Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 97

Jesus heilt Kranke in einem Fischerdörfchen.

   01] Darauf erhoben wir uns vom Tische, da es ohnehin nahe um die vierte Stunde des Nachmittags war, und Ich beorderte nun Andreas und Nathanael, diesen Priestern den erforderlichen Unterricht zu erteilen, und ging mit den anderen Jüngern und Hausleuten ins Freie.
   02] Da kam aber auch der Zeuspriester nach; denn er sagte zu den andern vieren: »Habt ihr wohl acht, was die beiden Männer euch sagen werden; ich aber werde dem Meister nachgehen und sehen und hören, was er irgend tun und reden wird.«
   03] Und also kam er uns nach, als wir längs des Euphrat dahinwandelten, an dessen rechtem Ufer - an dem der Ort lag - sich auch eine Menge seltener und heilsamer Kräuter befanden. Wir kamen eine Stunde Weges am Strome abwärts, allwo sich ein Fischerdörfchen befand, dessen Einwohner sich zumeist vom Fischen ernährten; denn der Boden war steinig und sandig, hie und da nur mit spärlichem Grase und andern Kräutern bewachsen, auf dem kaum einige wenige Ziegen ihr Nährfutter zur Genüge fanden, und er war darum zum Ackerbau nicht geeignet.
   04] Als wir hier ankamen, da gingen uns sofort eine Menge Menschen entgegen und grüßten den ihnen sehr bekannten Zöllner Jored, baten ihn aber auch um Nachsicht und Geduld, da sie ihm noch einen Teil ihres Fischerpachtschillings schuldeten.
   05] der Zöllner aber erließ ihnen denselben ganz und sagte noch dazu: »Nicht nur den Pachtschilling, den ihr mir schuldet, erlasse ich euch, sondern ich enthebe euch auch für alle Zukunft jeder weiteren Zinszahlung; nur den kaiserlichen Zinsgroschen allein werdet ihr als von nun an volle und freie Eigentümer dieses Dörfchens und der Fischerei selbst entrichten, und den werdet ihr durch den Verkauf der Fische schon in commune (gemeinsam) gewinnen können. - Seid ihr damit zufrieden?«
   06] Aus großer Dankbarkeit fielen nun Männer und Weiber auf ihre Angesichter nieder und lobten mit lauter Stimme die große Güte Joreds. Jored aber behieß sie, sich vom Boden zu erheben und kein solches Wesen zu machen für eine so geringe Wohltat.
   07] Als sie sich vom Boden erhoben hatten, da stellte er ihnen den vom Tode erweckten Sohn vor und gab ihnen kund, wie es hergegangen war. Da drangen diese Menschen zu Mir herüber, da Ich mit dem Arzte ganz knapp am Wasser stand, und fingen an, Mich zu loben und sehr zu preisen, weil Ich des Jored Sohn vom Tode erweckte und er ihnen sicher darum nun solche große Wohltat erwiesen habe, was er sonst, obwohl er allzeit ein sehr guter und billiger Mann war, doch sicher nicht getan haben würde.
   08] Darauf fragten sie Mich in ihrer schlichten Einfalt, wer Ich denn sei, daß Ich so etwas Unerhörtes zu bewirken imstande wäre.
   09] Ich aber beruhigte sie und sagte zu ihnen: »Wer und was Ich bin, das werdet ihr alle noch früh genug erfahren. Soviel aber möget ihr vorderhand aus Meinem Munde erfahren, daß Ich ein allein wahrer Weltheiland für alle Menschen bin und nicht nur die Macht habe, jeden Menschen dem Leibe nach gesund zu machen bloß durch Meinen Willen und durch Mein Wort, sondern der Menschen Seelen vom langen Irrsal erlösen und ihnen das ewige Leben geben kann. Habt ihr aber etwelche Kranke in eurem Dörfchen, so bringet sie hierher, und Ich werde sie alle gesund machen!«
   10] Da dankten die armen Leute schon zum voraus und sagten: »O du lieber Weltheiland, wir haben der Kranken genug, und selbst wir sind im ganzen nicht so gesund, als wie wir noch teilweise aussehen; aber unsere Kranken sind zumeist wohl mit solchen Gebrechen behaftet, daß bei ihnen nicht viel mehr irgend etwas zu heilen sein wird!«
   11] Sagte Ich: »Gehet und bringet sie nur alle hierher, und ihr sollet die Kraft und Herrlichkeit Gottes, die Er dem Menschen gegeben hat, zum ersten Male in eurem Leben kennenlernen!«
   12] Hierauf eilten diese Menschen in ihre dürftigen Wohnungen und brachten bei zwanzig Kranke; darunter waren Lahme, Krüppel, Gichtbrüchige, Blinde, Taube, Aussätzige und sogar ein Mensch, der keine Arme hatte. Dieser Mensch war sonst zwar gesund und kräftig; aber da er schon als Kind die beiden Arme durch die Unachtsamkeit seiner Wärterin verloren hatte, so war er als ein armloser Mensch keiner ordentlichen Arbeit fähig, außer, was er mit seinen Füßen notdürftigst zu tun imstande war.
