Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 40

Einfluß der Lichtgeister. Jesus am Galiläischen Meere.

   01] Sagte, ganz von der Wahrheit Meine Rede durchdrungen, der Älteste: »Großer Meister! Aus dieser deiner lichtvollen Rede haben wir mehr denn sonnenklar entnommen, daß du mehr als ein purer Mensch sein mußt; denn also gar so durchdringend wahr haben wir noch nie einen Menschen reden hören, und wahrlich, solche Worte wirken mehr denn tausend der wunderbarsten Zeichen, die zwar die Menschen wohl auf eine Zeitlang berücken, aber ihr Herz noch mehr verhärten und verfinstern! Darum verlangen wir auch gar kein anderes Zeichen von dir; denn dies dein Wort genügt uns vollkommen, und wir wissen nun schon, was wir künftighin zu tun und zu halten haben. Unser Volk daheim soll fürder nicht mehr im Finstern umherwandeln!«
   02] Sagte Ich: »Das wird von euch sehr wohlgetan sein; aber alles Gute und Wahre braucht auch seine Zeit. Daher müsset ihr denn auch bei allem redlichen Tun und Handeln die Klugheit zu Rate ziehen. Denn ein einmal verfinstertes Volk kann ein plötzlich aufgehendes grellstes Licht nicht ohne Schaden seiner Sehe vertragen; es wird dann wie wahnsinnig, lichtscheu und suchet dann Schatten und Nacht. Darum muß das Licht erst ganz sparsam zugelassen werden, daß sich die Menschen nach und nach an dasselbe gewöhnen. Mit der Zeit werden sie dann auch sogar ganz behaglich das stärkste Licht vor ihren Augen vertragen. - So ihr denn wahre Weise aus dem fernen Morgenlande seid, so müßt ihr auch diese Weisheitslehre treu beachten, so ihr euren Völkern ein wahrer Segen werden wollet.«
   03] Sagte der Älteste: »Auch dieses werden wir und unsere Jünger getreu beachten; denn wir sehen, daß du in allem recht hast und durch und durch wahrhaftig bist. Aber nun möchten wir denn von dir auch noch erfahren, was es mit den uns leitenden Geistern zur Zeit deiner wunderbaren Geburt für eine Bewandtnis hatte; denn wir nahmen es in uns ganz genau wahr, daß sie nicht wir und wir nicht sie waren. Aber wenn sie in uns herrschten, da konnten wir nicht tun, was wir wollten, sondern nur das, was sie wollten, und es kam uns dabei vor, als ob sie unser eigenes besseres Ich wären. Denn da waren wir auch sehr weise und lernten so erst die inneren Naturkräfte und ihre Benutzung kennen; aber wenn sie wie aus uns wichen, dann waren wir wieder ganz dumm und konnten gar nicht begreifen, wie wir die großen Kraftgeheimnisse in der Natur kennengelernt hatten. Was wir des Besseren nun kennen, das ist uns durch jene Geister kundgegeben worden, die wir in hellen Träumen auch zu sehen bekamen. Nun, was mag nach deiner Weisheit wohl dahinter stecken und sein?«
   04] Sagte Ich: »Das ist bei euch darum nichts Besonderes; denn alle von Natur aus besseren Menschen werden von Geistern auf eine manchmal mehr und weniger fühlbare Weise unterwiesen in allerlei geistiger und natürlicher Wissenschaft, und so war es denn auch bei euch auf eine mehr fühlbare Art der Fall.
   05] Und je naturgemäßer, einfacher und in sich gekehrter die Menschen irgend in der Welt leben, desto mehr und lebhafter stehen sie auch mit den besseren und guten Geistern aus dem Jenseits in Verbindung. Und das war denn auch bei euch und mit euch der Fall.
   06] Als ihr aber dann durch eure vielen Reisen weltläufiger geworden seid, da haben euch auch eure Lehr - und Leitgeister verlassen und euch euren eigenen Erkenntnissen, eurer Vernunft, eurem Verstande und eurem eigenen freien Willen anheimgegeben. Aber dennoch weckten sie die Begierde in euch, daß ihr Mich suchen und nun auch finden mußtet, und das war von den drei Geistern ganz wohl gesorgt für euch und eure Kinder und Völker.
