Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 105

Die unbegreiflichen Wege der Vorsehung. Stahars Gründe für sein zweifelvolles Verhalten gegen Jesus.

01] (Stahar:) »So sucht ein junger Mensch sich eine Braut. Er klopft hie, und da an und findet nichts als Abweisungen über Abweisungen. Er wird darob ganz erbost und sagt: "Nein, jetzt habe ich's satt! Ich bleibe ledig und werde meine Wirtschaft selbst, so gut es nur immer gehen mag, betreiben!" Wie er nun ganz ernsten Willens von aller Brautwerberei absteht, so bekommt die Sache aber geschwind ein anderes Gesicht! Es kommen nun die Bräute dutzendweise, für jeden Finger zehn, wenn er sie nur versorgen könnte! Ja, warum denn jetzt, und warum nicht früher, als er die Bräute gesucht hatte?
02] Ein dritter geht fischen, gerade in einer Notzeit, weil er Fische für den Markt braucht. Er müht sich, mit allen Kniffen und andern Kunstgriffen für die Fischerei bestens ausgerüstet, eine ganze Nacht ab, und seine Netze bleiben leer. Am Morgen gibt er ganz verdrossen die ganze Fischerei weidlichst auf, wirft aber seine Netze bloß des Scherzes wegen dennoch noch einmal aus, und zwar mit der vollen Überzeugung, auch nicht einen Fisch zu fangen. Und siehe, die ausgeworfenen Netze fangen an, vor lauter Menge der gefangenen Fische von der schönsten Art und edelsten Gattung zu reißen! Ja, warum denn jetzt auf einmal so viel - und früher die ganze Nacht hindurch nichts?
03] So schmachteten die Menschen etliche Jahrtausende unter dem Joche der dicksten Finsternis des allerartigen Aberglaubens. Tausendmal Tausende suchten das vollwahre Lebenslicht. Aber was fanden sie? Gerade das, was wir beide bis jetzt gefunden haben, nämlich - nichts! Was blieb am Ende mir und dir, und also auch vielen Tausenden, übrig? Nichts, als politischermaßen schön fein bei dem zu verbleiben, was wir hatten, und was wir uns durch allerlei Erfahrungen zu eigen gemacht haben! Jetzt, an der Neige unserer irdischen Lebenstage aber haben wir nichts mehr gesucht, und siehe, wie durch einen Zauberschlag hat sich die Pforte des alten Gotteslichtes geöffnet, und wir atmen nun Ströme des Lichtes ein! Warum denn jetzt, und warum früher nicht? - Sieh, so geht es in der Welt, und so will es offenbar der Herr! Warum es aber gerade also und nicht anders ist und sein kann, das wird der Herr auch ganz allein wissen!
04] Dort unten am Tische des Herrn sitzen Seine Hauptjünger. Wer sind sie denn? Ich kenne sie alle! Sie sind Fischer, darunter kaum einige des Lesens und Schreibens kundig, - sonst ehrliche und strebsame Leute! Von ihnen hatte gewiß keiner, uns beiden gleich, je eine höhere und tiefere Lebenswahrheit gesucht, - und siehe, sie haben ein Licht erhalten vor uns allen, die wir unser Leben lang gesucht haben! Glaube es mir, unsere Namen werden untergehen wie das Licht eines Fallsternes und wie das eines Blitzes; aber ihr Licht und ihre Namen werden glänzen bis ans Ende aller Zeiten und die Ewigkeit hindurch! - Wer ist nun besser daran, einer, der sonst wie ein ganz ehrlicher Mensch auf der Erde gelebt und gehandelt hat, oder einer, der sein ganzes Leben dem Forschen nach den inneren, tiefen Lebenswahrheiten geweiht hat?
05] Die Hausordnung des Herrn ist und bleibt dem sterblichen Menschen gleichfort ein unauflösbares Rätsel. Aber was kann der ohnmächtige Mensch da anderes tun, als die Sache mit aller Geduld also nehmen, wie sie kommt; denn von uns aus läßt sich da nichts bestimmen und ändern! Oder können wir nun oder je früher etwas darum, daß wir jetzt so zufällig als nur immer möglich zum allerkolossalst intensivsten Lebenslichte gelangt sind? Wir suchten lange genug mit allen Laternen, von einem wahren Gotte nur wenigstens insoweit uns einen Begriff zu verschaffen, daß wir mit voller und überzeugender Einsicht hätten annehmen können, daß es irgendeinen Gott, der alles leitet und beherrscht, geben muß. Aber umsonst!
