Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 221

Epiphans Vorschläge zur Vermeidung des Todes Jesu.

01] (Der Herr:) »O Freund, dir sage Ich es: Wenn es möglich wäre, den Leidenskelch auf die Seite zu schieben, so würde es auch unverzüglich geschehen; aber es ist solches leider unmöglich, und darum lassen wir nun das! Du weißt es nun, daß solches geschehen wird und auch warum, und eines mehreren bedarf es wohl nicht. Wenn Ich aber werde auferstanden sein, dann erst werde Ich Selbst euch taufen mit dem Heiligen Geiste aus Mir, und der wird euch dann erst führen in alle Weisheit und Macht, und ihr werdet dann, so ihr in Meiner Lehre verblieben seid, alles das als Meine wahren Kinder vermögen, was Ich nun vermag. Und nun sage du Mir wieder, wie dir dieser Antrag und diese Verheißung gefällt!«
02] Sagt Epiphan: »Dem nach, was wir und alle Guten daraus nach Deinem Worte zu erwarten haben, ganz natürlich überaus gut; aber was Du, o Herr und Meister, von der unverbesserlichen Dummheit und Bosheit zu erwarten hast nach Deinen Worten, das gefällt mir ganz und gar nicht! Aber wenn es schon ein für alle Male durchaus nicht anders möglich ist, so geschehe es immerhin nach Deinem Willen!
03] Daß Du Deinem wahren, innern Wesen nach nicht sterben wirst, das ist mir nun nur zu klar; denn wer sollte Dich vom Tode des Leibes erwecken außer Du Selbst mit der Macht Gottes, die in Dir ist?! Diese ist also unzerstörbar; was liegt dann am Sterben eines Leibes, den Du allzeit wieder erwecken kannst, wann Du willst?! Aber das mit der Tötung Deines Leibes offenbar verbundene große Leiden ist mir dennoch eben nicht ganz angenehm!
04] Aber Du bist einmal der Herr, voll der höchsten Weisheit, Macht und Liebe, und weißt Dir am besten zu raten und zu helfen, und so wird alles immerhin nur nach Deinem höchsteigenen Rate und Willen geschehen, wie es auch Dein Wille ist, daß wir Menschen auf dieser Erde einen oft glühheißen Sommer und einen eiskalten Winter zu ertragen haben, was eben auch nichts Angenehmes ist, und zum Beschluß dieses Erdenlebens einen oft sehr schmerzvollen, bittern Tod, und wir können, da das einmal Dein Wille ist, daran nichts ändern. Und so, meine ich, ist auch da Dein Wille, was Dein allerhöchstes Selbst betrifft, nun von uns schwachen Erdenwürmern um so weniger zu ändern! Und so sei und geschehe es, was Du willst!
05] Was aber unsereiner doch noch immerhin tun könnte zur Verhinderung dessen, daß du also leiden sollst, wie Du es mir hier zum voraus angekündet hast, wäre das, daß zum Beispiel etwa ich, Aziona und Hiram hingingen nach Jerusalem zu den Templern und würden als wohlberedte Heiden etwa die Finsterlinge mit ganz gewählten Worten über Dich eines Bessern belehren, und sie würden ihren Grimm über Dich sicher fahrenlassen; und geschähe dies, so könntest Du auf diese Weise den vermeinten Leidenskelch wohl auf die Seite schieben.«
06] Sage Ich: »Ja, Mein Freund, da bleibt Mir wohl nichts anderes übrig, als allein deinen guten Willen fürs Werk anzunehmen; denn siehe, so wenig du eine alte Zeder zu beugen imstande bist, ebensowenig wird ein solcher Großpharisäer oder gar ein Hoherpriester irgendeine Lehre von dir annehmen! Aber was er tun würde, das kann Ich dir ganz genau sagen:
07] Siehe, er würde dich recht freundlich anhören, würde sich von dir mit der besten Miene und größten Freundlichkeit alles über Mich haarklein erzählen lassen! Er würde dir sogar mit kleinen Einwürfen und scheinbaren Zweifeln entgegentreten, - aber das nur darum, um dich in einen größeren Redeeifer zu bringen; und er würde dann aber auch gleich ein anderes Gesicht machen, sowie er sähe, daß er von dir schon so beinahe alles heraushaben dürfte! Auf ein geheimes Zeichen würden dann vermummte Männer in reichlicher Anzahl zu Wege kommen, dich festnehmen, und es wäre schon sehr viel, so du dann noch an ein Tageslicht kämest! Dann aber würde darauf so ein Hoherpriester in Vereinigung mit Herodes sogleich ein ganzes Heer mit großen Prämienverheißungen für Meine Habhaftwerdung aussenden und alles Judenvolk in ganz Galiläa um Meinetwillen quälen lassen - allenthalben, wo man Mich mit Meinen Jüngern nur immer aufgenommen hat.
08] Siehe, das wäre wahrlich nicht, was wir alle als wünschenswert ansehen könnten! Das siehst du ein, und es ist also schon besser: einer für alle mit Effekt, denn alle für einen ohne Effekt! - Siehst du das nun sicher ein?«
09] Sagt Epiphan: »Ja, Herr, nun ist mir alles ganz klar! - Aber nun ist das Essen bereitet, und wir wollen von dem abbrechen und dann mit etwas anderem die Zeit ausfüllen!«
10] Sage Ich: »Ja, das ist auch gut; aber gehe hin und wecke vom Schlafe Meine Jünger!«


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