Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 142

Reformvorschläge des Essäerleiters Roklus für das Essäerinstitut.

01] (Roklus:) »Was die andern wissenschaftlichen Spielereien betrifft, so können sie ja bleiben; denn davon haben wir ja ohnehin nie einen andern Gebrauch gemacht, als dann und wann den Gästen eine ganz unschuldige Unterhaltung zu verschaffen. Wir können sie aber auch zerstören, so wird niemand etwas dagegen haben können. Vor allem aber muß der künstliche Vollmond weg; denn der ist fürs erste zu plump und taugt nicht einmal mehr zum optischen Betruge für die dümmsten Leute. Die redenden Bäume, Gesträuche, Statuen, Säulen, Quellen und Brunnen werden ausgerottet und an ihre Stelle etwas Besseres gesetzt. Die elektrischen Sachen aber können bleiben, sowie die verschiedenen Brennspiegel; denn diese Dinge gehören in das Fach der Wissenschaft, und man kann mit ihrer Hilfe verschiedene Krankheiten heilen. Dahin gehören auch unsere apothekerischen Künste und die Kunst, Glas zu machen, es zu schleifen und zu glätten.
02] Kurz, was bei uns als irgendeine rein wissenschaftliche Sache der Wahrheit nach besteht, das bleibe, und alles andere hört auf! Und so es aufhört, sind wir darum doch sicher niemandem irgendeine Rechenschaft schuldig; denn das Institut ist unser Eigentum, womit wir nach unserem Belieben zu walten und zu schalten das unbestreitbare Recht durch die Gesetze Roms haben. Wollen wir dem Volke etwas tun, so tun wir es, weil wir es selbst tun wollen, da wir in niemandes Solde oder Dienste stehen. Wir sind Menschen und Herren für uns und haben als selbst Römer und Untertanen den gesetzlichen Schutz so gut wie jeder Römer für uns; dazu besitzen wir noch so viel Schätze und Vermögen, daß wir selbst bei einer krösusartigen Lebensweise unsere Schätze in tausend Jahren nicht aufzehren könnten. Da sehe ich denn sogar in rein weltlicher Hinsicht nicht ein, vor wem wir da schamrot werden sollten! Vor dem Herrn haben wir nun keine weiteren Geheimnisse. Der aber wäre eigentlich der einzige, vor dem wir uns zu schämen hätten; mit Dem aber haben wir die Sache ausgeglichen. Ist Er uns aber nun gut, da Er es sicher zum voraus weiß, daß wir Seinen Willen bis ans Ende der Zeiten so rein, wie wir ihn bis jetzt erhalten haben, in die Erfüllung setzen werden, so wird Er uns auch gut bleiben nicht nur bis ans Ende aller Zeiten, sondern auch ewig jenseits.
03] Sehet und denket es euch, wie höchst töricht es für jeden von uns wäre, so wir etwa darum mit einem Blinden rechten wollten, so er auf einem ihm unbekannten Wege über einen Stein stolperte und also zur Erde fiele und sich beschädigte. Ah, wäre er sehend, da könnte man freilich sagen: "Freund, wozu hast denn du zwei Augen im Kopfe?" Aber dem Blinden kann man nicht solch einen Vorwurf machen; denn er hat die Leuchte des Lebens nicht, und für ihn gehet keine Sonne auf noch unter. Also waren ja auch wir geistig blind, und es konnte uns auch niemand unter die Arme greifen und führen einen rechten Weg! Sind wir aber auf dem Wege, den wir nicht sahen, auch oftmals gefallen, wer kann uns da zu einer uns beschämenden Rechenschaft ziehen?! Wüßten wir denn, was wir nun wissen? Von wem hätten wir das wohl erfahren sollen? Nun wir aber wissen, werden wir auch danach handeln, so wie wir bis jetzt nach dem gehandelt haben, was wir wußten.