06] Was wir suchten, rückte immer tiefer und tiefer in den nichtigen Grund zurück, und wir standen dann der vollen Wahrheit nach bald ganz ohne einen Gott auf der weiten Erde. Du wardst ein Essäer und als solcher ein Magier in optima forma (in bester Form). Ich hingegen blieb dem Außen nach ein nagelfester Pharisäer und leistete als solcher ordentliche Wunder der scheinbaren Frömmigkeit vor dem blinden Volke. Und so lebten wir beide nun eine geraume Zeit ganz harmlos dahin.
07] Den Weg hierher zum alten Fischer Markus haben wir beide zum Vergnügen gar oft gemacht. Haben wir aber je auch nur eine allerleiseste Anmahnung von dem wahrgenommen, daß uns beiden hier einmal das größte Lebenslicht aufgehen werde, daß wir eben hier den allein wahren Gott, von dem wir nicht einmal trotz alles Suchens ehedem einen allerleisesten Begriff bekommen konnten, nicht nur begriffsmäßig, sondern - incredibile dictu (unglaublich zu sagens!) - sogar vollkommen persönlich kennen lernen, und das auf eine Art, die keinen noch so geringen Zweifel hinter sich läßt? Sieh, so geht es in allen Dingen von Gott aus! Wenn man eigentlich gar nichts mehr sucht, dann findet man oft tausendmal mehr, als man gesucht hatte!
08] Du hast dich zwar ehedem über mich aufgehalten, als ich gewisse Äußerungen von mir ließ, die des Herrn unbezweifelbarste Gottheit in einen Zweifel zogen. Mir gefiel heimlich dein Ernst, und wäre es mir mit meinem vorgeschützten Zweifel ernst gewesen, - glaube es mir, daß ich dir schon auch etwas entgegnet haben würde! Aber ich hatte heimlich eine rechte Freude über dich; denn ich dachte mir: "Wüßtest du, warum ich so ganz eigentlich einen Zweifel erhob, so hättest du im Herzen jubeln müssen!" Mich wunderte es nur, daß du dabei den heitern Gleichmut des Herrn übersehen hast, und daß du des Raphael an dich gerichtete Worte viel zu wenig in ihrer wahren Tiefe erfaßt hast. Darum sage ich dir nun noch einmal, daß meine gemachten vielen Erfahrungen einen großen Wert haben! Freund, wer Albions (Englands) Küsten gesehen hat, der hat sicher schon so manches erfahren!
09] Wähle du dir nur zwanzig noch so bewährte und alleraufrichtigste Freunde, und du darfst darauf rechnen, daß unter ihnen sicher ein Verräter lauert, der bei der nächstbesten Gelegenheit einen Schurken machen kann! Ich stehe hier an der Spitze von neunundvierzig, kannst du da mit Sicherheit annehmen, daß darunter gar keiner sei, der zwei Zungen hätte?! Aber sapienti pauca (Dem Weisen genügt weniges!)!, - du verstehst mich hoffentlich; denn gar zu laut braucht man noch immer nicht davon zu reden! Ich stand darum auch vom Tische auf, um hier in einiger Entfernung von meinem Tische ein paar freiere Worte mit dir tauschen zu können. Mein Floran, ja, auf den kannst du Häuser bauen; aber es bleiben dann noch achtundvierzig übrig, von denen es sehr notwendig ist, sich vorher ihrer innern Stimmung völlig zu versichern, ehe man mit ihnen ein ganz neues Feld will zu bebauen anfangen!
10] Du warst ein vollkommener Atheist, ich nicht minder! Aber etliche aus den neunundvierzig waren stets zu dumm dazu; die glaubten an des Tempels mit Händen zu greifende Betrügereien. Sie können daher nur abergläubische, blinddumme Fanatiker sein! Und glaube es mir, daß solche Menschen stets gefährlicher sind uns wahren Menschen gegenüber denn eine ganze Herde Löwen! Darum ist hier eine feine Klugheit sicher am rechten Platze. Aber sieh, mein scheinbares Auflehnen gegen den Herrn war von guter Wirkung! Die meisten gaben mir unrecht und halten es mit dem weisen Floran; nur so ein paar dürften nun noch darunter sein, die es eher mit mir als mit dem Floran hielten. Aber selbst diese meinen, daß ich etwa möglicherweise denn doch ein wenig zu weit gegangen bin! Und nun, lieber Freund Roklus, urteile du nach Recht und Gebühr, erstens, ob ich recht gehandelt habe, und zweitens, ob ich deiner Freundschaft, einem Floran gleich, wert bin!«


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