Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 67

Jesus über die Unsterblichkeit der Menschenseele.

   01] Sagte der Wirt: »Ich habe zwar auch schon über vieles aus Deinem göttlichen Munde Belehrungen empfangen, aber dennoch hätte ich noch so manche gewichtige Frage im Hintergrunde. Eine darunter kommt mir aber als für das Leben von der größeren Wichtigkeit vor, und so es Dir genehm wäre, möchte ich die Frage wohl gerne von Dir beantwortet haben!«
   02] Sagte Ich: »Wie klingt denn hernach deine Frage?«
   03] Sagte der Wirt: »Also, Herr und Meister: Siehe, der Mensch weiß es recht gut, das heißt durch Lehre, daß seine Seele, von der man auch keinen so ganz rechten Begriff hat, unsterblich ist; aber bei allem noch so festen Glauben mischt sich darunter dennoch stets das bittere Gefühl des gänzlichen Absterbens und endlichen vollen Vergehens und Verschwindens aus der Reihe der lebendigen und ihrer selbst bewußten Wesen.
   04] Mir dem Gedanken des Seins in und über dem Grabe kann man sich selbst bei dem besten Willen nie derart befreunden, daß das Herz darüber eine Wonne empfände, sondern es erschaudert stets von neuem darüber, weil ihm eben in diesem wichtigsten Punkte trotz aller noch so energischen Mühe von gar keiner Seite her ein Licht werden will.
   05] Weil aber eben der Tod und das Grab des Menschen bitterste Gedanken sind, und weil darüber kein haltbares Licht von irgendwoher zu erhalten ist, so ist es so manchem Menschen wahrlich nicht zu verargen, daß er sich in allen Taumel der Welt hineinstürzt, um diese schwarzen Gedanken in sich zu übertäuben. Also über diesen höchst wichtigen Lebenspunkt wäre so ein rechtes Licht aus Deinem Munde, o Herr, wahrlich etwas höchst Notwendiges! Denn was nützen dem Menschen auch die allerweisesten Lehren, wenn er das Leben der Seele nach dem Tode nicht als völlig klar in seinem inneren Lebensbewußtsein besitzt?! Man befolgt wohl die Gesetze und die Lehren, aber mehr der äußerlichen, bürgerlichen Ordnung denn irgendeiner sicheren Gewinnung des ewigen Lebens wegen.
   06] Ich bin nach Möglichkeit doch noch einer der treueren Befolger der Satzungen Mosis und habe über geistige Dinge stets am liebsten und am meisten mit den triftigsten Weisen aller Nationen verkehrt, und sie alle wußten am Ende über den fraglichen Punkt nicht mehr zu sagen denn ich selbst. Die Römer sagen, und mit ihnen auch die Griechen: "Das ist eben der verhängnisvolle Schleier der Isis, den bis jetzt noch kein Sterblicher gelichtet hat!" Ja, das ist recht schön gesagt, und es liegt auch sehr viel Wahrheit darin; aber sie nützt uns leider nichts! Denn der Tote fühlt, hört und sieht nichts mehr, und wir, die wir noch an diesem Leben nagen wie die Wärmer an einem faulen Stück Holz, sehen, hören und fühlen von dem Verstorbenen auch nichts anderes mehr als seinen toten und stinkenden Leib, der wenige Jahre darauf zu Staub und Asche wird. Also, Herr und Meister, der Du das Leben selbst bist nach Deiner Lehre, gib mir und eigentlich uns allen darüber ein unzweifelhaftes Licht, darum ich Dich sehr bitte! Denn wahrlich, mit dem finsteren Gedanken an den Tod, an das Grab und an die Vernichtung möchte ich kein Jahr mehr gemeinschaftlich leben!«
   07] Sagte Ich: »Ja, Mein lieber Freund, deine Frage ist ganz gut gestellt, und es leuchtet aus ihr ein menschliches Bedürfnis ersten Ranges hervor; aber dir darüber eine derartige Belehrung zu geben, daß du das ewige Leben deiner Seele durch ein entschieden klarstes Bewußtsein in dir fühltest, ist eine ganz überaus schwierige Sache! Denn sieh, Ich bin ja eben darum in diese Welt gekommen, um den Menschen dadurch das volle Innewerden des ewigen Lebens zu verschaffen, wenn er vollkommen nach Meiner Lehre lebt und handelt! Kennt aber ein Mensch Meine Lehre nicht, oder - so er sie auch kennt - lebt er aber dann dennoch nicht danach, so kann er zu diesem inneren Lebensbewußtsein auch nicht gelangen, weil Ich allein der Weg und die Türe dazu bin.
