Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 185

Hirams Bedenken gegen die ewige Fortexistenz des Menschen.

01] Sagt Hiram als der gewandtere Redner: »Liebster Freund, von einer klaren Einsicht in das, was du geredet hast, ist bei uns noch keine Rede, - aber wir glauben es dir zufolge deiner zu großen Weisheit; denn wer einmal in allen möglichen Erscheinungen auf dieser Erde eine so alles durchdringende Kenntnis und Einsicht hat und sogar der Menschen geheimste Gedanken wie aus einem offenen Buche herlesen kann, der muß auch in allen möglichen Sphären und Wegen des Lebens tiefst und wahrhaftest bewandert sein, worüber auch nicht der allergeringste Zweifel mehr obwalten kann.
02] Das von dir Gesagte glauben wir nun steinfest. Wohl läßt die rein geistige Präexistenz und die diesweltliche materielle Seelenentwicklungs-Probeexistenz nach deiner Darstellung nahe keine weiteren Fragen mehr zu, weil die Sache nur so und unmöglich anders gedacht werden und irgend bestehen kann - denn die bestimmten und stets gleichen Wirkungen müssen ja notwendig auch stets die gleichen Ursachen haben: das ist nun bei uns schon eine ausgemachte Sache! -; was aber die Nachexistenz betrifft, da lassen sich wohl noch eine Menge äußerst gewichtige Fragen stellen, deren gründliche Beantwortung dir denn doch ein wenig schwerer fallen dürfte.
03] Siehe, ich kann mit vor allem noch den Grund einer - wie du gesagt hast - sogar ewigen Existenz nach dem Abfalle dieses Leibes nicht vorstellen! Was sollen wir denn hernach die nie mehr endende Ewigkeit hindurch machen? Welch eine entsetzliche Langweile wird am Ende sich dazugesellen müssen, selbst im Genusse der höchsten, unbeschreibbaren Seligkeiten! Und am allerschlechtesten wird ein höchst vollendeter Geist daran sein, der natürlich nichts mehr zu erlernen haben wird! Bei dem wird ja eine Lebensmonotonie eintreten müssen, von der wir uns gar keinen Begriff machen können.
04] Ich lasse mir meinetwegen ein zehntausend Jahre langes Leben unter sehr günstigen Lebensverhältnissen gefallen, aber leiblich auf dieser Erde; denn da wird niemand auslernen und sagen können: "jetzt gibt es auf der ganzen Erde nichts mehr, das mir nicht vollends bekannt wäre!" Aber jetzt stelle ich einen höchst vollendeten, nur mit deiner höchst wunderbaren Allwissenheit begabten Geist auf diese Erde! Mit einem einzigen Scharfblicke hat er alle ihre Geheimnisse auf alle künftigen und auch vergangenen Zeiten weg! Was nachher, so er strikte auf dieser Erde bleiben müßte? Er müßte sich nur an den Dummheiten der Menschen weiden und sich selbst mit seiner Macht durch allerlei die Völker durcheinanderhetzende Spektakel die Zeit vertreiben, - sonst müßte ihm ja bis über alle nur denkbare
Verzweiflung hinaus langweilig werden!
05] Mit meiner Vernunft sehe ich da den eigentlichen und über alles beseligenden Grund einer ewigen Nachexistenz nicht ein. Am Ende fängt unsereinen noch die Raum- und Platzfrage sehr zu ängstigen an. So zum Beispiel auf dieser Erde hunderttausendmal hunderttausend Jahre fort Menschen wie jetzt gezeugt werden und nicht alles Meer zu Land wird, wo - wo sollen dann alle Menschen Platz haben und ihre Nahrung finden? Und welchen Raum werden alle die ewig fortlebenden Geister brauchen? Denn innerhalb irgendeines Raumes müssen auch die Geister sein, weil außer dem Raume, der nach Plato unendlich sein soll, nirgends eine Existenz denkbar ist.
06] Es ist daher meines Erachtens viel logischer und der reinen Vernunft gemäßer, nur eine temporäre Nachexistenz anzunehmen denn eine ewige, die sich weder mit dem Lebensgefühle noch mit dem Raume in irgendein günstiges Verhältnis stellen läßt. Uns wenigstens, so wir die Sache beim rechten Lichte betrachten, hat das endliche Zunichtewerden eines zeitlich belebten Wesens noch immer den größten Vorzug vor jeglichem noch so günstigen Fortbestehen, und ein inneres Gefühl sagt es mir immer: Trotz aller selbst der höchsten menschlichen Weisheit ist und bleibt der leibliche Tod dennoch die letzte Linie aller Dinge! - Was sagst du, edler und wunderbarster Freund, nun dazu?«


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