04] Es handelt sich nun auch gar nicht darum, ob wir nun unsertwegen bei der neuen Umgestaltung des Institutes mit Ehren davonkommen oder nicht, sondern es handelt sich nur darum, daß wir nicht als betrugsverdächtig vor den Augen der Welt erscheinen, weil wir für die Zukunft zum Wohle der Menschen auf dem Felde der Wahrheit arbeiten wollen und werden, und dazu gehört ein gutes Vertrauen und eine gewisse gute Ehre von seiten der von uns zu belehrenden und zu führenden Menschen, was wir um keinen Preis vergeben dürfen, wenn unsere Mühe gute Früchte tragen soll.
05] Es ist demnach schon alles in der ganz guten Ordnung, und wir können alles abschaffen, so wird das eben nichts Auffallendes sein. Nur einzig die Mond- und Sonnenverfinsterungen werden uns, wenigstens im Anfange, ein wenig haben, weil diese sicher fortbestehen werden! Dann wird bald eine Menge von allerlei Menschen kommen, und sie werden sagen: "Warum lasset ihr denn solche Schrecknisse über uns kommen?! Sind wir Sünder vor euch und den Göttern, warum ermahnet ihr uns denn nicht, auf daß wir Buße wirketen und Opfer brächten euch und den Göttern?!" Was werden wir ihnen dann für eine Antwort geben?
06] Seht, da steckt der eigentliche Haken und Spieß! Nun, da ohne eine Notlüge sich mit der reinsten, göttlichen Wahrheit aus der Schlinge zu ziehen, das wird sich sehr schwer machen! Eine Notlüge aber soll nach dem Willen des Herrn wohl nimmer über unsere Lippen kommen! Was ist dann zu machen?! O du ganz verzweifelte Geschichte! Wie gesagt, da stehen einmal meine Ochsen fest am Berge an und mögen das Fuhrwerk nicht weiter hinaufziehen über die steilen Felswände!«
07] Sagt einer aus der Gesellschaft: »Nun, so frage nun noch den Herrn und Meister über alle Dinge! Der wird dir wohl auch in dieser Hinsicht einen rechten Bescheid geben! Wir können uns darüber schon gleich jahrelang im Kopfe herumtreiben und werden aus ihm dennoch nie etwas Weises herausbringen! Nun aber sind wir noch an der Quelle und können uns da des besten Rates erholen. Wären wir nicht Narren, so wir in solch einer wichtigen Angelegenheit nicht beim allerhöchstweisesten Urheber aller Dinge uns erkundigen möchten, was da zu tun sei, damit wir zum Besten des Reiches Gottes auf Erden vor der blinden Weltmenschheit nicht zuschanden werden?!«
08] Sagt Roklus: »Du hast wohl allerdings recht, und ich kann das natürlich zum Besten der Ausbreitung Seiner göttlichen Lehre auf jeden Fall tun; aber nur müssen wir denn zuvor ganz ehrbarermaßen wohl auch das bedenken, daß unser eben hierin gestelltes Ansuchen an Seine göttliche Liebe und Weisheit nicht etwa eine an sich selbst schon zu große Torheit ist, mit der wir Ihm füglichermaßen denn etwa doch nicht kommen sollten, indem wir da durch entweder unsere noch zu große Torheit oder eine viel zu geringe Achtung vor Seiner unbestreitbarsten Göttlichkeit an den Tag legeten!«
09] Sagt wieder ein anderer aus der Gesellschaft: »Ja, ja, du denkst da ganz recht und billig; aber weißt du, uns allen nützt das nichts! Wenn einer einmal im Wasser um Hilfe ruft, so wird sich da wenig darauf sehen und achten lassen, ob er durch einen unglücklichen Zufall oder aus eigener, selbstwilliger Dummheit hineingefallen ist, - sondern der, dem das Wasser einmal in den Mund zu rinnen anfängt, denkt wahrlich nicht mehr daran, was ihn eigentlich ins Wasser gebracht hat, sondern 'Hilfe! Hilfe!' ist sein Angstruf. Ob ihm geholfen werden kann oder nicht, das ist nun denn freilich wohl eine andere Sache und hängt lediglich von der Klugheit derer ab, die der Unglückliche um Hilfe angerufen hat. Das ist so meine Ansicht!«
10] Sagt Roklus: »Ganz den Nagel auf den Kopf getroffen! Darum werde von mir nun denn auch der Meister aller Meister gefragt! Ich eile zu Ihm hin und werde Ihm unsere Not vorlegen!«


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