Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 165

Rede des Markus über Glauben und Unglauben.

01] (Cyrenius:) »Hierauf sagte Markus schon im Hergehen: "Von gram sein ist da keine Rede; aber gefallen kann es mir von euch auch nicht, so ihr es mir ganz trocken beweisen wollt, daß ich nur, um euern Sturz zu fördern, mir ein Vergnügen daraus mache, euch mit diesen Wunderdingen einen bergdicken Bären anzuhängen. Ich bin kein Lügner und kein Betrüger, sondern - mehr, denn ihr es je waret - ein größter Freund der getreuesten Wahrheit. Was wohl hätte ich davon, so ich euch einen Bären anhängte?! Daß ihr das schwer glauben werdet, trotzdem es der allerstrengsten Wahrheit nach sich also verhält, das wußte ich wohl zum voraus; denn ich kenne ja so manche Tugenden der Pharisäer, und darunter auch die ihres totalen Unglaubens in allen göttlichen Dingen.
02] Wie sollte auch bei Menschen der allergröbst materiellen Art, deren inneres Seelenauge schon lange am allerdicksten Stare leidet, ein Glaube sich vorfinden?! Und doch ist der Glaube das Auge der Seele, durch das sie die geistigen Bilder in sich aufnimmt und nach und nach erst über ihren Wert und Zweck in ihrem Geiste zu urteilen anfängt, in gleicher Weise wie auch das Fleischauge die Bilder der Außenwelt erst aufnimmt und sich zuerst kein Urteil über den Wert und Zweck des Geschauten machen kann, was oft erst lange nachher durch den erwachten göttlichen Geist im Herzen der Seele geschieht. Aber ein Stockblinder, dessen Auge zur dicksten finstern Materie geworden ist, empfängt keine Bilder von der Außenwelt, bringt somit seiner Seele nichts zur Beurteilung und kann kein Urteil über den Wert und Zweck der Farben abgeben, weiß nichts vom Schatten und vom Lichte und noch weniger von den Formen der Dinge.
03] Wer sonach nicht glauben kann, der hat eine blinde Seele, die er durch seine vielen Sünden geblendet hat! Und das ist nun, wie auch schon lange, bei allen Pharisäern der Fall. Daher können sie auch nichts glauben, als was sie mit den Händen greifen, wie ein fleischlich Blinder sich von der Form einer Sache nur durch Betasten irgendeinen immerhin schlechten Begriff schaffen kann.
04] Aus dem Gesagten könnet ihr wohl abnehmen, wie ich zum voraus wissen konnte, daß ihr in eurer Seelenstockblindheit das schwer glauben werdet, was ihr gesehen und darüber gehört habt. Aber ich dachte mir, daß die Blinden einem sehenden Führer mehr Vertrauen schenken würden, weil sie eines Führers gar sehr bedürftig sind. Aber ihr nennt euch als Stockblinde sehend und haltet mich - wennschon nicht gerade für blind, so doch, was weit ärger ist, für schlecht. Und das ist es eben, was mir an euch durchaus nicht gefällt und zeigt, daß eben euer Herz ein recht schlechtes sein muß und ihr selbst die größten Betrüger sein müsset, weil ihr durchwegs kein wie immer geartetes Vertrauen mehr selbst zu einem allerehrlichsten Menschen fassen könnet.
05] Daß man derlei Menschen unmöglich ganz besonders gut sein kann, das werdet ihr hoffentlich einsehen: denn solche Menschen mißbrauchen allzeit die Güte derer, die ihnen etwas unbesonnenermaßen oft über die Gebühr gut sind. - Nun gehet aber wieder zum Oberstatthalter hin und besprechet euch mit ihm über das, was ihr gesehen und gehört habt!"
06] Da sagtest du zum Markus: "O Freund, da wird es uns schlecht ergehen! Der wird den festen Glauben von uns verlangen; und doch ist es wahrlich unmöglich, das zu glauben, daß das alles, was wir nun geschaut haben, bloß nur Augenblickswerk des puren Nazaräerwillens ist, und doch haben wir hie und da noch an den behauenen Steinen die deutlichen Spuren des Meißels wahrgenommen! Das ist ja doch etwas Ungeheures, so wir so etwas auf Leben und Tod zu glauben genötigt sein werden!"
07] Sagte darauf der Markus: "Hier wird niemand genötigt! Aber ich glaube, daß ihr durch ein anderes Zeichen frei von selbst auch das glauben werdet! Wir sind nun wieder bei der erhabenen Gesellschaft. Gehet nun denn hin zum Cyrenius, der wird das Weitere mit euch verhandeln!"


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