   08] Du siehst an einem Baume die Blüte; aber von der werdenden Flucht ersiehst du während der Blütezeit wenig oder nichts. Erst wenn die Blüte abgefallen ist, wird ein ganz kleiner Fruchtansatz bemerkbar. Aber in der Frucht muß ja auch der Same mit dem Lebenskeime erwachsen; wo aber ist der noch im ersten kleinen Fruchtansatze zu bemerken?! Da scheint noch alles ein und dasselbe zu sein. Die Fähigkeit ist wohl schon darin, aber du vermagst sie noch lange nicht von all den andern leblosen Teilen zu unterscheiden, in denen kein Lebenskeim reift. Wenn aber die Frucht die völlige Reife erlangt, dann wirst du ganz leicht und ohne alle Mühe das Samenkorn entdecken.
   09] Und siehe, nahe also ist es auch mit dem vollen und klaren Seelenlebensbewußtsein im Menschen! Solange der Mensch solches nicht in sich hat, solange ist die Seele in ihrem Leibe noch nicht unterscheidbar von dem Fleische lebensreif. Sie ist noch zu sehr und zu eng verbunden mit dem Fleische und kann in sich denn nicht viel anderes fühlen und wahrnehmen als eben das Los ihres Leibes, und selbst die besten Erklärungen können der noch lebensunreifen Seele das innere, völlige reife Lebensbewußtsein nicht geben.
   10] Hat aber einmal durch die eigene Tätigkeit nach Meiner Lehre eine Seele die besagte Lebensreife erreicht, dann ist ihr jeder weitere Beweis dafür ganz unnotwendig. Oder bedarfst du wohl dafür eines Beweises, daß du nun naturmäßig in deinem Leibe lebst? Sicher nicht, und du müßtest jedem ins Gesicht lachen, der sich's vornähme, dir zu beweisen, daß du nun im Leibe lebst, dich bewegst und nach allen Richtungen hin tätig sein kannst. So du aber in einem tiefen Schlafe daniederlägest, könnte dir da ein noch so triftiger Beweis dafür, daß du noch lebst, etwas nützen, da du ihn gar nicht zu vernehmen imstande wärest?!
   11] Siehe, auch ein jedes Tier hat eine Seele, deren Sein eben auch ein geistig-substantielles und somit unzerstörbares sein muß, da es sonst den Tierleibesgliedern keine Bewegung geben könnte! Gehe aber hin und erkläre es einem Tiere, was seine Seele ist, und wie es lebt allein durch die Seele! Würde ein Tier wohl verstehen, was du zu ihm gesagt hättest? Sicher ebensowenig, als wenn du solches zu einem Steine geredet hättest! Warum aber versteht das Tier solches nicht, und warum hat es nicht Worte, um seine Empfindungen einem andern Geschöpfe mitzuteilen?
   12] Siehe, eine Tierseele ist notwendig noch zu tief in ihr Fleisch eingegraben und empfindet außer dem Bedürfnisse ihres Leibes nahezu nichts! Will jemand ein Tier zu einer ganz einfachen Arbeit abrichten, so muß er sich viele Mühe nehmen, um eine Tierseele aus ihrem Fleische insoweit zu wecken, daß es dann versteht, was der Mensch von ihm will.
   13] Glaubst du aber, daß es Menschen gibt, deren Seelen eben nicht gar zu weit über den Tierseelen stehen, ja manchmal von ihnen sogar augenscheinlich übertroffen werden? Nun, solche Seelen durch Worte zu einem inneren Lebensbewußtsein schon diesseits zu bringen, wäre eine völlig vergebliche Arbeit und Mühe! Es genügt hier für solche Menschen schon ein blinder und stummer Glaube, daß ihre Seelen nach dem Tode des Leibes fortleben und dort entweder einen Lohn oder eine Strafe zu erwarten haben, auf daß sie sich dadurch in irgendeine gesetzliche Ordnung, wie der Ochse in sein Joch, fügen. Alles Weitere muß für einen andern Lebenszustand aufbewahrt werden.
   14] Ein Tier kann nur durch allerlei schmerzerregende Zucht in eine brauchbare Tätigkeitsintelligenz gebracht werden, - ebenso ein ganz gemeiner Weltmensch, dessen Seele nur nach der Befriedigung der Leibesbedürfnisse strebt, aber bis auf die Wortbefähigung vor einer Tierseele nahezu nichts Erhebliches aufzuweisen hat.«


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