Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 16

Bekehrte Priester sagen sich vom Jerusalemer Tempel los.

   01] Als das Mahl verzehrt war, dankten alle wieder, und die Juden begaben sich dann nach Jerusalem. Die Templer samt dem Hohenpriester machten anfangs freilich große Augen, als die zwanzig schon sehr bejahrten Priester vorgaben, nun eine weite Reise machen zu wollen; aber weil diese ihnen dafür viel Goldes und Silbers hinterließen, so willigten sie endlich doch ein und wünschten ihnen viel Glück auf die Reise. Die zwanzig empfahlen sich schnell und verliefen sich in der großen Stadt, daß man ihnen nicht so leicht nachspionieren konnte, welchen Weg sie eigentlich einschlugen. Sie kannten aber außerhalb der Stadt einen Griechen, der griechische Kleider stets in großem Vorrate hielt und damit Handel trieb. Zu dem gingen sie hin, kauften ihm griechische Kleider ab und ließen die ihrigen dort, was den Griechen sehr wundernahm, darum er sie aus Neugier denn doch ganz bedächtig zu fragen anfing, was denn diese Verkleidung etwa wohl zu bedeuten hätte.
   02] Sie aber sagten (die Priester): »Freund, in diesen Kleidern läßt sich besser allerlei Handel treiben, und da dem Tempel nun von Jahr zu Jahr die früheren Einkünfte ausbleiben, so muß nun ein kluger Handel mit den auswärtigen Heidenvölkern das ersetzen.«
   03] Mit dieser Erklärung war unser Grieche ganz zufrieden, bekam sein Geld und dazu noch die ganz guten und teuren Priesterkleider, war damit ganz vollkommen zufrieden und sagte darauf kein Wort mehr. Nur haben ihm die zwanzig streng aufgetragen, davon gegen niemand je eine Erwähnung zu machen, da er dadurch in große Unannehmlichkeiten geraten könnte. Und der Grieche schwieg dann auch wie eine Mauer.
   04] Die zwanzig aber begaben sich auf einem bedeutenden Umwege als Griechen wieder zu uns hin und kamen nachmittags bei uns an, etwa zwei Stunden nach dem Mittage. Als sie bei uns ankamen, als wir noch am Tische saßen und noch kaum unser Mittagsmahl verzehrt hatten, da wunderten sich Lazarus, der Wirt und auch Meine Jünger darüber, wie diese ihr Geschäft doch so bald abgemacht hatten.
   05] Da sagte einer aus ihrer Mitte: »Ja, hochliebe Freunde, ums Geld geht bei uns alles sehr schnell; aber ohne Geld oder um zuwenig Geld heißt es warten, und das auf einer sehr langen Bank, und nachher geschieht dann auch blutwenig! Aber wir ließen hübsch viel Gold und Silber zurück, und unser Geschäft war darum auch leicht und bald abgemacht. Der Tempel trägt jetzt bei weitem nicht mehr das, was er einstens getragen hat, als die Samariter, die Sadduzäer und nun auch schon ein großer Teil der Essäer, die man im Anfange gar nicht beachtet hatte, von uns noch nicht getrennt waren, und so sind die Haupttempler nun schon recht froh, wenn sich von Zeit zu Zeit ihre inneren Kostgeher vermindern.
   06] Wir kamen darum so ganz leicht durch; aber wir dachten wohl auch sehr daran, der Herr, der uns gestern unsere Bande wieder löste, werde uns nach Seinem heiligen Willen wohl behilflich sein, daß wir unser Vorhaben so anstandslos als möglich durchführen könnten. Und sehet, es ging gerade also, wie wir uns dachten, und daher auch unseren innersten Dank Dir, o Herr! Aber wo harren denn noch unsere Bürger? Es waren ihrer doch auch bei zwölf oder dreizehn! Können die bei ihren Familien denn nicht wenigstens so leicht abkommen, wie wir mit den Templern abgekommen sind?«
   07] Sagte Ich: »So leicht nicht, dieweil sie Familienväter sind! Aber sie werden nicht lange auf sich warten lassen; denn es sind das wahre Ehrenmänner von Jerusalem, wie es deren wenige gibt. Aber nun setzet euch zu uns, und esset und trinket nun als Griechen, und seid heitern und fröhlichen Mutes!«
