Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 62

Auftauchen einer großen Seeschlange.

   01] (Der Herr:) »Aber nun sind wir am Ufer des Meeres so weit gekommen, daß wir von der Stadt kaum mehr irgend etwas wahrnehmen, und die Wogen des Meeres schlagen da mächtig an das steinige Ufer. Da vor uns ist eine Fischerhütte! In diese wollen wir eintreten und darin das verheißene Gewitter abwarten. Sehet hin dort gegen Mittag! Von dorther wird es allgewaltigst kommen, und es wird da an Blitzen keinen Mangel haben. Es erhebe sich und ziehe schnell gegen Kapernaum hin!«
   02] Als Ich solches noch kaum ausgesprochen hatte, da fingen plötzlich ganz furchtbar schwere Gewitterwolken an, sich aus dem Meere und über alle die Berge zu erheben, was die Gäste bei unserem Wirte zu Kapernaum bald merkten. Als das bös aussehende Gewitter sich aber mit großem Getöse und mächtigem Donner gegen die Stadt stets schneller zu bewegen anfing, da zahlten die Gäste schnellstens ihre Zechen, und ein jeder lief davon, was er nur laufen konnte. Alle Handelsreden hatten auch plötzlich ihr Ende erreicht, und unseres Wirtes Haus war auf einmal alle seine lästigen Gäste los. Als aber das Gewitter über uns hinzog, da ward es auch unseren Judgriechen bange, da auch sie als alte Juden eine angeborene Scheu vor solchen Gewittern hatten.
   03] Ich aber ermahnte sie zum Mute und zu aller Furchtlosigkeit und sagte: »Seht ihr denn nicht, daß die Geister dieses Ungewitters auch Meinem Willen untertan sind?! Fürchtet euch nicht, - es wird da niemandem ein Haar gekrümmt werden! Ich habe es nicht so sehr der Kapernaumer wegen berufen, sondern vielmehr jener Sendlinge Jerusalems wegen, damit sie um so mehr verspüren sollen, wie Gott die treuen Diener des Mammon lohnt und beschützt.«
   04] Als Ich aber also redete, da schlug gerade vor uns ein Blitz mit gewaltigstem Gekrache in die Erde.
   05] Die Judgriechen prallten vor Angst zurück, und einer sagte zu Mir: »O Herr, treibe dies Ungetüm von hier, sonst kommen wir alle übel um!«
   06] Und Ich bedrohte das Gewitter, und es zog von dannen, und wir standen unter freiem, hellblauem Himmel, worüber die Judgriechen sehr froh waren und Mich darum sehr zu loben anfingen.
   07] Als wir aus der Hütte aber nahe an das Meer traten, da bemerkte einer der Juden, daß sich in einer Entfernung von etwa zweihundert Schritten ein Ungetüm in gewaltigen Krümmungen herumbewegte und eine Menge Seevögel auf dasselbe aus der Luft herabstießen. Er fragte Mich, was das für ein Ungeheuer wäre.
   08] Und Ich sagte: »Das ist eine große Seeschlange, die im Sturme nun wie gewöhnlich auf ihren Raub ausgeht; sonst aber ist sie beständig in der Tiefe des Meeres. Wenn sie sich aber sattgefressen hat, dann sinkt sie wieder auf den Grund und liegt daselbst oft mehrere Wochen lang. Ist sie dann wieder hungrig geworden, so hebt sie sich wieder zur Oberfläche herauf und macht da Jagd auf ihren Fraß. Wenn sie im Wasser zu wenig zu ihrer vollen Sättigung findet, so bekriecht sie auch die Ufergegenden und raubt da Lämmer und Ziegen, auch Schweine, Kälber und Eselsfüllen. Wenn sie den Schiffen in die Nähe kommt, so haben sie ihre Not mit ihr, weil sie in einem hungrigen Zustande auch Menschen verschlingt. Und mit dem wisset ihr nun, was für ein Tier ihr seltenerweise gesehen habt.«