   13] Als die Kranken nun alle auf einem sparsamen Rasen dalagen, da trat Ich zu ihnen hin und sagte: »Möchtet ihr wohl alle von euren Übeln geheilt sein, und glaubet ihr es, daß Ich euch heilen kann?«
   14] Da sagte ein gichtbrüchiger Greis: »Guter, lieber Weltheiland, so es dir möglich war, den Sohn Joreds vom Tode zu erwecken, so glauben wir auch, daß du auch uns wieder wirst gesund machen können! Daß wir arg Leidende aber alle wieder frisch und gesund werden möchten, das versteht sich schon lange von selbst. Wenn du, o guter, lieber Weltheiland, uns gesund machen willst, so wolle uns damit deine Liebe und Gnade erweisen! Geben können wir dir zwar nichts darum; denn du siehst ja unsere große Armseligkeit. Wir haben zwar schon alle Götter angerufen, aber sie wollten uns nicht erhören, weil wir sicher kein genügendes Opfer dafür darbringen konnten. Wenn du uns aber heilst, so bist du mehr und besser denn alle Götter des Himmels!«
   15] Hier machte der anwesende Zeuspriester große Augen und sagte zum Arzte: »Wenn er das kann, dann ist er kein Mensch mehr, sondern wahrhaftigst ein Gott! Am meisten neugierig aber bin ich auf den armlosen Menschen! Kann er auch dem die beiden verlorenen Arme wiedergeben, so ist er dann schon ganz unfehlbar ein Gott, und wir müssen ihn anbeten!«
   16] Hier hob Ich Meine Augen empor und sagte laut: »Vater, Ich danke Dir, daß Du Mich abermals erhört hast! Ich weiß es wohl, daß Du Mich allzeit erhörst; aber Ich sage und tue das darum, auf daß auch diese Heiden Dich erkennen, an Dich und an Mich glauben sollen und dann allein preisen Deinen heiligen Namen!«
   17] Hierauf wandte Ich Mich zu den Kranken und sagte: »Stehet auf und wandelt!«
   18] Da erhoben sich alle; denn sie wurden alle in ein und demselben Augenblicke völlig gesund.
   19] Nur der Armlose hatte seine Arme noch nicht bekommen und kam darum zu Mir und sagte: »O du guter Weltheiland, da es dir möglich war, durch deinen wunderbarst allmächtigen Willen alle diese Kranken zu heilen, so dürfte es dir wohl auch sicher möglich sein, mir die beiden Arbeitshände zu geben, damit ich mir dann durch allerlei Arbeit mein Brot verdienen könnte! Oh, laß mich nicht leer von dieser Stelle ziehen, auf daß auch ich in den vollsten Dankesjubel mit den andern Geheilten aus vollstem Herzen einstimmen kann!«
   20] Sagte Ich: »Warum zweifeltest du in dem Momente, als Ich die anderen heilte? Siehe, die alle glaubten und wurden geheilt; hättest du nicht gezweifelt, so wärest du nun auch schon im Besitze deiner Hände!«
   21] Sagte der Armlose: »O guter Weltheiland, nimm mir doch das nicht für ein Übel, da ich ja nun vollauf glaube, daß du auch mir helfen kannst!«
   22] Hier machte hinter Meinem Rücken der Zeuspriester zum Arzte die geheime Bemerkung: »Ich habe es mir gleich gedacht, daß es mit diesem Armlosen einen Heilungsanstand haben werde! Denn es ist ein ganz anderes, Menschen, die noch alle Glieder, wenn auch noch so verkrüppelt, haben, durch eine magische Wort- und Willensmacht zu heilen, als einem Menschen ein ganz fehlendes Glied als ganz neu erschaffen wiederzugeben!«
   23] Sagte der Arzt: »Der Meinung bin ich nicht; denn wer drei kolossale steinerne Statuen in einem Moment in ein purstes Nichts verwandeln kann und den See zudecken mit fester Erde bis in eine große Tiefe, der kann auch solch einem Menschen die Arme wiedergeben, so er nur will!«
   24] Auf diese Worte des Arztes sagte der Zeuspriester nichts mehr; aber es trat Jored zu Mir und sagte: »Herr, wenn es Dein Wille ist, so gib auch diesem Menschen seine Hände, und ich will ihn dann in meinen Dienst nehmen, und er soll bei mir gut verpflegt sein!«
