Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 216

Wunderkraft des Wortes. Lehren ist besser als Zeichenwirken.

01] Sage Ich: »Lieber Epiphan. Ich habe es dir zwar gesagt, daß dir darüber deine beiden Brüder eine gute, wahre Erklärung geben werden; aber da du im vollsten Ernste ein ganz selten offener Geist bist, so will Ich Selbst dir zum wenigsten eine gute Einleitung dazu geben, auf die dann Hiram und Aziona leicht werden bauen können.
02] Du siehst es mit deinen scharfen Augen, daß Ich allen andern wie auch dir gleich nur ein ganz schlichter und einfacher Mensch bin. Ich esse, trinke, trage Kleider nach Art der Galiläer und rede mit denselben Worten, mit welchen du redest. Darin kannst du keinen Unterschied zwischen Mir und dir finden; aber so du redest und füllest deine Worte auch mit deinem allerfestesten Willen, so werden sie dennoch nur Worte bleiben, denn nötigenfalls mühsam auch eine Handlung, aber sicher nur mit höchst mageren Effekten folgen wird. Und siehe, da ist es bei Mir himmelhoch anders! So ich eines Meiner Worte oder auch nur Meiner Gedanken, der eigentlich auch nur ein Wort des Geistes ist, mit Meinem Willen erfülle, so muß auf das Wort auch ohne den allergeringsten Handgriff schon auch die vollendetste Tat folgen!
03] Und was Ich mit Meinem Worte vermag, das muß auch jeglicher Meiner rechten Jünger für sich vermögen, weil sein Inneres am Ende von demselben Geiste geleitet wird wie Mein Inneres!
04] Und siehe, das ist eben ein Etwas in Meiner neuen Lehre, das in solcher Fülle und Vollendung vom Anbeginn der Welt noch nie unter den Menschen ist bemerket worden! Sieh her, Ich habe kein Werkzeug bei Mir und keine geheimen Salben und Pulver, in Meinem Rocke und Mantel findest du keinen Sack, und desgleichen auch bei Meinen Jüngern nicht, - ja, wir haben und tragen sogar keine Stöcke und gehen gleichfort barfuß einher!
05] Wort und Wille ist sonach unsere ganze Habe, und dennoch haben wir alles und leiden keine Not, - außer wir wollen sie wegen Erweichen der harten Menschenherzen selbst freiwillig tragen. Nun, warum vermag Ich denn gar alles mit Meinem Wort und Willen, und warum denn nicht auch du?«
06] Sagt Epiphan: »Ja, da wird es bei mir sehr schwer werden, dir darüber eine rechte Antwort zu bringen! Ich habe zwar dasselbe über dich schon von Hiram und Aziona vernommen und habe auch den Wein, den du aus dem Wasser kreiertest, genossen, der wahrlich nichts zu wünschen übrigließ. Nun, so das dein bloßes mit dem Willen gesättigtes Wort ohne irgendein anderes noch so geheimes Mittel zu bewerkstelligen imstande ist, und so solches 'Wie' auch von dir gelehrt wird, da müßte man vor dir, vor deiner Lehre und vor deinen Worten freilich wohl den höchsten Respekt bekommen! Denn so etwas ist meines ziemlich ausgedehnten Wissens noch gar nie dagewesen.
07] Ich könnte zu dir nun wohl sagen: "Freund und Meister, gib mir nun ein Pröbchen von solch einer deinem willensschwangeren Worte innewohnenden Kraft!"; aber es hat bei mir wenigstens so etwas keine Not, weil ich mich stets lieber durch klare, weise und kräftige Worte denn durch Zeichen belehren lasse. So du mir aber schon einmal gerade so ein Extrapröbchen geben willst, da wird es mir, wie auch meinen Nachbarn, nicht schaden. Doch betrachte du das nur als einen Wunsch und durchaus als keine wie immer geartete Forderung!«
08] Sage Ich: »Lehre ist besser denn Zeichen; denn die Zeichen zwingen, die Lehre aber führt und erweckt die zu erlangende Kraft in sich selbst, und es ist dann das erst des Menschen wahrstes und völligstes Eigentum, was er sich selbst durch die eigene Tätigkeit erworben hat. Aber natürlich bei Menschen, wie ihr es seid, die sich schon lange über alle Glaubenszwangssachen und deren gemessene Schranken hinausgesetzt haben, haben selbst die großartigsten Zeichen keine zwingende Kraft mehr, weil sie für Beobachter wie ihr so lange keine Zwangskraft bekommen, als sie nicht von eurer Lebenstheorie in bezug auf das >Wie< als klar einleuchtend und wohl ersichtlich aufgenommen worden sind. Und so kann ich dir auch schon ohne Schaden für dein und deiner Nachbarn Gemüt ein Pröbchen aufführen.
09] Aber Meine Zeichen, die Ich zur Bestätigung der Wahrheit Meiner neuen Lehre wirke, sollen stets so gestellt sein, daß sie den Menschen nebst dem großen moralischen Nutzen auch den physischen abwerfen, und so glaube Ich für euch und gleichsam in euch, daß es euch für die Folge von großem Nutzen wäre, so ihr euch als nun Meine sehr geachteten, neuen Jünger nicht so ganz und gar in einer allermagersten Wüste befändet, sondern so diese Gegend sogleich in eine sehr fruchtbare umgewandelt würde. - Bist du und seid auch ihr alle damit einverstanden?«
10] Sagt Epiphan: »O Meister, so dir das möglich sein sollte, da würdest du wahrlich ein höchst wohlverdienstliches Zeichen gewirkt haben! Aber wahrlich, so dir das möglich sein sollte, dann wärest du ja doch offenbar mehr denn alle die größten Weisen und jüdischen Propheten der Welt, ja dann wärest du schon so ganz eigentlich im Ernste ein Gott, und deine neue Lehre müßte die vollste Wahrheit sein! Denn sehe sich ein Mensch einmal diese wahre Dabuora (Pech- und Naphthawüste) an! Nichts als nackte Felsen, bis zu den Wolken hinaufreichend; nur der Fuß dieses echten Pechberges ist mit spärlichem Gestrüpp hie und da bewachsen. Nur wenige Quellen sprudeln aus seinem Innern an das Tageslicht hervor, und dort unter den schroffsten Felsabhängen vegetiert ein magerer Zedernwald als ein wahres Heiligtum dieses Pechgebirges; alles sonstige weit und breit ist nackt und kahl wie die Oberfläche des Wassers!
11] Nun, das soll jetzt durch dein Willensmachtwort in eine fruchtbare Gegend der Erde verwandelt werden?! Es ist so etwas zum voraus wohl ein wenig schwer zu glauben; aber du hast es in der Einleitung deiner Lehre gesagt, die, obschon eines sehr rätselhaften Klanges, dennoch in Rücksicht dessen wahr sein muß, weil du ein Mann bist, der erstens zu rein denkt, um sich mit Menschen, wie wir da sind, einen Scherz zu machen, und der zweitens schon so manches außerordentliche Zeichen hier geleistet hat. Ich ersuche dich darum, wenn es dich im Ernste sonst nichts kostet als ein einziges Willenswort!«


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