Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 77

Jesus auf einem Berge bei Kapernaum.

   01] Nach dem bald eingenommenen Morgenmahle aber begaben wir uns alle auf einen ziemlich hohen Berg nahe bei Kapernaum. Auch der Wirt und die vom Tode erweckte Tochter gingen mit, und der Wirt befahl einem Knechte, daß er etwas Brot und Wein mittragen solle, da Ich zuvor zu ihm im stillen sagte, daß wir bis zum Abend hin auf dem Berge verweilen werden. Einem andern Knechte aber befahl er, zwei der größten Edelfische als ein Regale (Geschenk) dem Obersten zu übermitteln. Das geschah denn auch, und wir machten uns sofort auf den Weg und bestiegen in ein paar Stunden ganz leicht den Berg. Von der sehr günstig gelegenen Höhe des Berges übersah man einen großen Teil des Galiläischen Meeres, und man konnte sogar das Schiff ersehen, das noch seine große Not mit den Wogen des Meeres hatte.
   02] Da sagte der Wirt: »Die tollen Menschen auf jenem Schiffe werden wahrscheinlich auch gar keinen Mundvorrat mehr besitzen und werden somit vom Hunger stark geplagt sein!«
   03] Sagte Ich: »Etwas durchnäßtes Brot haben sie wohl noch, und das genügt für ihre Bosheit! Sie haben aber bereits ihren argen Plan aufgegeben und werden sich nun anschicken, eine Rückfahrt zu versuchen, und dazu soll ihnen ein Wind zu Hilfe kommen. Aber sie werden noch der Angst zur Genüge zu bestehen bekommen, bis sie ein Ufer erreichen werden; denn gar zu leichten Kaufes sollen sie noch nicht vom Wasser uns trockene und feste Land kommen!«
   04] Sagte der Wirt: »Weißt Du, Herr, die argen Templer erbarmen mich gar nicht, - aber die armen Schiffer, die werden für ihre große Mühe und Angst nicht nur gar keinen Lohn, sondern noch eine Strafe bekommen, weil die Pharisäer ihnen alle Schuld geben werden, daß sie auf diesem Binnenmeere das Schiff nicht haben vom Flecke zu bringen vermocht!«
   05] Sagte Ich: »Oh, sorge du dich nur darum nicht! Das sind handfeste Griechen aus der Gegend Tiberias; die werden nicht zu kurz kommen! Sie haben auch noch einen hinreichenden Mundvorrat bei sich, als geräucherte Fische, geräuchertes Schweinefleisch und doppelgebackenes Weizenbrot. Auch ein paar Schläuche Wein haben sie im Hinterteile des Schiffes, und da die Templer ihr durchnäßtes, ungesäuertes Brot nicht wohl essen können, so kaufen sie den Schiffern um ein teures Geld die Kost ab, und sonach leiden diese außer der Angst des möglichen Schiffuntersinkens gar keine anderweitige Not. Darum kümmern wir uns um sie auch gar nicht mehr; gegen den Abend hin sollen sie mit vieler Mühe und Anstrengung das Ufer erreichen! Also sei es!«
   06] Damit waren alle zufrieden, und niemand wollte nun mehr des Schiffes gedenken.
   07] Der Wirt aber kam wieder mit einer neuen Frage und sprach: »Herr, da Du gar um alles weißt, was da irgend ist und geschieht, so wirst Du auch wohl wissen, was etwa nun der vorgestern Dich verlassende Jünger Judas Ischariot macht, und wo er sich herumtreibt!«
   08] Sagte Ich: »Auch den lassen wir gehen! Übermorgen wird er ganz sicher wieder zu uns kommen; denn Ich werde ihn daran nicht hindern. Nun aber genießen wir hier die sicher sehr schöne Aussicht, und ihr beachtet dabei die Lehre, die Ich euch heute morgen gegeben habe, und einer unterweise dabei den Unkundigen, und ihr werdet eine eitle und auch wahre Lust daran haben!«
   09] Das wurde denn auch ins Werk gesetzt, und alle unterhielten sich dann bis gen Abend wohl damit, so zwar, daß sie dabei des mitgenommenen Brotes und Weines vergessen hätten, so sie daran nicht die Tochter des Wirtes erinnert hätte, weil sie selbst durch den eigenen kleinen Hunger und Durst daran erinnert ward.


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