Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 203

Hirams Begriff vom Messias.

01] (Hiram:) »Ja, ein wahrer Völkermessias wäre eine reine Lehre, durch die die Menschen sich selbst ihrem ganzen Wesen nach und daraus erst Gott als den allweisesten, allmächtigen und liebevollsten Grund alles Seins erkenneten und in solcher Erkenntnis dann auch ihre Nachkommen über alles hinaus zu erhalten trachten sollten! Aber das ist eben der große Weltkrebsschaden, daß sich keine noch so reine Lehre fünfhundert Jahre nur rein erhalten kann, und zwar aus dem Grunde, weil sie durch die nur zu vielen falschen und unlauteren Lehren zu bald getrübt wird, und weil sich bei jeder neuen, noch so reinen und lebenswahren Lehre auch nur zu bald gewisse Älteste und Vorsteher bilden, aus denen eine Priesterkaste entsteht, die keinen Pflug und keinen Spaten mehr anrühren, sondern bloß lehren, dadurch dann auch stets mehr und mehr herrschen und sorglos sehr gut leben will. Nun, wie eine solche privilegierte Kaste dann die reine Lehre handhabt, das zeigen uns die Beispiele aller uns nun bekannten Völker, und es wäre schade, darüber auch nur ein Wort mehr zu vergeuden! Und so bin ich der deiner Weisheit gegenüber freilich unmaßgeblichen Meinung, daß ein Mensch, wie du einer bist oder auch wie dieser junge Mann da, die eigentlichen rechten Völkermessiasse sein könntet, weil ihr dazu der rechten lebenswahren Weisheit und der aus ihr hervorgehenden Macht mehr denn zur Übergenüge besitzet.
02] Aber dazu müßte so manche großartige Vorkehrung getroffen werden! Erstens eine Sichtung aller im Grunde und Boden verdorbenen Menschen, dann zweitens eine totale Vertilgung aller jetzigen Tempel, Schulen, Bethäuser, Priester und Lehrer! Nicht eine Spur von dem jetzt bestehenden Kulturzustande dürfte irgend übrigbleiben! Nur Menschen wie ihr und hie und da so manche noch sollten fortbestehen und vor allem für die reine Erhaltung und Fortpflanzung - sage - deiner Lehre die größte und alles andere Diesirdische nach unserem Beispiele auf die Seite setzende Sorge tragen. So könnte durch solch eine wahre Messiade mit der Zeit allen Menschen wahrhaft geholfen sein. Aber alles andere gewisserartige Ausbessern und Ausflicken ist und bleibt zum Wohle der Menschheit im allgemeinen eine fruchtlose Mühe.
03] Ja, es werden sich wohl hie und da größere und kleinere Gesellschaften bilden, die deine Lehre annehmen, fassen und auch eine Zeitlang rein erhalten werden; aber bald werden entweder, so wie wir hier vor ein paar Stunden gesehen haben, mächtige Weltwüteriche über sie herfallen und sie verderben, oder die Gesellschaften werden neue Lehrer und Hüter dieser Lehre aufstellen, aus denen mit der Zeit ganz dieselben Priester sich entwickeln werden, wie wir sie nun zu vielen Tausenden allerorten betrachten können.
04] Vor allem aber gehört zur fruchtbaren Annahme deiner Lehre eine gänzliche Abwendung des menschlichen Gemütes von allen wie immer gearteten materiell-weltlichen Vorteilen. Über den Pflug, Spaten, Axt und Säge zur Bereitung der notwendigsten Lebensbedürfnisse sollen die Menschen sich nie erheben wollen und sollen auf nichts einen Wert legen als allein nur auf die rein geistige, innere Lebensbildung; dann könnte es gehen. Aber wo ist das nunmehr bei der gegenwärtigen Weltkultur der Menschen möglich?! Wer räumt die zahllosen materiellen Weltinteressen auf die Seite?
05] So aber deine noch so göttlich wahre und reinste Lehre in solchen alten Weltsumpf gesäet wird, da möchte ich doch sehen die Masse des Unkrautes, das da mitten unter den edelsten Trieben deines gesäten Lehrsamens emporschießen wird! Bei uns, ja, so wir ein eigenes, irgend von allen andern Menschen weit entferntes und abgeschlossenes Land haben könnten, würde sich die Lehre sicher am längsten rein erhalten; aber in der andern Welt dürfte es ihr nicht so günstig ergehen!
06] Das ist nun so, wie schon bemerkt, meine Ansicht über den Messias, auf den namentlich die Juden in ihrer Art vergeblich hoffen. Ich kann mich auch da bedeutend geirrt haben; aber da nach deinem Wort ein jeder Mensch zu seiner Lebensvollendung nur durch seine höchsteigene Tätigkeit in der Bearbeitung und Führung seines inneren Gemütslebens gelangen kann, so hat er auch keines andern Messias vonnöten als eines solchen nur, wie gerade du einer bist, nämlich eines wahrhaftigsten und in allen Lebenssphären kundigsten und eben dadurch weisesten Lehrers. Alles andere ist eine dichterische Schimäre und steht ohne alle Spur einer Wahrheit wie ein blüten- und dornenreicher Rosenstrauch da, dessen Frucht so gut wie gar keine ist, weil sie dem Menschen keine Nahrung gibt und zu etwas anderem wenig oder gar nicht frommt, - Was wäre nun wohl deine Meinung über diese meine Ansicht?«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 5  |   Werke Lorbers