   25] Sagte Ich zum Jored: »Sei du ruhig, Ich werde ihm die Hände geben; aber nun muß Ich noch des Zeuspriesters wegen ein wenig zögern, denn der hat gemeint, daß Mir solches nicht gelingen werde, und Ich werde darum zuvor mit ihm noch ein paar Worte wechseln.«
   26] Hierauf wandte Ich Mich um und sagte zu dem Priester: »Höre, du schwachsinniger Mensch, wie urteilest du über die göttliche Weisheit, Kraft und Macht?! Wer hat denn den ersten Menschen in die Welt gestellt ohne Zeugung und Mutterleib und hat dem, der zuvor nicht war, gegeben alle seine Glieder in der möglichsten Vollendung? Siehe, das war Der, welcher nun wirket in Mir, wie du dich hast überzeugen können bei den etlichen Zeichen, die Ich hier bereits gewirkt habe! Siehst du denn das nicht ein, daß ein purer Mensch aus sich das nicht wirken kann, was Ich dahier nun wirke, sondern nur der Geist Gottes, der in Mir ist und eins ist mit Meinem Willen?! Ein Priester sein und das nicht auf den ersten Blick einsehen, wie solche Taten, die Ich nun wirke, möglich sind, ist im Ernste für einen Zeuspriester, der doch alle möglichen Schulen durchgemacht und den Plato, Sokrates u.dgl. a. durchstudiert hat, nicht sehr rühmlich! Sage es Mir, ob du vollernstlich meinst, daß Ich dem Armlosen seine Arme nicht wiederzugeben vermag!«
   27] Sagte der Priester: »Das, mein wirklich allmächtiger Freund, habe ich eigentlich denn doch nicht gemeint, obwohl es mir also vorkam, als würdest du bei bresthaften Menschen nur jene Leibesteile wieder gesund machen können, die noch da sind, aber die durch irgendeinen bösen Zufall verlorenen nicht mehr! Denn ich dachte mir: Du kannst wohl mit der rohen und toten Materie, die ihren verwandten Stoff in der Luft und im Wasser hat, als ein in alle unsichtbaren Naturkräfte tiefst Eingeweihter leicht agieren (umgehen, wirken), und sie müssen dir offenbar gehorchen; aber die schon seit langem verlorenen Arme eines Menschen seien ganz etwas anderes, da ihre Grundstoffe doch sicher von den ersten Urelementarstoffen schon sehr weit entfernt sind und aus der Luft und aus dem Wasser nicht so leicht zusammenzubringen sein sollen. Aber es wird dem schon nicht also sein, und dir wird das eine so gut wie das andere möglich sein! Ich habe zuvor wohl dem Arzte meine ein wenig zweiflerische Meinung angesagt, aber er hat mich selbst vom Gegenteile meiner Meinung mit wenigen Worten völlig überzeugt, und so glaube ich nun, daß du dem Armlosen seine Arme geben könntest, so du sie ihm auch aus irgendeinem Grunde nicht geben würdest.«
   28] Sagte Ich: »Ah, das ist nun eine ganz andere Sprache, und Ich habe gar keinen Grund, diesem Menschen seine Arme nicht wiederzugeben; darum will Ich, daß er sie in diesem Augenblicke habe!«
   29] Als Ich solches kaum ausgesprochen hatte, da hatte der Armlose auch schon seine beiden ganz kräftigen Arme und konnte sich ihrer auch sogleich also bedienen, als hätten sie ihm nie gemangelt.
   30] Das machte bei allen Anwesenden eine so ungeheure Sensation, daß sie alle zu schreien anfingen: »Das ist kein Mensch, sondern das ist ein wahrer Gott! Dem wollen wir Tempel erbauen und ihm allein die reinsten und die besten und wertvollsten Opfer bringen!«
   31] Ich aber beruhigte sie und erklärte ihnen, so wie tags zuvor dem Jored, des Menschen Lebenskraft im Vereine mit der Kraft des Geistes durch den Glauben und danach durch die höchste Liebe zu Gott, der ewig war, ist und sein wird. Die einfachen Menschen glaubten und begriffen das ganz leicht und bald.


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