Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 114

Die Schlange als Vorbild der Klugheit.

   01] Sagte Petrus: »Herr, wie sagtest Du: daß wir klug sein sollen wie die Schlangen? Die Schlange ist ja doch das Sinnbild alles Bösen und Schlechten, ein Symbol des Satans, der durch seine Arglist in der Gestalt einer Schlange das erste Menschenpaar verführte! Die Schlange mag in ihrer bösen Tücke immerhin sehr listig sein; aber welcher ehrlich gute Mensch wird sie gegen seine Nebenmenschen in ihrer Tücke nachahmen wollen?! Kurz, dieses Dein Gleichnis verstehe ich noch immer nicht so recht! Erkläre uns das!«
   02] Sagte Ich: »Wie lange werde Ich euch denn noch ertragen müssen! Sehet ihr denn auch das noch nicht ein, was doch so sonnenklar vor euren Augen liegt? Sagte Ich denn nicht, daß ihr die kluge List der Schlange euch aneignen sollet, aber nicht auch ihre damit verbundenen bösen Zwecke, darum ihr im Besitze solcher Klugheit aber dennoch gut und sanft gleich den Tauben verbleiben sollet?
   03] Betrachtet aber nur einmal eine Naturschlange, und ihr werdet finden, daß eben dieses Getier klüger ist denn jedes andere der Erde. Die Naturkundigen sagen, daß der Löwe der König der Tiere sei, und Ich sage euch, daß das die Schlange ist; denn wenn schon der Löwe vermöge seiner Stärke alle andern Tiere in einem Kampfe besiegt, so flieht er aber doch vor der Schlange, und so sie ihn auf ihrer Lauer umringt hat, dann ist er verloren und wird ihr zu einer erbärmlichen Beute. Kurz und gut, die Schlange besitzt die größte Überlegung und sucht sich den Platz zu ihrer Jagd mit der möglichsten Vorsicht und förmlicher Berechnung aus, und die Beute, für die sie sich auf irgendeine Lauer gestellt hat, entgeht ihr nie. Nur allein der Mensch ist ihr Herr, sonst aber kein Geschöpf auf der Erde, besonders wenn sie einmal erwachsen ist und ihre volle Kraft erreicht hat. Ich rede hier von den wirklichen Schlangen und nicht von ihren kleinen Abarten, die aber auch noch klüger sind denn gar viele große Tiere.
   04] In Indien und auch in Afrika, wo es viele von allerlei reißenden Tieren gibt - als Löwen, Panther, Tiger und Hyänen, also auch böse Affen und noch andere böse Tiere -, werden die Schlangen von den Menschen zu ihren sichersten und verläßlichsten Wächtern abgerichtet. Wo um eine Wohnung der Menschen, wie sie auch immer beschaffen sein mag, die Schlangen Wache halten, dahin kommt sicher nie irgendein Raubtier; sogar der Elefant und das mächtige Nashorn haben eine große Scheu vor diesen Hauswächtern. Sie tun aber auch den Haustieren keinen Schaden, so sie von den Menschen sonst mit dem nötigen Futter versehen werden. Sowie aber die Menschen sie hungern lassen, da verlassen sie dann ihre Wohnungen und gehen auf den Raub aus.
   05] Zugleich sind die Schlangen durch einige Mühe derart zu zähmen und abzurichten, daß sie auf ein gegebenes Zeichen alles tun, was man - nach ihrer Fähigkeit - von ihnen verlangt. Das ist denn doch auch ein Zeichen von der ganz besonderen Intelligenz dieser Tiere. Je mehr Intelligenz aber irgendein Tier besitzt, desto leichter ist es zu irgendeinem guten Gebrauche abzurichten, und um so klüger ist es auch in sich und für sich selbst.
   06] Ich habe euch nun einen förmlichen Naturlehrer gemacht, und so denket auch darüber nach, auf daß ihr Mich dann nicht wieder um eine Erklärung angehet, so Ich euch irgend bei einer andern Gelegenheit auf dieses Gleichnis aufmerksam machen werde! - Habt ihr Mich aber wohl auch verstanden, was Ich euch damit habe sagen wollen?«
   07] Sagte Petrus: »Ja, hochgelobt sei Dein Name; denn Dir sind all Dinge wohl bekannt, und so Du etwas erklärst, da wird es dem Menschen klar, und mir ist darum auch dies alles höchst klar! Wir werden uns aber in der Folge auch allenthalben also zu benehmen wissen.«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 6  |   Werke Lorbers