   08] Da dankten die zwanzig Pseudogriechen, saßen zum Tische, allda wir saßen, und fingen mit aller Lust zu essen und zu trinken an und erzählten uns viele heitere Dinge aus dem gegenwärtigen Zustande des Tempels, von der neuen und falschen Bundeslade, weil die alte merkwürdigermaßen seit dem grausamen Tode des damaligen Hohen- und Oberpriesters Zacharias ihre ganz wunderbare Kraft gänzlich verloren habe. Die neue aber sei darum nun schon beinahe dreißig Jahre alt, und es sei mit ihr in diesem Zeitraume gar kein Wunder mehr verrichtet worden, und dennoch bete das dumme Volk die neue für die alte an.
   09] Es ward auch viel über offenbare Aufhebung der Mosaischen Satzungen und An-ihre-Stelle-Setzung von neuen, allerwidersinnigsten Gesetzen, Strafen und Bußen geredet, und wie sich statt der früheren, wahren Wunder Gottes nun die indischen, persischen und ägyptischen breitmachten, aber mit wenig Glück, weil überall verkappte Essäer sie dem Volke dann bei Gelegenheit wieder auf eine ganz natürliche Art so erklärten, daß es selbst der dümmste Mensch am Ende ordentlich mit Händen greifen müsse, daß das ganze Wunder nichts als ein sogar plump und ungeschickt ausgeführter Betrug sei. Die Folge davon sei, daß der Tempel in seinem Ansehen von Tag zu Tag tiefer heruntersinke, was sie selbst nur zu gut gemerkt hätten. Denn was komme da heraus? Heute werde von einem Oberpriester ein einverstandener, gut bezahlter Blinder, der aber sonst so gut sieht wie unsereiner, vor dem Volke sehend gemacht, - in ein paar Tagen wirkten die Buben auf den Gassen und Straßen zu Dutzenden solche Wunder.
   10] Sie hätten darum im Hohen Rate des Tempels das Petitum (den Antrag) gestellt, daß man wegen der Profanation solcher Verrichtungen mit eben solchen Verrichtungen einen längeren Einhalt tun solle; denn dafür ließe sich ja doch irgendein vernünftiger und glaubbarer Grund ermitteln. Aber das sei alles zu tauben Ohren gesprochen worden. Wunder gewirkt müsse sein, wenigstens des gemeinen Volkes wegen, - dann aber schon oft im Tempel ausgelacht werden auch dazu! Was nütze da ein priesterliches Ansehen, eine ernste Miene und der falsche Aaronsstab, wenn das Wunderwerk an und für sich so dumm sei, daß das schon die gemeinsten Gassenbuben zu belachen anfangen?!
   11] Und so in dieser Weise erzählten unsere Griechen noch so manches, worüber sich Lazarus, seine beiden Schwestern und mitunter sogar unser Wirt, der auf den Tempel schon lange nichts mehr hielt, zu wundern anfingen, und Lazarus, der noch so manche Stücke auf den Tempel hielt, sagte: »Nein, das hätte ich vom Tempel nicht geglaubt! Denn ich muß es offen gestehen, ich habe den Tempel noch stets als ein echter Jude besucht, und so eben nicht selten mich die Tempelherren besuchten, so konnte ich ihren guten Reden und Lehren gerade nichts anhaben und gestand mir selbst gegenüber oft, daß es sehr wünschenswert wäre, so die Menschen nach solchen Lehren lebten.
   12] Aber nun bekommt die Sache ein ganz anderes Gesicht! Was nützen da Wort und Lehre, wenn sie eine pure Heuchelei sind und der fromm scheinende Lehrer bei sich selbst ein verächtlicher Halunke ist?! Solche Lehrer kommen mir gerade so vor wie nach einer guten, alten Fabel die Wölfe in Schafspelzen, die, weil sie die schnellbeinigen Schafe als offene Wölfe nur mühsam erhaschen konnten, sich dann mit Schafspelzen bekleideten, um mit weniger Mühe sie zu erhaschen und zu zerreißen. Na, das werde ich mir wenigstens geheim sehr zum guten Merkzeichen machen! - Was sagst denn Du, o Herr, dazu?«


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