Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 196

Die Geldgier des Judas.

01] (Aziona und Hiram:) »Wir beide sind nun schon ganz in der Ordnung zu glauben, daß du vor allem ein Halbgott bist, und dieser junge Mann (Johannes) auch; die andern haben uns zwar von ihren götterhaften Eigenschaften nichts merken lassen, werden aber sicher auch so etwas sein, weil sie zu euch beiden gehören! Nur der eine dort mit einer ziemlich finstern Miene hat noch ein stark menschliches Aussehen und wird unter euch nur etwa ein etwas besserer Mensch sein, weil wir ehedem bemerkt haben, als das feindliche Schiff sich dem Ufer näherte, wie er sehr besorgt seine Geldbörse unter dem Unterrocke gar emsig zu verbergen suchte; denn Götter bedürfen dieses Erdmistes nicht!«
02] Hier kam es einigen Jüngern nahe zum Lachen, und Thomas klopfte dem Judas Ischariot hübsch fest auf die Achsel und sagte: »Gut geschossen, Hirte! Deine Pfeile gehen nach der Linie! Das war einmal ein Hieb zur rechten Zeit! Ich hätte dir dein Liebäugeln mit dem Schiffe und mit jener Felsenwand dort gerne ganz laut verwiesen; aber ich dachte es mir: 'Solches wird vielleicht schon jemand anders tun!' Und richtig, ich habe mich in meiner wahrhaft sehnlichsten Erwartung nicht getäuscht! Schau, du hättest dich vorhin leicht von einem gefälligen Bären gleich mit unter jene Felsenwand hintragen lassen können! Wenn du zufälligerweise nicht mit den an andern von echt indischen Leckmäulern mit verspeist worden wärest, so hättest du morgen früh ganz schön alle die dortigen Kostbarkeiten dir zu eigen machen können! Aber jetzt sieht die Geschichte schon ein wenig bedenklich aus!
03] Nun, weil du nur dein Scherflein bei der herannahenden Gefahr ins Trockne unter den Unterrock gebracht hast, so bist du als ein guter Wirt und Ökonom ja ohnehin sehr zu loben! Aber weißt du, mit dem heimlichen Absammeln, wie du es in Kis - weißt, im großen Hofe! - und beim Markus bei den Zelten des Ouran versucht hast, wird es hier nichts tragen! Ja, bei dieser Gelegenheit scheint für dich Armen wahrlich kein Weizen zu blühen! Ich an deiner Stelle hätte dieser Gesellschaft schon lange den Rücken gekehrt!«
04] Hierauf weiß Judas Ischariot eigentlich gar nichts zu erwidern und steckt alles ganz ruhig ein; denn er hat bei Meiner unerbittlichen Bestrafung der Wüteriche eine große Furcht vor Mir bekommen. Aber er legte sich darauf bald auf den Rasen nieder und fing an zu schlafen.
05] Hierauf sagte erst Hiram: »Ja, ja, jetzt habe ich mir den Mann erst so recht gut angesehen! Er ist derselbe, den ich in meinem euch bekannten Lichttraume ganz dunkel und ohne alles Licht gesehen habe; du, Herr und Meister, aber warst der Leuchtendste! - Aber sagt mir nun, ihr himmlischen Freunde, habt ihr denn nach unserer menschlichen Weise keinen Schlaf und keine Müdigkeit? Wir würden uns nun gleich um allerlei Matten, die wir haben, und sonstiges Lagerzeug umsehen!«

Die Vorzüge der Nachtruhe auf Liegestühlen.

06] Sage Ich: »Oh, laß das alles gut sein! Man ruht bei diesem Tische und auf diesen sogar mit guten Lehnen versehenen Bänken ganz gut aus. Ich sage euch sogar in leiblich-ärztlicher Beziehung, daß die Menschen ihr Leibesleben gut um ein Drittel verlängern würden, so sie sich statt ihrer ebenen Nachtlager gute Ruhebänke und Ruhestühle herrichten würden in der Art, wie du sie hier siehst! Denn mit den Ebenlagern erleidet der Blutstand und -gang zwischen Tag und Nacht eine zu starke Veränderung, von der allein schon frühzeitig allerlei Hemmnisse und Veränderungen in den Verdauungs- und Ernährungsorganen eintreten. Aber in dieser Nachtruheart wird alles viele Jahre in der größten Ordnung verbleiben.
07] Abraham, Isaak und Jakob schliefen nur in gewissen Ruhe- und Lehnstühlen, kannten keine Ebenlager und erreichten darum bei sonstiger Lebensnüchternheit jeglicher ein sehr hohes Alter bei vollster Seelenkraft; als aber später die Menschen nicht mehr darauf achteten, fiel ihre Lebenszeit mehr als um die Hälfte der Jahre herab.
08] Am meisten nachteilig aber ist das Ebenliegen den schwangeren Weibern; denn fürs erste werden dadurch die Kinder schon im Mutterleibe verkrüppelt und geschwächt, und fürs zweite rühren ihre schweren und oft sehr verkehrten Geburten zumeist von den Ebenlagern her. - Das sei euch in leiblich-gesundheitlicher Hinsicht gesagt! Wer sich danach kehren wird, der wird die leiblich-guten Folgen davon verspüren.
09] Dann sollet ihr des Sommers die Nachtruhe auch wo möglich mehr im Freien als in den Gemächern und dumpfigen Hütten nehmen, und ihr würdet die guten Folgen davon bald wahrnehmen! Nur im Winter kann man die mäßig erwärmten, aber stets reinen und trockenen Gemächer benutzen. Wer also der ursprünglichen Ordnung gemäß und sonst in Speise und Trank nüchtern lebt, der wird wenig mit Ärzten und Apotheken zu tun haben.«
10] Sagen Hiram und Aziona: »O du wahrer, göttlicher Herr und Meister des Lebens, auch dafür sind wir dir einen wahrhaft nie endenden Dank schuldig, und wir werden solchen deinen überaus weisen Rat auch nach unseren Kräften und Einsichten ins Werk setzen!«
11] »Ich möchte hier schon für mich«, sagt Hiram, »dazusetzen: Der Meister alles Lebens muß es ja am besten einsehen, was eben allem Leben am meisten frommt! Aber nachdem auf dieser Erde doch einmal allererste Menschen müssen bestanden haben, so fragt es sich, wie diese in der naturmäßigen Hinsicht etwa gelebt haben!«


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