Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 155

Belehrung der Pharisäer durch ein Weinwunder.

01] Sagt der Pharisäer: »Wann war dieser Nazaräer hier, und wie lange hat er sich allda aufgehalten, und ist er schon früher einmal dagewesen?«
02] Hinter dem Cyrenius stand auch der alte Markus und nahm das Wort, sagend: »Dieser göttliche Mann war früher niemals je in dieser Gegend, kam mit Seinen etwelchen Jüngern erst vor etwa acht Tagen hierher und brachte nichts als allein Seinen allmächtigen Willen mit, und Seine Jünger waren stets wie Lämmer um Ihn.
03] Das erste Wunder aber war, daß Er mir befahl, alle meine ziemlich vielen Weinschläuche mit Wasser zu füllen, was ich denn auch sobald durch meine Kinder tun ließ. Und siehe da, kaum waren die Schläuche gefüllt, so war das Wasser, wie es der See enthält, auch schon in den allerköstlichsten Wein umgewandelt! Hier ist noch ein voller Becher eben des wunderbaren Weines! Verkoste ihn und gib dann dein Urteil ab!«
04] Der Pharisäer nahm den Becher, kostete den Wein beinahe bis zum Boden des Bechers aus und sagte: »Wahrlich, einen bessern Wein habe ich noch nie über meine Zunge gelassen! Ist deine Aussage, du alter Krieger, aber auch wohlverläßlich wahr?«
05] Sagt Markus: »Wer mich kennt, wird wissen, daß meine Zunge noch nie durch eine Lüge verunreinigt worden ist. Wer aber da noch fragt, dessen Glaube ist noch immerhin kein starker. Um dir aber ein wenig die Sache näherzubringen und deinem bunten Naturverstande einen Stoß zu versetzen, ersuche ich dich, mit mir an den See mit diesem ganz leeren Kruge zu gehen und ihn selbst mit Wasser zu füllen, und ich stehe dir dafür, daß der noch unter uns weilende Prophet bloß durch Seinen Willen das Wasser augenblicklich in den Wein verkehren wird! Oder sollte es dich bedünken, daß etwa der Krug schon also zu dem Behufe präpariert wäre, so nimm eines deiner Gefäße und gehe hin an den See, schöpfe dort das Wasser an einer beliebigen Stelle, und wie es im Gefäße sein wird, so wird es auch in den Wein, wie du ihn nun verkostet hast, in einem Augenblicke umgewandelt werden! So ich lüge, da soll dies neue Haus samt dem Garten und samt allen meinen übrigen großen Schätzen völlig zu deinem Eigentume werden!«
06] Hier zog der Pharisäer einen Goldbecher aus einem Rocksacke und sagte: »Ich werde es sehen. So das Seewasser darin zu solchem Weine wird, dann gehört dieser kostbare Becher dir!«
07] Mir diesen Worten eilte der Pharisäer samt seinen Gefährten hinaus an den See und schöpfte Wasser, und das Wasser im Becher ward stets zu Wein.
08] Als sich auch alle die Gefährten überzeugt hatten von dieser großen und wunderbarsten Wahrheit, da eilten sie, sich hoch verwundernd, wieder zum alten Markus hin, und der Pharisäer sagte: »Da, nimm den Becher; denn du hast die Wette gewonnen! Ja, da bleibt nun wahrlich auch mir der Verstand stecken! Was soll ich nun dazu sagen? Da geht es nicht mit natürlichen Dingen zu! Es ist sehr merkwürdig: Nicht nur der Geschmack, sondern auch der Geist des Weines war im reichlichen Maße dabei, so daß wir alle beinahe berauscht worden wären! Da kann wahrlich nichts anderes wirken als der Wille des Nazaräers, und es dient uns das als ein Beweis, daß im Ernste auch seine anderen Wunderwerke auf dieselbe Weise zustande gebracht wurden!
09] Wenn man die immerwährende Natürlichkeit der Erscheinungen auf dieser Erde vor sich hat und von einem Wunder - außer den persischen Gaukeleien und den geschriebenen, die aber stets in einen großen Mystizismus verhüllt sind - in seinem ganzen Leben selbst nie etwas zu Gesichte bekommen hat, so wird einem am Ende sogar das ordentlich unglaubbar, was man am Ende nun selbst wirklich und ungezweifelt erlebt hat.
10] Aber was nützet da auch dieses alles, so man den Grund davon nicht einsehen kann? Ja, höchster Gebieter, bei diesen Erscheinungen, die zweifelsohne sich also verhalten, hört alles natürliche Erklären auf! Denn das ist wahrhaft ein Wunder! Dieses kann ebensowenig je natürlich erklärt werden wie die Schöpfung der Welt aus einem für unsere Begriffe und Wahrnehmungen ursprünglichen Nichts. Die ganze Schöpfung ist demnach nichts anderes als ein fixierter Wille der göttlichen Urkraft und des Urseins alles Seins.«


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