Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 19

Die Reinigung von der Sünde.

   01] Sagte ein Bürger: »O Herr, das wäre also wohl schon alles recht, wenn wir nur in unserem ganzen Leben nie gesündigt hätten! Die Sünden brennen uns nun in unseren Herzen vor Dir, der Du unsere Herzen und Nieren durchschauest und heilig bist durch und durch, und wir sind aber gerade das Gegenteil! Daher ist es für uns schwer, nun so ganz heiter und fröhlich zu sein!«
   02] Sagte Ich: »Glaubt ihr denn, daß Ich das früher nicht gewußt habe, als Ich euch angenommen habe?! Ich aber habe euch eure Sünden vollkommen erlassen, dieweil ihr euch selbst von aller Sünde abgewendet habt und hinfort nimmer sündigen wollet und auch sicher nicht werdet, und so seid ihr keine Sünder mehr, sondern nun vollkommen frei von aller Sünde, und so meine Ich, daß ihr desto mehr Grund haben solltet, aus ganzem Herzen fröhlich zu sein!«
   03] Sagte einer von den Bürgern: »Herr, was ist denn mit den Sündenflecken ander Seele? Denn wir haben gehört, daß, so jemand einmal gesündigt hat und ihm bei seiner Besserung durch Bußwerke die Sünde auch erlassen ward, an seiner Seele noch immer ein schwarzer Fleck haften bleibt, durch den sie gebrandmarkt wird dahin, daß ihr dann ob des Fleckes jede ganz reine Seele im andern Leben ausweicht und keine Gemeinschaft mit ihr pflegt, und daß eine solche befleckte Seele so lange nicht zur Anschauung Gottes gelangen kann, bis sie den Fleck im schlimmen Hadesfeuer (Scheol) ganz verloren hat.«
   04] Sagte Ich: »Ja, ja, der Fleck bleibt so lange an der Seele, bis der Mensch der Sünde völlig entsagt hat! Wer aber der Sünde vollernstlich darum entsagt hat, weil sie böse ist und den Menschen verdirbt und von Gott und von allem Guten und Wahren abwendet, der hat auch gar keinen Fleck mehr an seiner Seele und hat Scheols schlimmes Feuer gar nicht mehr zu fürchten. So ihr aber vor euren Seelensündenflecken so einen Respekt habt, wie möglich konntet ihr denn Mich anschauen, da ihr doch nun auch wisset, wer hinter Mir und eigentlich in Mir ist?! Sehet darum, wie schwach und albern ihr noch seid!
   05] Ich sage es euch: So ihr Meine Jünger sein wollet, da müsset ihr euren alten Menschen ganz ausziehen wie ein altes Kleid und einen ganz neuen anziehen; denn Ich und die überaus zerlumpten und verrosteten Tempellehren dieser Zeit taugen durchaus nicht mehr füreinander. Dieses beachtet, und seid vernünftig, edel, heiter und voll guten Mutes!«
   06] Diese Meine für sie sehr tröstliche Belehrung hatte auf unsere Bürger eine gute Wirkung gemacht, und sie griffen nun wacker zum Weine, wurden bald recht heiter und fingen auch bald an, eine Menge ganz heiterer Geschichten zu erzählen, und die Griechen fingen an, ihnen zu sekundieren, und so verging bis zum Untergange die Zeit.
   07] Lazarus bekam bei dieser Gelegenheit auch so manches zu hören, was ihm einen ordentlichen Stoß versetzte, so daß er alle Achtung vor dem Tempel verlor und zu Mir im stillen sagte: »Herr, nun bin ich ganz vom Grunde aus geheilt, und meine Tempelbesuche werden stets seltener werden!«
   08] Sagte Ich: »Da wirst du sehr recht tun; aber tue das mehr im Herzen denn mit der äußeren Tat, auf daß du dir bei den Füchsen keinen argen Verdacht an den Hals ziehest, dieweil du im Tempel bis jetzt noch in einem großen Ansehen stehst! Ein plötzliches Sichzurückziehen würde weder dir noch Meiner Sache zu irgendeinem Vorteile dienen, und Ich sehe ja nur auf den inneren Menschen; denn der äußere ist nichts nütze.«


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