   09] Fragte hier Petrus: »Herr, solch ein Ungeheuer habe ich als Fischer einmal gesehen und dachte: "Sieh, das ist ein Riesenaal; dessen sollte man mittels eines guten Köders habhaft werden!" Ich bereitete mit meinen Gehilfen einen Köder und legte ihn; aber das Tier wich demselben aus und verschwand darauf plötzlich und kam mir bis jetzt nicht mehr zur Sicht. Wie möglich könnte man denn solch ein Tier fangen?«
   10] Sagte Ich: »Das wäre für Menschen, wie sie jetzt bestellt sind, nahe eine pure Unmöglichkeit! Denn fürs erste ist solch eine Schlange sehr schlau und weiß alle ihr drohenden Gefahren zu vermeiden, fürs zweite ist sie sehr schnell in ihrer Bewegung, so daß auch das beste Segelschiff sie nicht einholen könnte, und fürs dritte ist sie für euch kaum glaubbar stark. Würde sie irgend in eine für sie gefährliche Enge getrieben, so würde sie sich über den Feind stürzen und ihn in einem Augenblick erdrücken. Es wäre daher eben nicht rätlich, sie im Ernste zu verfolgen. In diesem Meere sind nur zwei solche Tiere, und wenn sie ausgestorben sein werden, wird dieses Gewässer vollends frei sein von solchen Ungetümen. Diese zwei noch bestehenden aber sind schon sehr alt und gehören der vorweltlichen Tierepoche an, obwohl sie erst das Alter Noahs haben, das heißt von dessen Geburt an bis in diese Zeit.
   11] Diese Tiere gehören eigentlich dem großen Meere an; aber zur Zeit der großen Flut Noahs sind sie in dieses Binnenmeer verschlagen worden und bestehen seit derselben Zeit hier und werden noch ein paar Hunderte von Jahren allda fortbestehen.
   12] In solchen Großtieren sammelt sich der allerroheste Weltseelenlebensstoff und wird in ihnen gemildert und gewisserart zu einem besseren Übergange reifer gemacht. Wenn das Tier dann endlich einmal verendet, so geht sein gesammeltes Leben in viele tausendmal tausend höhere Lebensformen über, in denen es schon in einer kürzeren Frist eine höhere Lebensreife erhält, entweder noch im Wasser, in der Luft oder auf dem Erdboden, und das geht dann also alle Lebensformen hindurch bis zum Menschen herauf. Aber die Menschenseelen, die sich auf diesem Wege entwickelt haben, stehen dennoch auf einer sehr niederen Stufe und sind bei den alten Weisen "Kinder der Schlangen und Drachen" benamset worden; denn die alten Weisen wußten in ihrer Einfalt mehr von der Seelengenitur (Seelenursprung) denn die Weisen heutzutage.
   13] Das sind also die Kinder dieser Welt; sie sind in ihrer Art sehr klug und irdisch reich und mächtig, - aber zur Aufnahme des höheren, geistigen Lebens noch lange nicht fähig.
   14] Von einer ganz gleichen seelischen Abkunft sind denn auch unsere Kapernaumer Kaufleute. Sie gehen stets noch auf den Handelsraub aus und haben ihre größte Freude, wenn sie so einen recht riesenhaften Gewinn gemacht haben. Sie haben daher noch sehr vieles von der gefräßigen Natur solch einer Schlange und sammeln fort und fort Schätze auf Schätze, gleichwie da dieses Tier in sich allerlei Lebenssubstanzen sammelt bloß durch seine unersättliche Freßgier.
   15] Aber wie dem Tiere bei seinem Verenden alles genommen und in die höheren Lebensformen verteilt wird, also wird auch nach dem Leibestode solchen reichen und selbstsüchtigen Käuzen alles genommen, und sie werden jenseits durch eine große Armut und durch Hunger und Durst von ihrer alten Schlangennatur geläutert werden müssen. Es ist zwar bitter und schlimm, daß es also ist; aber es kann für derlei allerunterste Lebensformen nicht anders sein.«


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