   07] Jene Geister aber waren einst auch Menschen auf dieser Erde, und zwar für alle jetzt lebende Menschheit von der größten Bedeutung für diese Erde; doch jenseits hören alle die irdischen Unterschiede von 'erst', 'groß' oder 'klein' gänzlich auf, und der letzte Mensch der Erde wird ihrem ersten nicht nachstehen, vorausgesetzt, daß er den Willen Gottes erkannt und nach dessen Vorschrift und Ordnung gehandelt hat.
   08] Der Wille Gottes an alle Menschen aber lautet ganz kurz also: Erkenne Gott und liebe Ihn über alles und deinen Nächsten, das heißt deinen Nebenmenschen aber wie dich selbst. Sei wahrhaft und getreu gegen jedermann, und was du vernünftigerweise willst, daß man dir tue, das tue du auch deinem Nebenmenschen, so wird Friede und Einigkeit zwischen euch sein und Gottes Wohlgefallen wird über euren Häuptern strahlen wie ein rechtes Licht des Lebens!
   09] Das genüge euch. Aus dem wird euch dann schon alle andere und weitere Weisheit gegeben werden. Und nun möget ihr euch zur Ruhe begeben, denn es ist bereits um die Mitte der Nacht geworden.«
   10] Da dankten die Weisen und baten Mich, am kommenden Tage noch in Meiner Nähe verharren zu dürfen, was Ich ihnen auch gerne gestattete. Darauf begaben wir uns alle zur Ruhe.
   11] Und als wir am nächsten Tage erwachten, da war ein gutes Morgenmahl schon in voller Bereitschaft, und unsere Weisen warteten auch schon mit der größten Sehnsucht von der Welt, Mich wiederzusehen und etwa auch sprechen zu hören; denn Meine Worte haben sie sich sehr zu Herzen genommen.
   12] Als Ich mit all Meinen Jüngern beim Morgenmahle saß, aß und trank und Mich mit dem Wirte über dies und jenes besprach, da horchten die Weisen schon an der Tür. Da sie aber nur über mehr gleichgültige, irdische Dinge Worte wechseln vernahmen, da sagten sie unter sich: »Siehe, heute redet er nicht so weise denn in der Nacht! Er muß sehr vielseitig sein in seinem Wissen! Aber da strahlt nicht viel von göttlicher Weisheit heraus!«
   13] Als sie aber noch also unter sich hin und her urteilten, da kam plötzlich ein Schwerkranker in das Vorzimmer; denn er war ein Nachbar des Wirtes und erfuhr durch dessen Leute, daß Ich beim Wirte angekommen sei und nun daselbst weile. Als er durch die Türe Meiner ansichtig ward, da schrie er: »O Jesus von Nazareth, du wahrer Heiland, erbarme dich meiner und heile auch mich, der du schon so viele geheilet hast!«
   14] Da ging Ich hinaus und sagte: »Wie lange plagt dich denn deine Gicht?«
   15] Und er sagte: »Herr, schon sieben Jahre! Ich aber ertrug die Schmerzen dennoch geduldig, als sie nicht gar so arg wüteten; nun aber werden sie mir unerträglich, und so ließ ich mich zu dir herführen«
   16] Sagte Ich zu den Weisen: »Nun, ihr seid auch Ärzte! Möget ihr diesem Menschen nicht helfen mit eurer Kunst?«
   17] Sagte der Älteste: »Meister, derlei Kranke sind bei uns als unheilbar erklärt, und da hilft auch keine Arznei etwas mehr! Wenn solch einen Gichtbrüchigen die Sonne nicht mehr zu heilen vermag, da hilft ihm auf der Welt nichts mehr.«
   18] Sagte Ich: »Nun, so will Ich denn sehen, ob er nicht mehr zu heilen ist!«
   19] Darauf sagte Ich zum Kranken: »Sei geheilt und wandle; aber sündige fortan nicht mehr, auf daß dir dann nicht noch etwas Ärgeres begegne!«
   20] Darauf ward der Kranke urplötzlich völlig gerade und gesund, dankte und verließ voll Freuden das Haus.
   21] Da erschraken die Weisen und wollten Mich förmlich anzubeten anfangen. Ich aber verwies ihnen solches, und Ich und die Jünger zogen darauf gleich nach Bethanien zum Lazarus, und die Weisen zogen auch noch am selben Tage in ihr fernes Land zurück.


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