögen, so wolle Du, o Herr, uns leiten mit Deinem allwissenden und allmächtigen Geiste!«
   02] Sagte Ich: »Das könnet ihr allerdings tun; so ihr aber schon das tun wollet, da schreibet es in mehreren Exemplaren, auf daß die Sache allgemeiner wird und das eine und zuerst geschriebene Buch - namentlich bei den sehr abergläubischen Heiden - nicht irgendeine Art magischer Wirkung erhält, wodurch dann der Wert seines inneren Gehaltes entstellt würde und die Menschen vor solch einem Buche dann förmlich eine Heiligenscheu bekämen, es sich vor lauter Ehrfurcht gar nicht mehr zu lesen getrauten und am Ende gar dahin kämen, zu glauben, daß die alleinige Verehrung solch eines Heiligtumes den Menschen schon den Himmel verschaffe! Sind aber mehrere gleiche Bücher da, so ist solch eine Ausartung nicht leichtlich mehr möglich.
   03] Ich sage nicht, daß die Menschen solche Bücher nicht in Ehren halten sollen; aber sie sollen daraus auch nicht mehr machen, als was sie sind, und sollen davon auch nur den Gebrauch machen, der allein daraus zu machen ist, und durchaus keinen andern.
   04] Ich aber sage euch noch hinzu, daß ihr eure Mühe auch dahin verwendet, daß alle Menschen schon von Kindheit an ordentlich lesen, schreiben und rechnen lernen sollen - nicht nur die Reichen allein -, sonst nützen euch die geschriebenen Bücher wenig. Suchet vor allem eine rechte Bildung des Wissens und daraus des Herzens bei den Menschen zu bewerkstelligen, so werdet ihr euch einen großen Lohn in Meinem Reiche bereiten, und ihr werdet dadurch auch ein leichtes Handeln auf der Erde mit den Menschen haben; denn mit wahrhaft gebildeten Menschen ist leicht zu reden und zu verkehren. Aber suchet eine rechte und ganze Bildung unter den Menschen auszubreiten; denn eine halbe Bildung ist oft schlechter als gar keine!
   05] Enthaltet euren Jüngern keine Wahrheit vor, so wie auch Ich euch nichts vorenthalten habe; denn nur die Wahrheit bildet den Menschen wahrhaft zu einem Menschen. Wo diese fehlt, da muß offenbar die Lüge an ihre Stelle treten, und diese ist die Gebärerin alles Unheiles, das nur immer auf der Erde unter den Menschen vorkommen kann. Das somit auch zu euer aller Lebensrichtschnur! Werdet ihr das beachten, so werdet ihr gar bald die Segnungen davon schon auf dieser Erde nur zu klar und wahr erfahren. - Habt ihr nun noch etwas auf eurem Herzen?«


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